Bastian Krafts neue Inszenierung

Wie queer ist Shakespeare?

16. Nov. 2022 Nina Süßmilch
Bild: Arno Declair
Die Besetzung von „As You Fucking Like It“

Mit „Ugly Duckling" holte Bastian Kraft Berliner Dragqueens auf die Bühne des Deutschen Theaters. Jetzt inszeniert er dort Shakespeares „Wie es euch gefällt” und stellt dabei die Frage nach Identität und Geschlechterrollen in dem 400 Jahre alten Stück neu. Wer liebt wen und warum ist das überhaupt wichtig?

Bastian, bei dem Titel deines neuen Stücks, „As You Fucking Like It”, stolpert man kurz und schmunzelt. Warum hast du ihn so gewählt? Das stand am Anfang nur als Arbeitstitel, fand dann aber schnell viele Fans. Der Titel ist Einladung und Provokation zugleich – ich mag diese Mischung aus Rotzigkeit und Sexyness. Außerdem sollte klar werden, dass es sich bei unserem Text nicht nur um das original Shakespeare-Stück handelt.

Dein letztes Stück am Deutschen Theater war „ugly duckling”, ein Andersen-Märchen. Nun ist es Shakespeares Stück „Wie es euch gefällt”. Warum wählst du diese alten Werke? Ich habe oft das Gefühl, dass mir die historische Distanz hilft, den Kern eines Stückes klarer zu erkennen. Weil es dann nicht um Zeitgeist geht, sondern ums Menschsein an sich. Ich finde es aufregend, wenn in diesem alten Renaissance-Stück von Shakespeare das Verliebtheitsgefühl beschrieben wird und ich es hundertprozentig nachempfinden kann. Darum geht es überhaupt: Kann ich die Gefühle und Nöte der Figuren verstehen oder nicht?

Was glaubst du, wie queer ist Shakespeares „Wie es euch gefällt” im Original? Da steckt schon sehr viel Queerness drin. Schließlich stehen Geschlechtertausch und das Spiel mit den Geschlechtern im Zentrum der Handlung. Dazu muss man wissen, dass zu Shakespeares Zeiten alle Rollen von männlich gelesenen Darstellern gespielt wurden. Da wurde also Rosalinde von einem Mann gespielt und diese vermeintliche Frauenfigur verkleidet sich dann im Stück wieder als Mann. Dieser „Mann“, den Rosalinde spielt, gibt sich dann wiederum als Frau aus. Shakespeare forciert also die Ambivalenz, das Flirrende. Auch sind Rosalinde und Celia eigentlich Cousinen, gleichzeitig aber eines der großen Liebespaare dieses Stücks. Viele Szenen spielen dann mit typischen Geschlechterrollen und stellen ihre Absurdität bloß. All das ist voll von subversivem Humor.

„Das Tolle ist, dass die Liebe bei Shakespeare überhaupt nicht geschlechtergebunden ist und einfach als große Macht erscheint, die allen gleichermaßen, kreuz und quer, oder kreuz und queer, den Kopf verdreht."

Welche Rolle spielt die Liebe im Stück? Sie ist auf jeden Fall der Hauptmotor. Sie hält die Handlung in Gang. Das Tolle ist, dass die Liebe bei Shakespeare überhaupt nicht geschlechtergebunden ist und einfach als große Macht erscheint, die allen gleichermaßen, kreuz und quer, oder kreuz und queer, den Kopf verdreht. Am Schluss werden dann zwar die Paare, wie immer in diesem Genre, heteronormativ sortiert, aber wir werden in unserer Version die Absurdität dieser Normen auf die Spitze treiben und dann die Ehe für alle öffnen.

Wen würdest du gerne erreichen mit dem Stück und wen glaubst du erreichen zu können? Mein Anspruch ist immer, dass ein Stück sowohl meine Eltern als auch meine queeren Freund*innen gleichermaßen genießen können. Bei unserer Dragshow „ugly duckling” beispielsweise war mir wichtig, dass wir Drag-Fans genauso ansprechen wie jene, die noch nie damit in Berührung kamen. Es soll für alle bereichernd sein. Das ist natürlich manchmal ein Spagat. Aber wenn es gelingt, dann kann ein Theaterabend ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringen, und das ist sehr beglückend.

SIEGESSÄULE präsentiert
As You Fucking Like It,
18.11., 19:30 (Premiere),
24.11., 19:30,
25.11., 20:00,
28.11., 20:00,
25.12., 19:30,
31.12., 20:00,
Deutsches Theater

deutschestheater.de

Bild: Alice Ionescu
Bastian Kraft

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