Tagung

Schwule Identitäten in der Pornografie

16. Jan. 2020 Joe von Hutch
Bild: Colin Davis CC BY 2.0 Quelle
Pornodarsteller Colton Ford

Wir sprachen mit dem britischen Wissenschaftler und Porn-Experten John Mercer über Stereotype und Diversität im schwulen Porno

16.01.20 – John Mercer ist Professor für Gender und Sexualität an der Universität in Birmingham und Leiter des Netzwerkes „Masculinity, Sex and Popular Culture“. 2017 erschien sein Buch „Gay Pornography“.

Am Freitag ist John im Village Berlin auf der Tagung „Männlichkeit und nationale Identität“ zu Gast. Wir sprachen mit ihm im Vorfeld über seine Forschung zu Pornografie im digitalen Zeitalter

John, was können wir von Pornos lernen? Pornografie stellt zwar normalerweise nicht die Speerspitze gesellschaftlicher Veränderung dar – aber sie spiegelt sie wider.

Pornos gab es zuerst auf Video, später auf DVD zu sehen. Dann kamen Internet, Streams und Smartphones. Wie hat die Digitalisierung die Branche verändert? Die Mainstream-Produktionsfirmen von Pornografie haben heute Mühe, Geld zu verdienen. In dem Moment, in dem sie ihr Material hochladen, wird es meist schon raubkopiert. Einer der größten Kopierer von urheberrechtlich geschütztem Material ist zum Beispiel die Online-Pornofirma Mindgeek. Sie hat eine Art perverses und unglaublich cleveres Geschäftsmodell entwickelt mit Raubkopien auf Streaming-Plattformen, bei dem mit dem Daten-Traffic Geld verdient wird.

Müssen wir uns also schlecht fühlen, wenn wir umsonst Pornos im Netz anschauen? Das ist wie immer bei der Frage nach ethischem Konsum: es hilft, darüber nachdenken, wer den Porno gemacht hat, den man gerade ansieht. Die Leute, an die man denken sollte, sind die Darsteller*innen, für die immer weniger Geld übrig bleibt. Sie treten die Rechte an die Firma ab, die das Material dann, in einer beliebigen Anzahl von Formaten, immer wieder verwenden darf. Das bringt jedesmal erneut Geld, die Darsteller*innen werden aber nur einmal bezahlt.

Gibt es Entwicklungen, die dem entgegensteuern? Pornoprofis erkennen zunehmend, dass sie ausgebeutet werden und versuchen, Wege zu finden, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Eine Möglichkeit besteht darin, sich eine Fangemeinde aufzubauen, eigene Inhalte zu erstellen und diese dann über Plattformen wie „OnlyFans“ oder andere direkt an die Fans zu verkaufen.

Wie sieht es mit Amateur-Pornos aus? Ich versuche, den Begriff „Amateur“ zu vermeiden, weil er oft falsch verwendet wird und deshalb so gut wie nichts mehr bedeutet – aber das Genre von „homemade porn“ finde ich spannend. Hier findet sich einiges an Vielfalt und Kreativität, die die Uniformität einer bestimmten Art von Körper und einer bestimmten sexuellen Handschrift unterbrechen. Vor 20 Jahren waren haarige Männer in Titan-Videos fast schon ein Paradigmenwechsel – heute können wir in Sachen Diversität auf etwas mehr hoffen als nur auf ein bisschen Brustbehaarung.

Zum Beispiel? Wäre es nicht interessant, Pornos mit Schwarzen Männern zu sehen, in denen die Tatsache, dass sie Schwarz sind, nicht für weiße Menschen erotisiert wird? Oder Pornos, die das Stereotyp des „passiven schwulen Asiaten“ in Frage stellen? Race wird in schwulen Pornos oft erotisiert – aber immer durch eine weiße Linse.

Gibt es keine Stereotype über weiße Menschen im Porn? Doch. Man kann zum Beispiel davon ausgehen, dass vor dem Internet die Mehrheit der Porn-Konsument*innen amerikanisch war. Pornos aus Osteuropa waren damals entsprechend nicht für osteuropäische Verbraucher*innen gedacht, da man annahm, dass diese kein Geld hätten, um sich die teuren DVDs oder Videos zu kaufen. Deswegen enthalten diese Produktionen Repräsentationen von Osteuropäer*innen für einen amerikanischen Markt.

Siehst du eine Verbindung zwischen dem Porno-Genre „Gay For Pay“ bzw. anderen Darstellungsweisen, in denen suggeriert wird, dass die Darsteller heterosexuell seien, und dem Wunsch vieler schwuler Männer, möglichst „straight“ zu erscheinen? Der alte Trouble mit dem Selbsthass! Wir sind der Meinung, dass „echte (heterosexuelle) Männer“ sexuell begehrenswerter seien als wir selbst.


Aber es ist doch gesellschaftlich heute relativ akzeptiert, schwul zu sein ... Das ist eine sehr prekäre Form der Akzeptanz. Sie könnte uns schnell wieder genommen werden.

Interview: Joe von Hutch

Foto: John Mercer, Birmingham City University

Masculinity & National Identity
Podiumsdiskussion, 16.01., 19:00, Schwules Museum
Präsentiert vom Masculinity, Sex and Popular Culture Research Network (mascnet)

Mascnet-Symposium, 17.01., 09:00–17:00, Village
Gefördert vom Arts and Humanities Research Council,
u. a. mit John Mercer

#Schwules Museum#Pornografie#schwul