Teddy-Gewinner

Udo Kier: „Wenn ich jemand Böses spiele, dann mit Freude und Ironie“

1. Feb. 2015 Andreas Scholz
Bild: Camino Filmverleih

Der stechende, hypnotisierende Blick ist zu seinem Markenzeichen geworden. Udo Kier besitzt sowohl Hollywood-Glamour als auch Underground-Credibility. Er hat mit Rainer W. Fassbinder und Christoph Schlingensief gearbeitet, aber ebenso mit Madonna und Pamela Anderson. Während der 65. Berlinale wird der deutsche Schauspieler auf der Teddy-Gala mit dem Special Teddy Award für sein Lebenswerk geehrt. SIEGESSÄULE-Redakteur Andreas Scholz hat vorab mit Udo Kier telefoniert

Udo, du wirst auf der Berlinale 2015 mit dem Special Teddy Award für die künstlerische Lebensleistung ausgezeichnet. Was bedeutet dir der Preis? Ich bin oft in Berlin und kenne den Teddy genau. Viele Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, wie Tilda Swinton, Helmut Berger oder Werner Schroeter, sind mit diesem Preis geehrt worden. Und ich freue mich, in diese Gruppe von Freunden mit eingegliedert zu werden. Zudem sind Veranstaltungen wie der Teddy in der heutigen Zeit sehr wichtig. In Virginia versucht man gerade ein Gesetz zu etablieren, nach dem sich zum Beispiel ein Professor aus moralischen oder religiösen Gründen weigern kann einen homosexuellen Studenten zu unterrichten oder ein Arzt einen homosexuellen Patienten zu operieren. Gerade vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen muss man den Teddy unterstützen.

Du interessierst dich also für schwul-lesbisches Kino? Was heißt für schwul-lesbisches Kino? Ich interessiere mich für Kino. Ich bin niemand, der eine Richtung von Filmen bevorzugt.

In der Begründung für die Preisverleihung heißt es, du hättest „Maßstäbe für nicht stereotype Männerrollen“ gesetzt. Kannst du mit der Formulierung etwas anfangen? Ich habe ja nie einen Familienvater gespielt, der tagsüber arbeitet und seine Frau winkt ihm dann beim Heimkommen vom Fenster aus zu. Wenn ich einen Kindermörder spiele oder in „Iron Sky“ einen Naziführer auf dem Mond, wenn ich in den Filmen von Fassbinder oder Schroeter zu sehen bin, dann sind das keine stereotypen Rollen. Auch Adolf Hitler habe ich zweimal dargestellt. Wie man jetzt „stereotype Männerrollen“ allerdings genau definiert, das weiß ich natürlich auch nicht.

Eine der Rollen, mit denen du berühmt geworden bist, war der Dracula in Paul Morrisseys Film „Andy Warhol’s Dracula“ (1973). Das war ja kein animalischer Vampir wie der von Christopher Lee, sondern eine sehr androgyne, feminine Figur. Dazu muss man wissen, wer zu diesem Zeitpunkt Andy Warhol war. In seiner Factory in New York hatte er Leute wie Joe Dallesandro, Viva und viele Transvestiten entdeckt und mit ihnen richtige Underground-Filme gemacht, die am Wochenende gedreht wurden. Nach diesem Vorbild sollten auch die beiden Filme „Andy Warhol’s Frankenstein“ und „Andy Warhol’s Dracula“ von Paul Morrissey entstehen, in denen ich die Titelrollen spielte. Mit je 300.000 Dollar hatten sie höhere Budgets und wurden in den italienischen Filmstudios von Cinecittà inszeniert mit jeweils drei Wochen Drehzeit. Fellini filmte gerade nebenan. Dennoch war das ein Avantgarde-Underground-Dracula. Es gab zum Beispiel kein Drehbuch. Eine Idee war da, aber der Film wurde während der Dreharbeiten improvisiert. Ich spielte einen Dracula, der im Rollstuhl sitzt und gerne Bücher liest. Für die Rolle musste ich 15 Pfund abnehmen. Beim Spielen habe ich nicht versucht, in die Klischeerolle eines Vampirs reinzugehen, und wurde auch von der Regie nicht so geführt. Das war einfach Udo Kier als Dracula, das war einfach ich.

