Kommentar

Was steckt hinter dem Analogtrend auf Social Media?

20. Apr. 2026 Selina Hellfritsch
Bild: Pexels | With Cloudd
Beispielbild von einem „analog bag“ mit Büchern, Magazinen und einer analogen Kamera

Analoge Technologien erleben gerade ein Comeback. Vor allem die Gen Z versucht, weniger Zeit in rein digitalen Räumen zu verbringen, das gilt auch für junge LGBTIQ*, zu denen SIEGESSÄULE-Redakteurin Selina Hellfritsch zählt. Sie analysiert, was sich hinter dieser Kehrtwende verbirgt

Analog oder digital? Kameras statt Smartphones. Plattenspieler statt Streaming-Plattformen. Gedruckte Magazine oder Zines statt Pinterest. Und Häkeln statt endlosem Scrollen. Innerhalb der letzten Jahre hat sich als Trend angebahnt, dass vor allem jüngere Menschen wie die Gen Z versuchen, sich dem digitalen Sog zu entziehen. Das Ironische dabei: Menschen posten ihre analogen Hobbys dann doch wieder auf Social Media. Das geht so weit, dass sich mittlerweile zahlreiche Videos auf TikTok und Instagram mit dem sogenannten Analog Movement beschäftigen, 2026 zum analogen Jahr ausgerufen wurde und die US-Lifestyle-Zeitschrift Cosmopolitan die „analog bag“ zum It-Accessoire erklärte – damit gemeint ist eine Stofftasche, gefüllt mit Journal, Buch, Stiften, etwas zum Stricken oder vielleicht auch einem Sudoku – also mit Dingen, um die Bildschirmzeit zu senken. Zu besagter Tasche gibt es natürlich auch ein Get-ready-with-me-Video.

Die Nase voll von Social-Media-Abhängigkeit

Es mag sich für die ein oder andere ältere Person absurd anhören, aber hinter diesen Trends stecken reale Menschen, die verzweifelt versuchen, sich aus ihrer Social-Media-Abhängigkeit zu befreien. Es gibt vermutlich nicht die eine Erklärung, warum Menschen gerade jetzt so handeln, und es ist ungewiss, ob der Analog-Trend anhalten wird – das werden wir erst in ein paar Jahren beurteilen können. Aber klar ist: Es verändert sich etwas, und wir Social-Media-Nutzer*innen haben langsam, aber sicher die Nase voll davon, von Plattformen abhängig zu sein, die wie Meta unsere Daten sammeln und verkaufen, die uns nur noch mit Werbung beschallen und schon lange keinen „sozialen“ Raum mehr bieten.

Bild: Screenshot | @Goldie x The Bright Spot; @rosieko; @bri
Auf TikTok gibt es diverse Videos zur „analog bag“ und zum „analogen Jahr 2026“
Es ist quasi unmöglich, in dieser schnelllebigen Online-Welt mithalten zu können, und trotzdem versuchen wir es, sind „chronisch online“ und wundern uns, warum wir überfordert und müde sind.

Es ist quasi unmöglich, in dieser schnelllebigen Online-Welt mithalten zu können, und trotzdem versuchen wir es, sind „chronisch online“ und wundern uns, warum wir überfordert und müde sind. Psycholog*innen beobachten immer dann einen Schwenk Richtung Nostalgie, wenn sich die Welt in einem komplexen und unsicheren Zustand befindet. In Zeiten multipler gesellschaftlicher und politischer Krisen wenden wir uns gern Vertrautem zu – in diesem Fall hin zu alten, einfacheren Technologien. Passend dazu habe ich neulich ein Video gesehen, in dem jemand sagte: „Früher haben Menschen das Internet genutzt, um dem Alltag zu entfliehen, heute nutzen sie das analoge Leben, um dem Internet zu entfliehen.“

Und trotzdem bleibt der Wunsch, sich weiterhin online zu vernetzen und auszutauschen. Viele Menschen – mich eingeschlossen – haben während der Covid-Pandemie auf Social Media einen virtuellen Zufluchtsort gefunden. Rückblickend habe ich viel von queerfeministischen Accounts gelernt und mich irgendwo einer Community zugehörig gefühlt, während ich noch nie in einer queeren Bar war.

Online-Spaces bleiben auch weiterhin wichtig, um marginalisierte Personen und Menschen mit Behinderung mitzudenken.

Diese Online-Spaces bleiben auch weiterhin wichtig, um marginalisierte Personen und Menschen mit Behinderung mitzudenken. Die Lösung sollte also nicht sein, das Handy aus dem Fenster zu schmeißen – auch wenn ich mindestens einmal am Tag darüber nachdenke –, sondern sich sowohl ein analoges Leben und eine Community aufzubauen, als auch soziale Netzwerke zu fordern, die ihrem Namen gerecht werden.

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