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Irischer Post-Punk-Newcomer

Sprints: „Eines Tages werde ich hoffentlich die große LGBTIQ*-Ikone sein“

7. Feb. 2024 Marcel Anders
Bild: Niamh Barry
Die vier Musiker*innen von Sprints mit Sängerin und Lead-Songwriterin Karla Chubb

Vier Jahre nach ihrer ersten Single präsentieren die Post-Punk-New­comer aus Irland ihr Debütalbum „Letter to Self“. Darauf betreibt die Band Sprints musikalische Selbsttherapie – und wettert gegen das Reaktionäre, Konservative und Queerfeindliche ihrer Heimat. SIEGESSÄULE sprach mit der lesbischen Sängerin Karla Chubb

Karla, wie therapeutisch sind die Songs auf eurem Album? Ich denke, das Album ist vor allem kathartisch und auch sehr persönlich. Im Sinne von: Die Songs sind autobiografisch und sagen eine Menge über uns aus. Das war uns wichtig, weil ein Debüt wie eine musikalische Visitenkarte ist: Es zeigt, wer wir sind und worum es uns geht. Nämlich damit, was uns bewegt, stört und verletzt. Wir sind wütend über bestimmte Dinge und wollen das zum Ausdruck bringen – so, dass sich andere damit identifizieren und wir gemeinsam dagegen vorgehen können.

„Die Songs sind autobiografisch und sagen eine Menge über uns aus. Das war uns wichtig, weil ein Debüt wie eine musikalische Visitenkarte ist.“

Mit Texten über Schlaflosigkeit, Einsamkeit, Isolation und sogar Selbstmordgedanken? Ist dein Leben so schlimm? (lacht) Es fiel mir lange schwer, mich selbst zu akzeptieren. Sprich: Bis vor ein paar Jahren hatte ich eine Menge Probleme – auch mental. Was daher rührte, dass man mir ständig gesagt hat, ich wäre nicht gut genug oder würde nie Erfolg haben, nie mit „normalen“ Menschen kommunizieren können oder den richtigen Partner finden. Einzig und allein wegen meiner Sexualität. Klar, heute ist es kein Thema mehr, ob man queer, trans* oder was auch immer ist. Doch als ich in Irland aufwuchs, war das undenkbar. Homosexualität war bis 1994 illegal – weshalb ich jahrelang gedacht habe, ich lebe in Sünde oder hätte keine Daseinsberechtigung. Und darüber hinwegzukommen ist nicht leicht. Ich hatte wirklich Selbstmordgedanken, gerade in meinen frühen 20ern, als ich mir völlig verloren vorkam. Damals war ich eine eher schlechte Studentin – ich war sehr schüchtern, fühlte mich verloren, hatte kaum Freunde und habe mit meiner Identität gekämpft. Das war eine düstere Zeit. Und wenn man erst eine Depression entwickelt, verschwindet sie nicht gleich wieder. Mehr noch: Sie kommt immer wieder und dann umso heftiger. Zum Glück bin ich gerade in einer wunderbaren Beziehung, habe tolle Freund*innen und eine Karriere, die ich liebe. Das hilft ungemein.

Wobei es aktuell extrem hip zu sein scheint, wenn man als Künstler*in queer ist. Pure Ironie? Manchmal denke ich, die Leute wollen sich nur einen hippen Anstrich geben, indem sie das plötzlich toll finden. Eben als wollten sie zeigen, wie weltoffen sie sind. Aber alle irischen Bands, die in den letzten Jahren Karriere gemacht haben, waren straighte Jungs mit altmodischen Ansichten. Insofern haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns. Aber es ist natürlich auch toll, dass das Thema Queersein mehr mediale Aufmerksamkeit bekommt. Denn: Sichtbarkeit ist alles! Wenn also jemand – egal ob männlich oder weiblich – 14 und queer ist und Angst hat, eine Gitarre in die Hand zu nehmen, weil er oder sie befürchtet, dafür kritisiert zu werden, dann ist es im Grunde das Gleiche wie bei mir. Ich hatte fürchterliche Ängste. Aber vielleicht hilft es ja, mich auf der Bühne zu erleben und mich darüber reden zu hören. Es ist viel zu lange nur eine Personengruppe gewesen, die in der Musik erfolgreich war. Von daher ist es höchste Zeit, diese Plattform zu einem Sprungbrett für wirklich alle zu machen.

