Ausstellung „Persistence of Vision“

Spezifisch und zeitlos: Peter Hujar und Liz Deschenes im Gropius Bau

20. März 2026 Matthias Kählert
Bild: The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Candy Darling on Her Deathbed, 1973

Eine neue Ausstellung verbindet Peter Hujars Fotografien eines New York zwischen Stonewall-Protesten und Aids-Krise mit zeitgenössischen Werken der ebenfalls in New York lebenden Künstlerin Liz Deschenes

Ein Mann im ekstatischen Moment des Orgasmus, Susan Sontags verträumt-melancholischer Blick, Warhol-Muse Candy Darling, vielleicht nie schöner als auf ihrem Sterbebett: Eigentlich merkwürdig, dass Peter Hujar nicht so bekannt ist wie Diane Arbus oder Richard Avedon, obwohl seine Bilder tief ins popkulturelle Bewusstsein vorgedrungen sind.

Von den späten 60er-Jahren bis zu seinem frühen Tod 1987 war Hujar als Fotograf in New York tätig: von den Stonewall-Protesten bis zu den Anfängen der Aids-Pandemie, der er zum Opfer fiel. Als schwuler Mann war er eine zentrale Figur im queeren Kunst- und Intellektuellenmilieu des East Village. Außerhalb dieser Szene wurde seine Arbeit erst nach seinem Tod gewürdigt.

Das Interesse an Hujar steigt seit ein paar Jahren. Im Gropius Bau sind seine Fotografien in der Ausstellung „Persistence of Vision“ zu sehen, dem ersten umfassenden Überblick in Berlin über sein Schaffen. Anstelle einer klassischen Retrospektive wird er aber zusammen mit der zeitgenössischen Künstlerin Liz Deschenes gezeigt. „Liz ist eine Gesprächspartnerin, die als Kontrast einen anderen Blick auf das Werk eröffnet“, sagt Kuratorin Eva Respini im Gespräch mit SIEGESSÄULE.

Bild: The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Christopher Street Pier #3, New York

In dieser Gegenüberstellung interessiert sie, dass beide eine gemeinsame Haltung teilen: „Sie queeren Fotografie insofern, dass sie die Vorgaben infrage stellen, wie etwas repräsentiert werden soll.“ Liz Deschenes entwickelt aus Materialien und Techniken der analogen Fotografie raumgreifende Skulpturen, die die Entstehungsbedingungen von Bildern und deren Einfluss auf die Darstellung untersuchen. Hujars Fotografien wirken im Vergleich klassisch, obwohl sie in ihrer Entstehungszeit oft auf Unverständnis stießen. „Viele sind neugierig darauf, unsere Arbeiten nebeneinander zu sehen, wenn ich ihnen von der Ausstellung erzähle“, so Deschenes zu SIEGESSÄULE.

Porträts und Cruising-Spots

1966 geboren, lernte Deschenes Hujars Werk posthum kennen: „Als ich vor etwa 20 Jahren seine Stadtansichten aus den 70er- und 80er-Jahren von New York bei Nacht gesehen habe, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie außergewöhnlich die Wahl seiner Themen war und wie er sie behandelte.“ Neben Porträts von Menschen und Tieren werden in der Ausstellung diese majestätisch erdrückenden Skylines gezeigt, sich auftürmende Müllberge, verfallene Lagerhallen und Parkplätze, die als Cruising-Spots genutzt wurden.

Das Interesse der beiden Künstler*innen an Architektur findet in den Räumen des Gropius Bau ein Echo: Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verfiel das Gebäude jahrzehntelang als Ruine im Niemandsland um die Berliner Mauer. Zerbrechliche Glasgerüste von Deschenes verweisen auf diese Geschichte und setzen sie in Beziehung mit Hujars von Sehnsucht und Verletzlichkeit geprägten Stadtlandschaften.

Bild: Courtesy Liz Deschenes & Miguel Abreu Gallery, New York; Foto: Stephen Faught
Liz Deschenes, Untitled (Claude Glass 1), 2023

Das Verhältnis von Schönheit und Vergänglichkeit macht Hujars Fotografien heute zu eindrücklichen Dokumenten ihrer Entstehungszeit. Für Deschenes gehen sie aber über eine Momentaufnahme hinaus: „Das Brillante an seiner Arbeit ist ihre Zeitlosigkeit. Je spezifischer Künstler*innen sind, desto eher eröffnen sie die Möglichkeit, darüber hinaus verstanden zu werden.“

„Das Brillante an seiner Arbeit ist ihre Zeitlosigkeit. Je spezifischer Künstler*innen sind, desto eher eröffnen sie die Möglichkeit, darüber hinaus verstanden zu werden.“

In seinen Bildern versuchte Hujar echte Nähe und Wahrhaftigkeit zu erzeugen. Dieses Versprechen der Fotografie hat bis heute seinen Reiz nicht verloren – was auch das aktuelle Interesse an seinem Werk erklären könnte. Wie lässt sich dabei die Gefahr einer nostalgischen Verklärung umgehen? Vielleicht kann gerade der Dialog mit Deschenes’ reflexiven Arbeiten ein unverstelltes Bild von Hujar geben.

Peter Hujar & Liz Deschenes: Persistence of Vision,
19.03.–28.06.,
Mo, Mi–Fr 12:00–19:00,
Sa, So 10:00–19:00,
Gropius Bau,
berlinerfestspiele.de/gropius-bau

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