Kolumne: Sex-Positionen

Sextoys als Krankenkassen-Leistung?

27. Feb. 2026 Lea Holzfurtner
Bild: Canva
Symboldbild: Eine Auswahl an verschiedenen Sextoys

Sextoys sind nur für sexuelles Vergnügen? Nicht nur, findet SIEGESSÄULE-Autorin Lea Holzfurtner. Sie argumentiert, dass Orgasmen die Gesundheit fördern, Vibratoren von den Krankenkassen gezahlt werden sollten und medizinische Versorgung nicht dort enden sollte, wo Lust beginnt

Vor einigen Wochen war ich als klinische Sexologin mit erstaunlich vielen „GRWM“-Influencer*innen („get ready with me“) zur Eröffnung eines Sextoy-Ladens eingeladen. Mich begrüßte ein Raum in hellem Design und Regale, in denen sich in genau gleichem Abstand unzählige Toys akkurat und perfekt in Szene gesetzt, nebeneinander aufreihten. Vibratoren, die süße Tiergesichter hatten oder als Designerobjekte durchgehen würden. Nichts hier sollte nach Sex aussehen, sondern nach harmloser Selbstfürsorge und hübscher Wellness. Ich frage mich, wer von dieser Clean-Girl-Ästhetik eigentlich beruhigt werden soll? Menschen, denen Sex immer noch peinlich ist oder eine Gesellschaft, die Lust nur akzeptiert solange sie in den für sie designten Normrahmen fällt? Dass es Sexspielzeuge aus der Schmuddel- und in die Wellnessecke geschafft haben, ist fantastisch, aber Sextoys können mehr!

Gerade Vibratoren waren nie nur Gadgets. Sie waren und sind hart erkämpfte Infrastruktur selbstbestimmter Lust für Menschen, die verstanden haben, dass Sex mehr ist als das patriarchale Skript von Penis-in-Vagina, für 82 bis 96 Prozent der Menschen mit Klitoris, die von Penetration alleine nicht kommen und für Menschen ohne Partner*innen, mit Behinderung, Trauma, sexuellen Schmerzen oder Körperdysphorie. Dass Orgasmen außerdem gesund sind, ist erwiesen: Sie reduzieren Schlafprobleme und Schmerzen, beugen Inkontinenz vor, halten das Herzkreislaufsystem fit und reduzieren Stress. Eigentlich gibt es mehr als genug wissenschaftliche Belege, die für eine Bezuschussung durch die Krankenkassen sprechen. Und trotzdem behandeln wir Vibratoren bis heute wie Luxus-Accessoires, was dazu führt, dass sie Lifestyleprodukte bleiben. 

Regelmäßige Orgasmen sind gesund

Dabei ginge es auch anders: Norwegen verteilt beispielsweise seit 2015 kostenlos Vibratoren und Penispumpen an Bürger*innen. Denn sie wissen, dass regelmäßige Orgasmen Kassenpatient*innen gesünder leben lassen. Das ist im Grunde nichts anderes als Gesundheitsvorsorge – ganz ähnlich den bereits existierenden Präventionsprogrammen deutscher Kassen, inklusive Fitnesstracker und Meditationskursen. Warum bleibt die Idee von Zuschüssen für Orgasmushilfsmittel – aka Sextoys – trotz aller Evidenz also weiterhin so abwegig?

Krankenkassen könnten damit spätere Behandlungskosten reduzieren. Nehmen wir den Bereich Stressprävention als Beispiel. Der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse sagte kürzlich: „Neben körperlichen Beschwerden, wie zum Beispiel Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Magenbeschwerden kann Dauerstress auch zu Erschöpfung und Depressionen führen.“ Mit anderen Worten: Stress ist teuer für die Kassen. Und Sextoys könnten dagegen helfen.

Medizinische Versorgung endet bisher dort, wo Lust beginnt und zieht eine Trennlinie, die aktuellen Forschungen widerspricht.

Aber medizinische Versorgung endet bisher dort, wo Lust beginnt und zieht eine Trennlinie, die aktuellen Forschungen widerspricht. Diese Entscheidung ist nicht neutral, sondern schamgetrieben und vor allem eins: politisch. Auch weil körperfreundliche Spielzeuge schnell 80 bis 200 Euro kosten. Wer sich die Hilfsmittel für gesundheitsfördernde Orgasmen kaufen kann, ist also privilegiert.  

