Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Unangepasste Kunstikonen: Tabea Blumenschein und Ulrike Ottinger

5. Aug. 2022 Carsten Bauhaus
Bild: Ulrike Ottinger
Claudia Skoda, Tabea Blumenschein und Jenny Capitain,1976

Sie waren das kreative, lesbische Traumpaar der 70er-Jahre: Die Berlinische Galerie widmet dem „ZusammenSpiel“ der Filmemacherin Ulrike Ottinger und ihrer ehemaligen Partnerin, der Schauspielerin und Künstlerin Tabea Blumenschein, eine inspirierende Ausstellung

Das Foto gleich am Eingang zeigt die beiden in ihrer gemeinsamen Schöneberger Wohnung: Ulrike Ottinger, schon damals im Anzug, souverän im Sessel sitzend, Tabea Blumenschein in manieriert-verbogener Körperhaltung dahinter, ein Glas in der Hand. „In unserer Wohnung in der Erdmannstr. 12 gab es damals einen riesigen Tisch“, kommentiert Ottinger das Foto. „Er diente als Arbeitstisch und als Esstisch während unserer großen Abendessen. Eigentlich aber war er eine riesige Bühne, der Ort unserer Inszenierungen. Es ging bei uns immer sehr lebendig zu, besonders abends und nachts.“

Westberliner Factory

Nicht nur Blumenschein und Ottinger inszenierten sich hier, sondern auch die illustre Gästeschar, zu der Rosa von Praunheim, Claudia Skoda, Martin Kippenberger oder der damalige Nachbar David Bowie gehörten – eine Art Westberliner Factory. Auf dem Foto von 1976 sehen wir auf der Wand hinter dem Paar eine Mischung aus Ottingers Fotos und Blumenscheins Zeichnungen – ähnlich wie sie jetzt in der Berlinischen Galerie präsentiert werden.

Bild: Ulrike Ottinger
Ulrike Ottinger und Tabea Blumenschein im Atelier Erdmannstr. 12

Ottingers Fotos entstanden meist als Vorbereitung oder Nachbereitung der gemeinsamen Filme. In „Die Betörung der blauen Matrosen“, „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ oder „Bildnis einer Trinkerin“ inszenierte das Paar in schillernden, provokativen Bildern unterschiedlichste Identitäten und Rollenbilder. In ihren selbst entworfenen Kostümen entwickelte Tabea Blumenschein dabei die Ausdruckskraft eines Stummfilmstars. Ulrike Ottinger unterstützte ihre visuelle Wirkung nach Kräften: „Sie hatte etwas sehr Spielerisches. Mir war wichtig, dass sie viele Stummfilme sah und so aus einem riesigen Repertoire aus Vorbildern schöpfen konnte. Ihre Stärke war die Mimikry. Sie war narzisstisch – aber für mich als Filmemacherin war es natürlich wunderbar, dass sie sich so gern zeigte.“

Unweigerlich denkt man dabei an den Regisseur Josef von Sternberg, der Marlene Dietrich in den frühen 30er-Jahren nach seinen Vorstellungen formte. „Das ist durchaus ein Vergleich“, findet Ottinger, „Tabea war ja sehr jung. Und ich selbst hatte es in meinen Jahren in Paris erlebt, wie wichtig Inspirationen sind, die andere an einen herantragen. In diesem Bewusstsein habe ich versucht, ihr immer interessante Dinge zu zeigen.“

Bild: Ulrike Ottinger
Tabea Blumenschein in „Bildnis einer Trinkerin"

Mode, Kitsch und Popkultur

Die Tatsache, dass Blumenschein in den Filmen Ottingers immer wieder in die Rollen starker Frauen oder auch Männer schlüpfte, findet eine Fortführung in ihren eigenen bunt schillernden Zeichnungen: In ihren stilisierten comicartigen Porträts vermischte Blumenschein, was sie liebte: Mode, Folklore, Kitsch und Popkultur. Mit viel Liebe zum Detail zitierte sie dabei die Ästhetiken der Queer- und Subkulturen: Powerfrauen, Piratenköniginnen, „Lonely Sailors“. „Es waren alles Selbstporträts, ganz gleich, ob es Frauen oder Männer waren“, weiß Ulrike Ottinger. So auch die Bartfrauen: Herrscherinnen, die in ihrer Schönheit das Männliche und Weibliche vereinen. Das Fremde und „Exotische“ hatte Blumenschein immer fasziniert.

Nach ihrer Trennung 1979 gingen Blumenschein und Ottinger zeitweise getrennte Wege. Tabea Blumenschein engagierte sich etwa mit Kostümen, Texten und Musik bei der Avantgarde-Band Die Tödliche Doris rund um Wolfgang Müller. Im März 1985 präsentierte sie sich mit ihrer damaligen Freundin Isabelle Weiß auf dem Stern-Cover. Die Schlagzeile: Frauen, die Frauen lieben. Die 90er-Jahre waren für Blumenschein von Abstürzen und zeitweiliger Obdachlosigkeit geprägt. Ihre kreative Ausdruckskraft aber floss weiter in eine Vielzahl von Zeichnungen. Der Kontakt zu Ottinger wurde wieder intensiver. Diese inspirierte sie wieder mit neuen Themenfeldern, kaufte viele ihrer Werke und erbte nach Blumenscheins Tod 2020 ihren Nachlass. Ihre Schenkung an die Berlinische Galerie ermöglichte nun diese eindrückliche Präsentation eines „ZusammenSpiels“ – der aussagekräftige Titel: ein Vorschlag Ottingers.

ZusammenSpiel. Tabea Blumenschein – Ulrike Ottinger,
bis 31.10., Mi–Mo, 10:00–18:00, Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg
berlinischegalerie.de

Bild: Harry Schnitger
Ausstellungsansicht „ZusammenSpiel. Tabea Blumenschein - Ulrike Ottinger"

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