Interview

Welche Folgen hat die Corona-Krise für PlanetRomeo?

8. Apr. 2020 as
Bild: http://voges-design.com
Das Team von PlanetRomeo

Es gibt kaum einen Community-Betrieb, der nicht von der aktuellen Krise betroffen ist. Auch auf die schwule Dating-Plattform PlanetRomeo hat sie unmittelbar Auswirkungen. Wir fragten Jens Schmidt, einen der Gründer des Netzwerks, was die Maßnahmen gegen das Coronavirus für das Unternehmen und die Zukunft der Community bedeuten

Jens, ist PlanetRomeo als Unternehmen von der Corona-Krise betroffen? Ja, die Zugriffszahlen auf unsere Plattform sind ab Mitte März um 20 bis 30 Prozent gesunken und wir haben Umsatzeinbußen um rund 30 Prozent.

Um welche finanziellen Einbußen geht es konkret? Wir finanzieren uns vorrangig über die Mitgliedschaften der User. Über unser Netzwerk „HUNQZ“ bieten schwule, bisexuelle und trans* Personen Begleitdienstleistungen als Escorts an. Doch diese Leute können im Moment ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Insofern brechen uns deren Mitgliedsbeiträge noch deutlicher weg. Werbeeinnahmen spielen eher keine Rolle, da wir Werbung nach den Datenskandalen letztes Jahr ohnehin schon deutlich runtergefahren hatten. 

Wie lange könnt ihr diese Situation noch durchstehen? Glücklicherweise haben wir finanzielle Rücklagen und sind von keinen Investoren abhängig. Wir können dies noch bis zum Sommer durchhalten. Wenn sich unsere Umsätze dann nicht langsam wieder normalisieren, stehen wir vor erheblichen finanziellen Problemen.

„Ich bin zutiefst besorgt, was mit der Community passiert. Inwieweit wird es nach der Krise überhaupt noch queere Strukturen, Institutionen und Szeneorte geben?“

Was ist eure größte Sorge? Ich bin zutiefst besorgt, was in der Folge der Corona-Maßnahmen mit der Community passiert. Inwieweit wird es nach der Krise überhaupt noch queere Strukturen, Institutionen und Szeneorte geben? Bei uns ist die Signalfarbe gelb, bei vielen ist sie bereits rot. Zudem sind Themen wie Einsamkeit ab einem bestimmten Alter gerade in der schwulen Szene ein großes Problem. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das für Menschen in ihrem Alltag bedeutet.

Könnte die Situation, dass Bars und Clubs auf unbestimmte Zeit geschlossen sind, nicht eher einen Boom beim Online-Dating auslösen? Ich kann natürlich nicht sagen, wie sich das in der nächsten Zeit entwickeln wird, aber weder merken wir im Moment einen Boom, noch wäre es diesen Preis wert. Wir sind hier fast alle schwul und uns geht es da persönlich nicht anders als allen Leser*innen.

Habt ihr euch gegenüber eurer Community zum Coronavirus geäußert? Wir haben am 13. März einen Newsletter weltweit rausgeschickt. In dem haben wir unsere User gebeten, auf sich aufzupassen, die Anweisungen der lokalen Behörden zu befolgen und auf die Situation in ihrem Land zu achten. 

„Wir glauben an die Freiheit des Individuums und somit auch erst einmal an eine gewisse Eigenverantwortung.“


Die Situation hat sich seitdem ja stark verändert. Seht ihr euch in der Verantwortung, Einfluss auf das Verhalten eurer User*innen zu nehmen? Natürlich haben wir das intern diskutiert. Wir verhalten uns hier wie bei anderen Themen. Unsere User sind alles erwachsene Menschen. Wir glauben an die Freiheit des Individuums und somit auch erst einmal an eine gewisse Eigenverantwortung. Wichtig ist für uns, dass unsere User über ausreichend Informationen verfügen, um auch eine bewusste Entscheidung treffen zu können. Daran scheint zumindest im Moment kein medialer Mangel zu herrschen. Wir kommunizieren derzeit recht viel mit unseren Usern. Da konzentrieren wir uns aber auf positive Dinge, da viele Menschen einfach verängstigt alleine zu Hause sitzen. In Kürze starten wir eine Umfrage, um zu sehen wie es den Menschen wirklich geht.

Leute, die jetzt auf Dating-Plattformen wie Romeo aktiv sind, werden in den sozialen Medien oft moralisch verurteilt und gelten als potentielle Gefährder. Stichwort „Slut Shaming“! Seht ihr Gefahren in so einer Entwicklung, gerade mit Blick auf eine freie Sexualität? Eine gewisse Blockwart-Mentalität gab es natürlich schon immer. In Zeiten der Krise steigt diese an, es braucht glaube ich immer einen moralischen Sündenbock. Auch wenn dies gut gemeint ist, hat es etwas Totalitäres, nach dem Motto: wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Sollten zwei Männer sich entscheiden, sich zu treffen, sei es die große Liebe, geiler Sex oder nur ein Kaffee zum Reden – wir werden diesem nicht widersprechen! Privatsphäre und Sexualität sind für uns fundamentaler Bestandteil der Freiheit. Gerade die LGBT+ Community musste sich diese lange und hart erkämpfen. Ich kann mir persönlich nichts vorstellen, das es rechtfertigen würde, diese zu verbieten und in der Konsequenz auch zu verfolgen. Die User scheinen sich aber im großen und ganzen an die Regeln zu halten. So viele öffentliche Bekenntnisse zur Keuschheit gab es wohl noch nie auf einer schwulen Dating-Plattform.

planetromeo.com

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