Mir reicht es nicht, dass Sextoys nur als Lifestyle-Produkte gedacht werden. Queerfeministische Bewegungen haben sie als Werkzeug gegen das Patriarchat politisiert. Die Toys, die mich am Abend der Ladeneröffnung so schüchtern angelächelt haben, sind im Mainstream angekommen – allerdings entpolitisiert, ästhetisiert und wellnessifiziert. Was wäre, wenn wir Sextoys als das behandeln würden, was sie sind? Zum einen als Werkzeuge für Lust und Orgasmen und damit therapeutische Hilfsmittel für sexuelle Gesundheit. Und zum anderen als wirksame Prävention gegen unterschiedliche Krankheitsbilder. Dazu müssten wir anerkennen, dass gesunde Sexualität nicht nur Fortpflanzung oder Beziehungspflege bedeutet, sondern eben auch Lust.

Die World Health Organisation (WHO) hat das bereits klar formuliert: „Sexuelle Gesundheit ist grundlegend für die allgemeine Gesundheit”. Dabei reicht die Abwesenheit von Krankheit nicht aus, sondern sexuelle Gesundheit braucht auch „einen Zustand von Wohlbefinden”.  

Die [Sextoys] waren so clean, so diskret, so beruhigend präsentiert, weil sie gesellschaftlich akzeptabel wirken mussten. Das hat mich gestört.

Man könnte argumentieren, dass die Sexspielzeuge bei der Ladeneröffnung zumindest auf Wellness ausgerichtet waren und Wohlbefinden suggerieren. Trotzdem haben sie mich an diesem Abend irritiert. Die Produkte waren so clean, so diskret, so beruhigend präsentiert, weil sie gesellschaftlich akzeptabel wirken mussten. Das hat mich gestört. Der Verkauf von Sextoys ist zwar seit 1974 in Deutschland und seit 2008 in den USA endlich straffrei und ihr Besitz in vielen Ländern mittlerweile legal. Außerdem sind Spielzeuge heute großflächig verfügbar und werden sogar von Menschen beworben, die uns sonst mit Matcha in der Hand über ihre Skincare-Routine berichten. Aber der Sex, den wir mit oder ohne Toys haben sollen, ist immer noch genauso genormt und auf Perfektion getrimmt wie ihre Präsentation im Laden.

Sexuelle Gesundheit weiter denken

Das Penis-in-Vagina Skript und vaginale Orgasmen bleiben Goldstandard. Egal wie sehr das der Anatomie und aktuellen Forschungsergebnissen widerspricht. Scham und Stigma für alles außerhalb des Skripts bleibt massiv. Ich sehe das in meiner klinischen Arbeit täglich. Deswegen reicht es mir nicht, dass Toys jetzt Wellness sind. Es braucht weiter Aktivismus und Signale aus der Politik, damit sexuelle Gesundheit auch außerhalb von Kinderwunsch und Infektionsvermeidung gedacht wird. Es braucht eine politische Entscheidung, diese therapeutischen Lust-Hilfsmittel durch die Kassen zu fördern. Scham ist kein überzeugender Grund die Evidenz des (präventiven) Nutzens von Sextoys weiter zu ignorieren.

Es reicht mir nicht, dass Toys jetzt Wellness sind. Es braucht weiter Aktivismus und Signale aus der Politik

Noch ein weiterer Gedanke: Wie wäre es, wenn ihr, liebe Berliner Start-ups und agile Etablierten, neben UrbanSports-Abos, Obstkörben, Mindfullness-Trainings und HelloBetter-Therapeut*innen in der Zwischenzeit auch Workshops und Hilfsmittel für sexuelle Gesundheit unaufgeregt in eure Mitarbeiter*innen-Angebote packt? Niedrigere Krankenstände, mental gesündere und stressresistente Teams hören sich doch gar nicht so verkehrt an, oder? Ich helfe eueren Happiness Manager*innen gerne dabei.

Lea Holzfurtner (@sexcoach.berlin) ist klinische Sexologin, Autorin von „Dein Orgasmus” und Vorständin von BiBerlin.eV. In ihrer Berliner Praxis und im Podcast „Berlin Intim“ coacht sie Menschen mit Klitoris und deren Partner*innen.

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