Neues Album „Hands“

So vielfältig wie noch nie: die lesbische Musikerin Wallis Bird

27. Mai 2022 Christina Mohr
Bild: Arno
Wallis Bird

Mit einem frischen Sound zwischen 80s-Electronics, Indiepop und sophisticated Dancemusic meldet sich die irische Wahlberlinerin Wallis Bird nach persönlich und kreativ schwierigen Jahren zurück. Ihr neues Studioalbum „Hands“ wurde produziert von Philipp Milner von der Hamburger Band Hundreds und zeigt die lesbische Künstlerin auf der Höhe ihrer Kunst

Viele Textzeilen auf „Hands“ handeln von Veränderung, neuen Sichtweisen und davon, das Leben buchstäblich in die eigenen Hände zu nehmen. Der Albumtitel bedeutet für Wallis Bird allerdings mehr als nur eine hübsche Pointe: Als Kind verlor sie bei einem Unfall mit dem Rasenmäher ihrer Eltern alle Finger der linken Hand – die glücklicherweise wieder angenäht werden konnten, nur der kleine Finger blieb deutlich kürzer. Die junge Wallis musste sich ihre gerade erlernten Gitarrenskills neu draufschaffen und spielt seitdem die Rechtshänder-Gitarre „verkehrt herum“.

Birds ungewöhnliche Handhabung ihres Instruments in Kombination mit unbändiger Energie sollte fortan zu ihrem Markenzeichen werden und führte nicht zuletzt dazu, dass Amanda Palmer ein Konzert von Wallis Bird zu den besten zählte, die sie jemals gesehen habe. Der schwere Unfall aus Kindertagen ist aber nicht der einzige Link zum Titel „Hands“. Die in Berlin lebende irische Singer-/Songwriterin ist fasziniert von den verschiedenen Bedeutungsebenen, die sich durch das Bild der Hände ergeben: Zärtliche Berührungen können von Händen ausgehen, aber auch Gewalt. Man reicht sich die Hände, liest aus Händen, nimmt das Heft in die Hand – oder gibt etwas aus den Händen, wie Bird es bei diesem Album getan hat.

Übernahm Wallis auf ihren früheren Platten normalerweise auch den Großteil der Produktion, überließ sie diesen Part dieses Mal hauptsächlich Philipp Milner, Mitglied der Hamburger Band Hundreds, die Wallis sehr liebt. Milners elektronisch-popaffiner Ansatz passt hervorragend zu Birds eklektischem Ansatz, für den sie selbst einst den Begriff „Solk“ (aus Soul und Folk) erfand.

Nach dem ihrer Partnerin gewidmeten Album „Home“ (2016) und der inhaltlich zwar dezidiert politischen, musikalisch aber ziemlich seichten letzten Platte „Woman“ (2019) trat Wallis kreativ auf der Stelle. Sie trank und feierte zu viel, komponierte kaum – eine hedonistisch-rauschhafte, aber auch beängstigende Zeit, die sie offen im energiegeladenen Song „I Lose Myself Completely“ thematisiert: „I lose myself completely / In the drink and in the moment … / But I don‘t remember that / And I don‘t remember you“. Solche Sachen passierten Wallis öfter, das Trinken wurde zum Problem. Die Zusammenarbeit mit dem – im Wortsinn – nüchternen, sehr gesund lebenden Milner in seinem Studio im Wendland kam genau richtig und entfachte Wallis‘ Lust am Musikmachen neu.

Von Folk bis Techno

Milners Einfluss ist deutlich, aber nicht übermächtig, sondern kanalisiert Birds Ideen in überraschende, aber nie überladene Arrangements. Experimentierte Bird schon früher gern mit verschiedenen Stilen, klingt sie auf „Hands“ so spannend und vielfältig wie noch nie. Zu den wuchtigen Drumbeats des programmatisch betitelten Songs „What‘s Wrong With Changing“ gesellen sich 80er-Synthies und Wallis‘ coole Rap-Einlagen, während „Aquarius“ und „Dream Writing“ auf so leichten wie euphorischen Discogrooves tänzeln, akzentuiert von kuriosen elektronischen Details. In „F.K.K. (No Pants Dance)“, das von einer ekstatischen Gartenparty bei Wallis‘ Nachbarn inspiriert wurde, bringt Milner sogar ordentlich wummernde Techno-Drumsounds unter, der letzte Track „Pretty Lies“ steigert sich vom nostalgischen, mit Vogelgezwitscher untermalten Folksong zur

Artrock-Minioper inklusive kreischender E-Gitarre. Leise Töne gibt es aber auch: „I‘ll Never Hide My Love Away“ zum Beispiel ist formal ein minimalistischer Folksong, der Birds zutiefst persönliche Lyrics besonders gut zur Geltung bringt: „I‘ll never hide my love away / not if it‘s dangerous / least when it‘s safe“, singt Wallis voll Inbrunst und Leidenschaft und macht sich in fast allen Songs für Akzeptanz in Gender- und Liebesfragen stark. Nach einer schwierigen Phase gehen bei Wallis Bird Kreativität und Power endlich wieder Hand in Hand.

Wallis Bird: Hands (Mount Silver Records/Virgin), ab dem 27.05. erhältlich

Wallis Bird live,
01.10., 20:00, Gretchen

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#Wallis Bird