„Im Privaten würde ich nicht von mir behaupten, besonders böse zu sein, jedenfalls meistens.“

Du giltst ja als einer der großen Bösewichter und Dämonen der Leinwand. Aber eigentlich sind diese Figuren meist ziemliche Sympathieträger. Viele Leute, vor allem junge Frauen, kommen zu mir und sagen: „You are so evil.“ Und sie sagen das mit einem Genuss in der Stimme. (lacht) Wenn ich jemand Böses spiele, dann muss es mit Freude und Ironie sein – zum Beispiel einen Mörder, der nach seinem Mord noch ein kleines Abendessen zu sich nimmt oder ein kleines Lachen auf dem Gesicht hat. Im Privaten würde ich nicht von mir behaupten, besonders böse zu sein, jedenfalls meistens. Ich habe eine Ranch, koche gerne für meine Freunde, interessiere mich für Kunst, liebe Hunde. Ich glaube, wenn richtig böse, arrogante Schauspieler solche Rollen spielen, dann ist das vielleicht auch nicht so überzeugend.

Und das Dämonische? Das machen die Kamera, das Licht und die Kostüme. Das Dämonische wird auch von der Musik erzeugt, wie bei Hitchcock, wenn da jemand im schwarzen Anzug die Treppe herunterkommt und du siehst den Schatten an der Wand und hörst die Musik. Aber ich spiele das gerne. Man hat mir so viele Rollen über die letzten 40 Jahre angeboten, die einfach langweilig waren und auf die ich keine Lust hatte. Ich habe vor ein paar Jahren den Film „The Theatre Bizarre“ gemacht. Dafür wollte ich auf der Leinwand eine Fliege töten, wie noch nie jemand eine Fliege getötet hat. Da hat man mich gefragt, wie ich das machen werde? Ich habe mit meiner Hand in die Luft gegriffen, eine Faust gemacht und gesagt: „Jetzt habe ich die Fliege.“ Dann öffne ich meine Hand wieder. Mit ein bisschen Klebstoff wird darin eine lebende Fliege befestigt. Und jetzt drücke ich die Fliege mit dem Daumen aus. Alle haben gesagt: „Das ist aber ekelhaft.“ Ich sage: „Jeder hat schon mal eine Fliege umgebracht.“ Aber plötzlich stört man sich daran, dass ich eine Fliege zerquetsche.

„Ich wollte auf der Leinwand eine Fliege töten, wie noch nie jemand eine Fliege getötet hat."

Du hast in einem früheren Interview mal erwähnt, dass du gerne mit John Waters zusammenarbeiten würdest. Was interessiert dich an seiner Art, Filme zu inszenieren? Ich kenne John Waters schon sehr lange und war von „Pink Flamingos“ beeindruckt. Wie weit geht ein Schauspieler, wie weit wird Divine mit ihrem Pudel gehen, wenn der ein Häufchen legt und sie sich das mit einem Genuss einverleibt, als würde sie Schokolade essen. Ich habe John Waters vor etlichen Jahren in Baltimore besucht. Ich schlief in einem fantastischen Gästezimmer. Die Charles-Manson-Familie war da in einen Goldrahmen eingefasst und mit Museumslicht angeleuchtet. Ich lag auf dem Bett, schaute geradeaus und dort stand der elektrische Stuhl aus seinem Film „Female Trouble“. Er hatte mich vom Bahnhof abgeholt und wir gingen gemeinsam zum Auto. Relativ kurz hintereinander kamen zwei Männer vorbei, die nur einen Arm hatten. John sagte dann zu mir: „Siehst du gar nicht, dass es in diesem Jahr Mode ist, nur einen Arm zu haben?“ Er hat so einen wunderbar schwarzen Humor. Und er ist ein Meister der Provokation. Aber seine Arbeiten sind nicht einfach nur dummes Zeug, sondern er ist sehr intelligent.

Gibt es ein gemeinsames Projekt? Ich hatte da eine Idee, weil ich ein Gebäude in Thüringen besitze, eine Schule von 1880. Ich will dort „Frankenstein“ drehen mit Pamela Anderson als meine Assistentin. Der Film beginnt in den Thüringer Wäldern. Dort sieht man, wie Pamela Anderson als Rotkäppchen verkleidet Pilze pflückt – in Slow Motion wie in „Baywatch“. John Waters wäre der ideale Regisseur dafür, aber Freunde sagten mir schon, dass ich ihn gar nicht zu fragen brauche. Er verfilmt keine Stoffe, die nicht von ihm sind.

Hast du vor, den Film trotzdem zu machen? Sicher! Aber für solche speziellen Projekte ist es schwierig, Geld aufzutreiben.

