„Lebensort Vielfalt“ in der Niebuhrstraße

Streit im Wohnprojekt der Schwulenberatung

21. Sept. 2021 Michael G. Meyer
Bild: P.S.Welbourne
Protest der Mieter*innen gegen den Neubau am 14.08. vor dem „Lebensort Vielfalt“ in Charlottenburg

Mieter*innen des „Lebensort Vielfalt“ in der Charlottenburger Niebuhrstraße protestieren derzeit gegen einen Erweiterungsbau der Schwulenberatung Berlin. Bei der Planung des Baus in ihrem Innenhof fühlen sich die Bewohner*innen übergangen. Wir sprachen mit den Mietersprechern und mit Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung

Verdrängung, Entmietung, Verdichtung, Gentrifizierung – Berlins Wohnungsmarkt ist voller unangenehmer Begriffe und Eingriffe. Auch die LGBTIQ*-Community ist von steigenden Mieten und knappem Wohnraum betroffen. Nun ist ein Fall von „Stadtverdichtung“ zu einem Streit innerhalb des queeren Mehrgenerationenhauses in Charlottenburg eskaliert.

Die Berliner Schwulenberatung betreibt es seit fast zehn Jahren in der Niebuhrstraße unter dem Namen „Lebensort Vielfalt“. Hier existieren 24 Wohnungen. Ein weiteres, größeres Mehrgenerationenhaus ist in Schöneberg, in der Nähe des Südkreuzes geplant – dieses soll Ende 2022 fertig werden.

Der Lebensort Vielfalt ist ein Vorzeigeprojekt der Schwulenberatung Berlin, die im Erdgeschoss der Niebuhrstraße ihre Zentrale hat. Im zweiten Obergeschoss gibt es eine Pflege-WG mit acht Bewohnern. Ein Stockwerk tiefer sind Beratungsräume und die Verwaltung untergebracht, es gibt ein Psychosoziales Zentrum, Menschen werden hier zu Themen wie Sucht, Outing oder allgemein zur sexuellen Orientierung beraten.

Hoher Bedarf, viel zu wenig Platz

Aber: Die Nachfrage nach Wohnungen für die LGBTIQ*- Community ist groß. Menschen wollen auch im Alter einen „Safe Space“, sagt Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin. „Wir haben 350 bis 400 Leute auf unseren Wartelisten“. Dies sei auch der Grund, warum ein Erweiterungsbau in der Niebuhrstraße geplant ist. Um genau diesen Neubau ist es im August zu Protesten von Mieter*innen der Niebuhrstraße gekommen, die um ihren Garten fürchten. Denn der Neubau würde einen Teil der Grünflächen im Innenhof zerstören. Dieser ist ein wichtiger Ort auch für das soziale Miteinander der Mieter*innen: man trifft sich hier, organisiert gemeinsame Aktivitäten, gestaltet den Raum zusammen.

Die Mietergemeinschaft versteht sich allerdings nicht als Gruppe von „Nimbys“, wie man sie im Englischen nennt. „Not in my backyard“: Menschen, die zwar die Notwendigkeit von Neubauten sehen, aber nicht in ihrem Hinterhof. Man verstehe schon, dass es mehr Wohnungen brauche. Aber, so die Mietersprecher Dennis Wendländer und Peter-M. Ulisch, der Neubau würde rund ein Drittel des Innenhofes belegen und die Dachbegrünung des neuen Hauses könne man wohl kaum zum künftigen Grünanteil mitzählen.

Außerdem habe man grundsätzlich Probleme mit dem Vorgehen der Schwulenberatung. „Einigungsmöglichkeiten gestalten sich schwierig, weil die Schwulenberatung seit Beginn ihrer Planung sehr intransparent agiert und eben auch in der Vergangenheit häufiger signalisiert hat, dass sie nicht offen für Vorschläge der Mieter ist“. Überhaupt sei das Projekt des Neubaus schlecht kommuniziert und mit den Mietern und Mieterinnen abgesprochen worden.

Diesen Vorwurf möchte Marcel de Groot so nicht stehen lassen. Bereits im März 2019 seien die Bewohner*innen schriftlich darüber informiert worden, dass eine mögliche Bebauung geprüft werde, betont er gegenüber SIEGESSÄULE, darauf seien einige Gespräche auch mit den Mieter*innen gefolgt. Die Entwürfe für den Umbau würden seit 2020 im Lebensort Vielfalt aushängen. Die freie Fläche, die derzeit laut Marcel de Groot circa 1530m² für die Bewohnergarten-Terrasse und den Garten für die Schwulenberatung Berlin betrage, solle nach der Bebauung noch circa 1050m² groß sein.

Bild: P.S.Welbourne

„Gemeinschaftliches Konzept erhalten“

Neben dem Verlust an Grünfläche ist ein weiterer Kritikpunkt der Mieter*innen allerdings auch die wachsende Zahl an Menschen, die künftig im Projekt wohnen werden. Das führe zu mehr Anonymität, so die Mietersprecher: „Es gibt soziologische Forschungen, die belegen, dass ab bestimmten Personenzahlen die Moderation einer solchen Gemeinschaft deutlich komplexer wird. Die Schwulenberatung hat keine Antwort auf diese Frage, wie sie ein gemeinschaftliches Konzept erhalten möchte. Viel mehr bekommen wir Antworten, warum es nicht anders geht. Beispielsweise könne man keine Personalkosten an das Projekt Lebensort Vielfalt binden. Kurzum geht es bei diesem Projekt darum, die Quantität auf Kosten der Qualität zu erhöhen.“

Hauptgrund für das Neubauprojekt sei aber die angespannte Lage auf dem Berliner Immobilienmarkt, sagt Marcel de Groot. Grundproblem sei, dass die Suche nach neuen Grundstücken in Berlin derzeit so gut wie unmöglich ist. „Wir suchen seit 2013. Entweder sind die Grundstücke viel zu klein und sehr weit draußen, oder eben viel zu teuer“. Insofern sei der Neubau in der Niebuhrstraße auch dieser angespannten Lage geschuldet. Mit all den Problemen, die in einem verdichteten Gebiet ohnehin zu verzeichnen sind.

Doch noch ist die Hoffnung auf eine Einigung nicht verloren: Im Oktober ist ein weiteres Treffen mit den Mieter*innen und dem Charlottenburger Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann geplant. Er soll in dem Streit vermitteln. Dann sollen weitere Möglichkeiten einer Einigung ausgelotet werden.

Bild: P.S.Welbourne

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