Tanzperformance „Bibingka“: Liebesbrief an alle Dragqueens
Bei den 35. Tanztagen in den Sophiensælen zeigt die*der philippinische Künstler*in Alvin Collantes „Bibingka“ – eine Auseinandersetzung mit der eigenen Dragpersona und migrantischer Identität
Wie ein Duett zwischen zwei Charakteren, die sich eigentlich nie begegnen: Bibingka, die Dragpersona, die in Clubs performt, dabei Welten erschafft und queere Räume kreiert, und Alvin, philippinische*r Migrant*in und die Person unter dem Make-up, der*die sich in die Gesellschaft einfügt, um zu überleben. „Ich möchte eine Performance kreieren, bei der sich diese beiden Figuren begegnen, miteinander ins Gespräch kommen, Bedürfnisse erkunden und auch hinterfragen, was Bibingka verkörpert“, erzählt Alvin Collantes im Gespräch mit SIEGESSÄULE.
„Diese ständige Veränderung wirkt sich auf den Körper aus, insbesondere der Übergang von südostasiatischer Kultur zu einer westlichen Lebensweise.“
Der*die Performancekünstler*in ist in den Philippinen aufgewachsen, mit 14 Jahren zusammen mit der Familie nach Kanada emigriert und danach in drei weitere Länder gezogen – zuletzt nach Deutschland. „Diese ständige Veränderung wirkt sich auf den Körper aus“, so Alvin, „insbesondere der Übergang von südostasiatischer Kultur zu einer westlichen Lebensweise.“ Viele Menschen aus den Philippinen emigrieren in westliche Länder, in der Hoffnung auf eine bessere Bezahlung, um ihre Familie zu unterstützen. Viele arbeiten als medizinische Fachangestellte oder als oft unterbezahlte Arbeiter*innen in der Unterhaltungsbranche. Die Geschichte dieser Menschen, die Care-Arbeit übernehmen, möchte sie*er sichtbar machen. Alvins Performancekunst sei außerdem ein Gegenkonzept zum westlichen Individualismus, stattdessen angelehnt an das philippinische Konzept kapwa – die Idee einer gemeinsamen Identität zwischen dem Selbst und anderen. In der philippinischen Kultur sei Fürsorge besonders wichtig. „Bei meinen Shows geht es mir nicht um meine Fähigkeiten, sondern darum, jemanden zum Lächeln zu bringen, Zärtlichkeit, Sanftheit und Wärme zu vermitteln. Das ist für mich kapwa“, sagt Alvin.
Widerstandsfähiger Reiskuchen
Ein großer Teil ihrer*seiner künstlerischen Praxis steht im Zusammenhang mit Migration, aber auch mit Queerness. Seitdem Alvin in Berlin lebt, ist sie*er in der queeren Clubkultur unterwegs. Vor drei Jahren ist innerhalb der „Lunchbox Candy“-Partyreihe die Idee für die Dragpersona entstanden. Bibingka ist nach einem süßen, widerstandsfähigen philippinischen Reiskuchen benannt, der während der Weihnachtszeit mit der Familie und der Community geteilt wird.
„Mit Bibingka wollte ich mich wieder mit meiner philippinischen Kultur und Identität verbinden und gleichzeitig eine Brücke in mein queeres Leben schlagen.“
„Mit Bibingka wollte ich mich wieder mit meiner philippinischen Kultur und Identität verbinden und gleichzeitig eine Brücke in mein queeres Leben schlagen“, erklärt Alvin. Die Soloperformance symbolisiere sowohl Queerness in Berlin als auch philippinische Arbeiter*innen in der Diaspora. „Beide setzen sich für Community-Building ein“, erklärt Alvin und stellt gleichzeitig die Frage: „Was passiert, wenn wir den Caretakern – den migrantischen Arbeiter*innen, Pflegekräften, Entertainer*innen – Raum und Care geben, anstatt es zu beanspruchen?“
„Bibingka“ ist zugleich ein Liebesbrief an alle Dragqueens, die die queere Community zusammenhalten und es verdienen, gehalten zu werden. Das Besondere an der Performance: Die Zuschauer*innen lernen sowohl Bibingka als auch Alvin kennen. Ein seltener Blick und ein Offenlegen von Verletzlichkeit, das meist unter dem Make-up verborgen bleibt.
SIEGESSÄULE präsentiert Tanztage Berlin 2026:
08.–24.01.
„Bibingka“
08.+09.01., 20:30
Sophiensæle
sophiensaele.com
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