Eine ganz andere Art von Provokateur und Grenzgänger war ja der schwule Beat-Autor William S. Burroughs. Du hast dich auch mit ihm getroffen. Ich kann jetzt noch jede Sekunde dieser Begegnung wiedergeben. Ich war auf dem Weg nach New York, um für Madonna das Sex-Buch zu machen. Ich bin über Kansas geflogen. Während des Zwischenstopps habe ich bei William S. Burroughs zu Abend gegessen. Nur er und ich. Es gab Lammkotelett mit grünen Birnen. Und in seinem Büro war diese große Figur, dieser Monsterkäfer aus David Cronenbergs Verfilmung seines Romans „Naked Lunch“. Er hat mich dann in die Garage geführt und mir seine Bilder gezeigt. Dort standen eine nicht gebrauchte Toilette, mit einer Schreibmaschine darauf, und ein Paravent mit einer großen ausgestopften roten Schlange. Ich durfte auch die Pistole berühren, mit der er in betrunkenem Zustand seine Frau erschossen hatte, als die beiden versuchten die Apfelszene aus „Wilhelm Tell“ nachzustellen. Und dann haben wir Abschied genommen. Ich habe im Auto über meine linke Schulter geschaut und gesehen, wie er dort auf der Terrasse seines kleinen Holzhauses stand. Und er winkte und ich winkte auch und beim Wegfahren wurde er immer kleiner. Das sind Begegnungen, die man nicht vergisst.

„Früher kamen Journalisten zu mir und fragten mich: ,Wie kannst du denn mit Pamela Anderson einen Film drehen?' Warum nicht?"

In den 90ern hast du nicht nur an Madonnas berühmtem Buch „Sex“ mitgearbeitet, sondern warst auch in ihren Videos „Deeper and deeper“ und „Erotica" zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt wurde Madonna als Homo-Ikone und für ihren neuen Pro-Sex- Feminismus gefeiert. Was hältst du von ihrer aktuellen Arbeit? Sie hat es geschafft, unter den zehn reichsten Frauen der Welt zu sein. Wenn jemand mit 56 noch auf Tournee geht und die ist ausver- kauft, dann ist das doch toll. Ich war an dem Abend dabei, als Madonna im Spitzen-BH von Gaultier das erste Mal ihre Brust der Welt gezeigt hat. Hunderte von Fotografen standen vor der Bühne und jeder wollte die Brust von Madonna sehen. Und dann hat sie für ein paar Sekunden diesen BH oder dieses Gerät, was sie da anhatte, abgenommen. (lacht) Sie hat wie ich einfach immer das gemacht, was sie machen wollte. Früher kamen Journalisten zu mir und fragten mich: „Wie kannst du denn mit Pamela Anderson einen Film drehen?“ Warum nicht? Pamela ist Pamela und Madonna ist Madonna! Das sind Ikonen, die jeder kennt von Afrika bis Irland. Das ist doch wunderbar.

Pamela Anderson ist ja auch in deinem Film „Arteholic“ zu sehen, wo es um deine Liebe zur Kunst geht. Du erklärst ihr, wie man Sauerbraten macht. Oh ja, der Sauerbraten ...

Es gibt auch eine witzige Szene, wo man sieht, wie du in einem Hotelzimmer fast nackt eine Fensterscheibe ableckst. Wie kamst du denn auf die Idee? Ach, das weiß ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich das beschlagene Fenster gesehen und wollte es ablecken. Ich bin ja kein Kunsthistoriker! Ich wollte nicht im Museum stehen und sagen: „Seht her, das ist Andy Warhol.“ Also, wenn ich einen Film drehe, wo es um mich geht, habe ich gar nicht den Anspruch, einen Kunstfilm zu machen. Jeder kennt Andy Warhol oder David Hockney, sofern er sich nur ein bisschen für Kunst interessiert, und ich wollte einfach etwas Privates über diese Künstler erzählen.

„Was wäre das für ein Film, der keinen Raum für Fantasie lässt?"

Es soll auch ein Film gedreht werden, in dem du den berühmten Dracula-Darsteller Bela Lugosi spielen wirst: „The Final Curtain: The Last Days of Ed Wood, Jr.“. Ist das Projekt denn schon im Entstehen? Nein, noch nicht. Das Drehbuch ist aber sehr interessant. Bela Lugosi kommt zurück aus dem Grab, um mit dem Regisseur Ed Wood noch einmal einen Film zu drehen.

Das klingt nach einer ziemlich wilden, fantastischen Geschichte. Das ist doch schön, wenn ein Film Fantasie hat. Wenn man alles sofort sieht und deutlich erklärt bekommt, ist das langweilig. Was wäre das für ein Film, der keinen Raum für Fantasie lässt?

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