Kommentar

Vermeintliche Waffenruhe in Nahost: Hat sich die deutsche Medienlandschaft verändert?

19. Jan. 2026 Emilia Roig
Bild: Mohamed Badarne
Emilia Roig, Autorin und Politologin, veröffentlichte im September 2025 ihr Buch „Lieber Sohn oder So rettest du die Welt“

Seit Oktober 2025 gilt eine vermeintliche Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. Dennoch polarisiert weiterhin kaum ein Thema den öffentlichen Diskurs so sehr wie der Krieg in Gaza, während sich gleichzeitig der Medienfokus immer weiter abwendet. Emilia Roig, Autorin und Politologin mit Schwerpunkt auf Intersektionalität, kritisiert aus jüdischer Perspektive den Umgang deutscher Medien mit der Nahost-Debatte und fragt: Hat sich Deutschlands pro-israelischer Konsens gelockert?

Ich erinnere mich an die Atmosphäre nach dem 7. Oktober 2023, als Israels Angriff auf Gaza nach den Hamas-Attacken in voller Brutalität begann. Ein Klima des Krieges legte sich über Deutschland, die Luft war dick von erzwungenem Konsens. Schon früh bezeichnete ich Israels Handlungen als Genozid – wie auch der israelische Historiker Raz Segal von Genocide Watch. Deren Gründer beschreibt zehn typische Stadien, von Diskriminierung, Entmenschlichung und Verfolgung bis zur physischen Vernichtung und Leugnung – letzteres erreichte den deutschen Diskurs sofort.

Entscheidend für die Einordnung als Genozid ist – so die UN-Völkermordkonvention von 1948 – die nachweisbare Absicht (dolus specialis), eine geschützte Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Israels Führung versteckte ihre Absicht nie: Der damalige Verteidigungsminister Yoav Gallant sprach von Palästinenser*innen als „menschlichen Tieren“, der rechtsextreme Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir forderte offen die „Auslöschung Gazas“, Präsident Isaac Herzog erklärte eine „ganze Nation“ für schuldig. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu berief sich mehrfach auf Amalek – biblischer Code für totale Vernichtung.

Gezielte Diffamierung

Doch als ich diese offensichtliche Wahrheit aussprach, wurde ich zur Zielscheibe. Die Diffamierungskampagne war schnell, koordiniert, systematisch. Die Ereignisse in Gaza als „Genozid“ zu benennen, machte mich plötzlich zur Antisemitin – jedenfalls laut meiner Wikipedia-Seite, auf der diese absurde Zuschreibung nun steht. Viele versuchten, mich zu diskreditieren, indem sie gezielt meinen Wikipedia-Eintrag bearbeiteten. Andere riefen systematisch bei allen Veranstaltungen an, wo ich sprechen sollte und übten Druck aus, um mich auszuladen.

Andere riefen systematisch bei allen Veranstaltungen an, wo ich sprechen sollte und übten Druck aus, um mich auszuladen.

Deutsche Medien quer durch das politische Spektrum bewegten sich im Gleichschritt. Wer die Hamas-Attacken im historischen und politischen Kontext jahrzehntelanger Besatzung, Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser*innen einordnete, sah sich schnell dem Vorwurf der Terrorverharmlosung ausgesetzt und wurde zum Schweigen gebracht.

Die Vorstellung, Kritik an Israel sei per se antisemitisch, und Deutschland müsse aus seiner historischen Schuld heraus bedingungslose Solidarität mit Israel üben, prägt Redaktionen, Kulturinstitutionen und Universitäten. Journalist*innen, Kommentator*innen und Kulturschaffende reproduzieren diese Narrative und schaffen damit ein Klima, in dem israelkritische Stimmen zensiert und palästinensische Erfahrungen unsichtbar gemacht werden. So haben sich bestimmte moralische Reflexe und Denkfiguren so tief eingeschrieben, dass Kritik an Israel bis heute als Tabubruch gilt.

Mediale Strukturen des Schweigens

Hat sich der deutsche Diskurs über zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 verändert? Ja, etwas. Einige Medien erlauben differenziertere Perspektiven, palästinensische Stimmen tauchen gelegentlich auf, und die automatische Gleichsetzung von Palästina-Solidarität mit Antisemitismus ist etwas weniger reflexhaft geworden.

Doch diese Öffnung ist fragil. Die Strukturen des Schweigens bestehen fort, und die politische Verantwortung bleibt unaufgearbeitet: Während die Waffenexporte weiter laufen, fehlt eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Medienmacher*innen völlig. Gleichzeitig verharmlosen oder verschleiern große Teile der Medien diese Kontinuität.

Während die Waffenexporte weiter laufen, fehlt eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Medienmacher*innen völlig.

Nach über zwei Jahren aktiver Silencing, Stigmatisierung, Diffamierung und Zensur muslimischer, pro-palästinensischer und antizionistischer Stimmen – viele davon jüdisch –, geben sich manche pro-israelische Stimmen nun durch Spenden oder Solidaritätsposts geläutert. Doch diese Gesten bleiben performativ, solange ihnen kein Handeln folgt. Sie verschleiern, dass keine echte Reflexion stattfindet – keine Entschuldigung, keine Selbstbefragung, kein Eingeständnis der Rolle, die Medien, Intellektuelle und Politiker*innen bei der Legitimierung und Normalisierung des Genozids gespielt haben.

Journalist*innen, Redaktionen, Politiker*innen und Kulturschaffende müssen ihre Positionen überdenken, Fehler eingestehen. Es braucht institutionelle Aufarbeitung: Wie kommt es dazu, dass deutsche Medien IDF-Pressemitteilungen (Israel Defense Forces) nahezu unkritisch übernehmen – wie der Journalist und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann regelmäßig dokumentiert? Wer entschied, dass palästinensische Stimmen kein Gehör finden sollen – und warum blieb das fast unwidersprochen?

„Das Silencing hat funktioniert“

Die letzten zwei Jahre hatten tiefgreifende Auswirkungen: Das Silencing hat funktioniert. Es hat Solidarität verzögert, Bewegungen zerbrochen, Palästinenser*innen weiter isoliert. Jede Stimme, die erfolgreich zum Schweigen gebracht wurde, jede Veranstaltung, die abgesagt wurde, jede*r Akademiker*in und Journalist*in, der*die sich selbst zensierte, trug zur Straflosigkeit Israels bei.

Das deutsche Meinungsklima hat die Gewalt in Gaza nicht nur gespiegelt, er hat sie ermöglicht. Und mit der vermeintlichen Waffenruhe droht der öffentliche Mediendiskurs zu verstummen – und mit ihm die Debatte und die notwendige Aufarbeitung. Doch wer die Waffenruhe als Ende begreift, verkennt ihre Bedeutung: Sie ist erst der Anfang eines langen Aushandlungsprozesses, der es verlangt, umso mehr hinzusehen.

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