Spricht da die LGBTIQ*-Aktivistin? (lacht) Ich hätte nichts dagegen. Schließlich schreibe ich diese Songs. Nur: Ich bin mir auch meiner Schwächen bewusst und längst nicht so cool und selbstbewusst, wie ich vielleicht auf der Bühne rüberkomme. Aber eines Tages werde ich hoffentlich die große LGBTIQ*-Ikone sein. Momentan kämpfe ich erst einmal um meinen Platz in der Welt.

„Es ist wichtiger denn je, für seine Überzeugungen und Rechte zu kämpfen und jede Plattform zu nutzen. Auch die Musik.“

Warum steht die LGBTIQ*-Bewegung aktuell so unter Beschuss? Warum ist die Welt wieder so konservativ und rückwärtsgewandt? Der Stiefvater meiner Partnerin ist Pole und redet ständig davon, wie furchteinflößend der Aufstieg der Rechten in seiner Heimat sei. Zum Glück haben sie jetzt einen Ministerpräsidenten gewählt, der wieder mehr nach links tendiert. Aber in Italien und gerade in Russland sind die Zustände verheerend. Und es ist schlimm, was sich online abspielt. Da sieht man den Einfluss eines Donald Trump ganz deutlich – auch hier in Irland. Die Rechte hat enormen Zulauf, es gibt eine massive Anti-Trans*-Rhetorik und eine Menge Ausländerfeindlichkeit – was beunruhigend ist. Von daher ist es wichtiger denn je, für seine Überzeugungen und Rechte zu kämpfen und jede Plattform zu nutzen. Auch die Musik.

Dabei schien Irland in Sachen gleichgeschlechtlicher Ehe und Akzeptanz von LGBTIQ* mal sehr fortschrittlich. Ja, wir haben 2015 mit überwältigender Mehrheit für die Eheöffnung gestimmt – genau wie für ein liberaleres Abtreibungsgesetz. Das war eine Riesensache. Nur: Man darf das nicht als gegeben hinnehmen, sondern muss es schützen und bewahren. Denn je mehr Probleme die Menschen haben – mit Einkommen, Mieten etc. –, desto mehr suchen sie sich einen Sündenbock. Und trans* Menschen scheinen derzeit ein besonders leichtes Ziel zu sein. Dabei machen sie nur 0,2 Prozent der Bevölkerung aus. Dass die Rechte sich ausgerechnet darauf einschießt und daraus eine Gefahr für unser aller Kinder macht – wenn es Kriege, Hunger und Armut gibt –, ist der Wahnsinn.

Im Song „Cathedral“ formulierst du deine Unzufriedenheit mit der katholischen Kirche – und nennst sie eine Institution, die Menschen unglücklich macht. Es passt nicht zusammen, Liebe und Glück zu predigen, aber gleichzeitig Menschen auszuschließen und Pädophile in den eigenen Reihen zu schützen. Es hat Spaß gemacht, der Kirche mal den Mittelfinger zu zeigen. Denn sie ist immer noch stark ins irische Bildungswesen involviert. An etlichen Schulen wird man erst gar nicht zugelassen, wenn man nicht getauft ist.

„Es hat Spaß gemacht, der Kirche mal den Mittelfinger zu zeigen.“

Warum „Sprints“ – also Kurz­streckenlauf? Was hat Musik mit Sport zu tun? Es geht um ein Ventil. Eine gesunde Art, seine Gefühle aufzuarbeiten und seine Wut zu kanalisieren. Für einige ist das Sport, für mich ist es Musik. Und die ist in unserem Fall nun mal sehr schnell, energetisch und kurz. Insofern hat sie was von einem Sprint im Sinne von Kurzstreckenlauf.

Im Opener „Ticking“ wartest du mit deutschen Texten auf. Als Kind habe ich fünf Jahre in Düsseldorf gelebt, wo mein Vater einen Marketingjob hatte. Ich war dort im Kindergarten, bis wir zurück nach Dublin zogen. Ich kann zwar noch ein bisschen Deutsch sprechen und verstehen, aber meine Grammatik ist scheiße. (lacht) Als wir im Studio waren und mir nichts für den Text zu „Ticking“ einfiel, habe ich ein paar Brocken Deutsch benutzt. Das hörte sich irgendwie cool an. Die Jungs in der Band meinten nur: „Klasse, fertig.“

Sprints: „Letter to Self“ (Album), jetzt erhältlich
sprintsmusic.com

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