Indiepop

St. Vincent: „Ich hatte das Gefühl, an den Pranger gestellt zu werden“

25. Mai 2021 Marcel Anders
Bild: Zackery Michael
Neuer Look, neuer Sound: St. Vincent

Auf den ersten Blick ist „Daddy‘s Home“, das neue Album von St. Vincent, ein Konzeptalbum über die Entlassung ihres Vaters aus einem US-Bundesgefängnis, in dem er wegen Steuerhinterziehung gesessen hatte. Doch dahinter verbirgt sich weitaus mehr: Es ist ein musikalischer Mittelfinger an die Massenmedien, das amerikanische Rechtssystem, den wütenden Zeitgeist. Marcel Anders sprach mit der US-Künstlerin über ihren Vater, lesbisches Begehren und ihre medienwirksamen Beziehungen zu Cara Delevingne und Kristen Stewart

Als jemand, der sein Privatleben unter Verschluss hält und auf Fragen dazu gereizt reagiert: Warum veröffentlichst du ein Album über die Entlassung deines Vaters aus einem Gefängnis? Ist das kein Widerspruch? (lacht) Gute Frage. Ich würde sagen: Ich konnte nicht anders. Ich wollte das endlich abschließen und ein für alle Mal hinter mir haben. Denn mich haben diese neun Jahre, die er eingesperrt war, wirklich belastet. Ganz zu schweigen von den Besuchen. Es stimmt, dass das kein Thema ist, über das ich je öffentlich gesprochen hätte. Es wurde mir quasi aufgezwungen, indem die Boulevardpresse das vor ein paar Jahren ans Tageslicht gezerrt hat, als sie nach Dreck über mich suchten. Ich habe versucht, die Kontrolle über diese Geschichte zurückzugewinnen, indem ich sie selbst mit Humor erzähle und zu einem versöhnlichen Abschluss bringe. Das kann ich, weil mein Vater wieder zu Hause ist und das Ganze nichts Schmerzhaftes mehr hat. Es hat zwar verdammt wehgetan und war ziemlich traurig, aber das muss es ja nicht bleiben.

Wobei dein Vater nicht das einzige Thema der Songs ist. Es geht auch um dein Leben in New York. Warum kombinierst du beides?
Weil es beides Geschichten mit Brüchen sind – über leicht angeknackste Menschen, die versuchen, irgendwie klarzukommen und die auch mal stolpern. Ich kann über all die Leute schreiben, weil ich mehr oder minder jeder Einzelne von ihnen war. Ich war nahezu jeder Charakter, der auf dem Album vertreten ist: Ich war das Mädchen im ersten Morgenzug, das seine High Heels in der Hand hat und noch die Klamotten vom Vorabend trägt. Ich war diese Person auf der Weihnachtsfeier, ich habe all das selbst erlebt – all diese unterschiedlichen seelischen und äußerlichen Zustände. Das sind menschliche Befindlichkeiten: Wir tasten uns durchs Leben und versuchen das zu bekommen, was alle wollen. Nämlich geliebt zu werden und ein Dach über dem Kopf zu haben – Grundbedürfnisse.

„Ich schreibe keine Songs für eine bestimmte Zielgruppe, sondern für alle Menschen."

In Stücken wie „At The Holiday Party“ oder „Candy Darling“ geht es um dein lesbisches Begehren. Noch ein Thema, dem du in Interviews am liebsten aus dem Weg gehst … Ja, weil ich es einfach unwichtig finde. Also was haben meine privaten sexuellen Präferenzen mit meiner Musik zu tun? Ich schreibe ja keine Songs für eine bestimmte Zielgruppe, sondern für alle Menschen. Ich will nicht nur die LGBTIQ*-Community erreichen, sondern möglichst viele Leute. Und deshalb spreche ich nicht über explizit queere Themen, sondern bin da sehr allgemeingültig. Was nicht bedeutet, dass ich mich verstecke oder für irgendetwas schäme – es ist nur nicht der Dreh- und Angelpunkt meiner Kunst. Es ist nicht das, worauf mein Hauptaugenmerk liegt. Aber: Ich stehe dazu.

Ist dieses Unterschwellige statt Frontale eine Reaktion auf deine medienwirksamen Beziehungen zu Cara Delevingne und Kristen Stewart – bist du ein gebranntes Kind? Es hat mit Sicherheit etwas davon. Einfach weil ich das Gefühl hatte, da gegen meinen Willen ins Rampenlicht gezerrt und an den Pranger gestellt zu werden – wie ein Tier, das im Zoo zur Schau gestellt wird. Nach dem Motto: „Hier, schaut euch diese Lesbe an. Schaut, was sie da Unnatürliches tut.“ Und das war mir zu viel, zu groß, zu laut. Es war gegen meinen Willen und es hat mich in eine Ecke gedrängt und enorm belastet. Insofern versuche ich das seither zu umgehen und mein Privatleben noch rigoroser abzuschotten als vorher. Ich will da nicht zur Zielscheibe werden, und ich habe auch keine Ambitionen, als Vorkämpferin aufzutreten. Dafür fehlt mir die Energie. Denn die steckt in meiner Musik und meiner Performance. Wer genauer hinhört, der merkt auch, woher ich komme. Nur: Ich will das niemandem um die Ohren hauen oder den Leuten damit direkt ins Gesicht springen. Das ist nicht mein Stil und das bitte ich zu akzeptieren. Eben, dass ich damit etwas anders umgehe als andere queere Künstler. Es gibt da kein Richtig und kein Falsch, sondern nur ein Anders.

Die SIEGESSÄULE Redaktion in eigener Sache zur Corona-Lage:

Corona nervt, Corona mutiert, Corona ist nicht so einfach kleinzukriegen. Etwas Hoffnung macht der wachsende Impffortschritt, aber weiterhin müssen wir, – wie die ganze queere Szene – , durchhalten.
Es wird aber ein Leben nach Corona geben!

Bis es soweit ist und wir wieder analog und live sichtbar sein können, freuen wir uns über jede Spende, die uns durch den Lockdown bringt.
Spenden könnt ihr ganz einfach per Paypal oder direkt auf unser Konto Special Media SDL GmbH, Betreff „Support SIEGESSÄULE”,
IBAN DE22 1005 0000 0190 0947 29 – Herzlichen Dank!

JETZT MIT PAYPAL SPENDEN!

#Musik#lesbisch#Konzeptalbum#Indiepop#Gefängnis