„Turn – Katagrophie einer Bewegung"

Von der Turnbewegung bis zum Cruising-Ort: Die Geschichte der Hasenheide als Performanceprojekt

20. Apr. 2022 Carsten Bauhaus
Bild: Oliver Look

Mit dem Performanceprojekt „Turn – Katagrophie einer Bewegung" widmet sich die Choreograf*in Nora Tormann der Geschichte der Hasenheide aus einer queeren Perspektive. In dem „choreografischen Audiowalk" soll die Turnbewegung des 19. Jahrhunderts in der Hasenheide mit der heutigen Nutzung des Parks, u. a. als Cruising-Ort, zusammengebracht werden

Frisch, fromm, fröhlich, frei: Unter dieser Devise wurde die Hasenheide 1811 zum ersten öffentlichen Turnplatz weltweit. In dem Park, der heute auch unter Queers sehr beliebt ist, wurde das gemeinsame Turnen unter dem Turnvater Jahn aber schnell ideologisch: Die Formung eines ‚Volkskörpers‘ sollte zur Nationalisierung der Massen beitragen. Im choreographischen Audiowalk „Turn – Kartographie einer Bewegung“ geht es deshalb der Choreograf*in Nora Tormann um eine queere und antifaschistische Aufarbeitung der deutschen nationalistischen Turnbewegung, die Anfang des 19. Jahrhunderts in der Hasenheide ihren Ursprung fand. 

Nora Tormann wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft des Parks und hat hier über die Jahre schon viel Zeit verbracht. „Ich interessiere mich aber auch fürs Turnen und wie sich dabei Choreografie und Ideologie gegenseitig bedingen,“ erzählt Nora Tormann SIEGESSÄULE. „Seitdem ich erkannt habe, dass die Turnbewegung genau dort ihren Anfang nahm, habe ich eine Art ‚nerdige‘ Beziehung zur Hasenheide entwickelt.“

Bild: Nora Tormann
Jahn-Denkmal in der Hasenheide

Tatsächlich scheint die Turnbewegung trotz ihrer reaktionären Ziele ein gefundenes Fressen für moderne Choreograf*innen: Vom Hauptpropagandisten Turnvater Jahn wurde Bewegung explizit als politische Botschaft genutzt – und das Ganze im öffentlichen Raum, etwas, was es vorher so nicht gab. Ein Teil deutscher Geschichte, die sich sehr körperlich manifestiert: Massenchoreografien als politische Botschaft körperlicher Fitness für den Krieg gegen den damaligen französischen Feind. „Es wurde schnell zu einer riesigen Attraktion,“ erzählt Nora Tormann. „Hunderte oder Tausende männliche Turner – Frauen waren noch lange Zeit nicht zugelassen – wurden von genauso vielen Zuschauenden beobachtet. Sich vorzustellen wie Hunderte sich hier in Reih und Glied bewegten, ist so weit weg von der Art, wie ich die Hasenheide kenne,“ sagt Tormann, „als einen Raum, der viel Raum für sehr verschiedene Menschen und ihre Aktivitäten bietet, sei es zum Ausruhen, zum Cruisen oder auch als reger „Handelsplatz“ – Aktivitäten, die sich die Turnbewegung so wohl nicht vorgestellt hätte.

Dieses Spannungsfeld zu durchstöbern und zu verweben ist die Idee von „Turn". Gleichzeitig beschäftigt sich Tormann mit der Fragestellung, wie wir uns als individuelle Körper und vor allem als Gruppe im öffentlichen Raum ausrichten. Das Publikum wird dazu in drei kleinere Gruppen aufgeteilt und wird jeweils von einer Performer*in geführt. Mit Kopfhörern ausgestattet bewegt sich das Publikum in den kleinen Gruppen durch den Park und trifft immer wieder auf choreographische Sequenzen der Performer*innen. Für den choreographischen Audiowalk wurde die Stimme einer Flâneuse entwickelt – als feministischen Counterpart zum Flaneur. Diese beobachtet, denkt und kommentiert im Schlendern und nimmt Bezug auf die Geschichte der Hasenheide.

Auch dem Cruising-Gelände nähern sich die am Audiowalk teilnehmenden Gruppen an, wie es Tormann ausdrückt und fügt mit Blick auf die Besucher*innen des Geländes hinzu: „Wir möchten die Leute aber weder zur Schau stellen noch aus ihrer üblichen Routine verdrängen.“ Schließlich geht es der Choreograf*in um einen kritischen, solidarischen und fürsorglichen Gegenentwurf des gemeinsamens Bewegens – im tänzerischen und im politischen Sinne. „Man lässt die Gedanken und die Füße schweifen,“ so Tormann. „Es ist ein ständiger Fluss. Die Besucher*innen bleiben 45 Minuten lang in Bewegung und werden so Teil der Choreografie.“

Treffpunkt / Einlass: Hasenheide, Eingang Freiluftkino

Do 21.04.22 18:00 Uhr  - Premiere

Fr  22.04.22 18:00 Uhr 

Sa 23.04.22 14:00 und 18:00 Uhr 

So 24.04.22 18:00 Uhr 

Tickets:

www.tatwerk-berlin.de

Bild: Oliver Look
Nora Tormann

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