Kommentar

Zum Internationalen Tag der Nichtbinarität: „Uns gibt’s, Punkt aus“

14. Juli 2021 Muri Darida
Bild: Lee Everett Thieler

Seit 2012 wird am 14. Juli der Internationale Tag der Nichtbinarität gefeiert. Das heißt: es geht um Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht, oder nur zum Teil, in die starren Kategorien „Mann“ oder „Frau“ passt. SIEGESSÄULE-Autor*in Muri Darida gehört selbst zu dieser Gruppe und ruft im Kommentar dazu auf, nichtbinäre Menschen endlich anzuerkennen

Vorab: Nichtbinär zu sein ist oft irritierend. Weil es komisch ist, etwas nicht zu sein. Vielleicht wird es eines Tages einen stimmigeren Begriff als Nichtbinarität dafür geben. Dennoch: Der Begriff ist wichtig, um sichtbar zu werden.

Am 14. Juli ist der International Non-Binary Day oder Non-Binary Awareness Day. Ein Tag also, der die Menschen, die ins nichtbinäre Spektrum fallen, und ihre Sorgen, Freuden und Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Im nichtbinären Spektrum sind alle Personen, die nicht in die Kategorien „Mann“ oder „Frau“ fallen.

Nichtbinäre Menschen können, müssen aber nicht intergeschlechtlich geboren sein. Nichtbinäre Menschen können, müssen aber kein Leid und Unbehagen mit dem eigenen Körper, also Dysphorie, erleben. Nichtbinäre Menschen können sich als trans* begreifen, müssen aber nicht. Nichtbinäre Menschen können er oder sie als Pronomonen verwenden, oder auch andere Pronomen wie das englische they, oder gar kein Pronomen. Nichtbinäre Menschen können zwei, mehreren, keinen oder allen Geschlechtern zugehören.

Ein System mit nur zwei Schubladen

Nichtbinär zu sein bedeutet aber oft vor allem eines: unsichtbar zu sein. Selbst diejenigen unter uns, die tatsächlich, sei es über das Erscheinungsbild, die Kleidung oder die Performance, als „geschlechtlich uneindeutig” wahrgenommen werden könnten, werden sofort in eine der zwei Schubladen eingeordnet. Die meisten schauen uns erst auf die Brust, dann auf den Schritt und wenn sie immer noch unsicher sind (sind sie meistens nicht), dann warten sie, bis wir den Mund aufmachen und entscheiden dann. Wir werden als Männer oder als Frauen gelesen, ob wir’s sind oder nicht, und wir werden als Männer und Frauen behandelt. Das heißt: Sind wir nichtbinär und werden als Frauen gelesen, erleben wir misogynen Hass und Gewalt, sind wir nichtbinär und werden als Männer gelesen, verlieren wir oft den Zutritt zu queeren Schutzräumen. Wir tauchen in den wenigsten Statistiken auf – und deshalb gehen die meisten davon aus, dass es uns nicht gibt.

Wir sind aber natürlich nicht wirklich unsichtbar. Wir werden bloß unsichtbar gemacht. Wir sehen uns untereinander ziemlich häufig. Wir wissen oft am besten, wer wir sind, wenn wir uns in anderen wiedererkennen. Selbst wenn wir dabei auch merken, was uns unterscheidet.

Wir wissen, wer wir sind – nur leider wissen andere das nicht

Oft wird uns vorgeworfen, wir wollten „Geschlecht abschaffen”. Konservative fürchten dann um die Ordnung ihrer Welt. Progressive sehen uns als lebendiges Beispiel dafür, dass Geschlecht generell keine Rolle (mehr) spiele. Darum geht es aber nicht. Wir sind kein Symbol für irgendetwas, wir sind reale Menschen mit jeweils eigenen Wünschen, Zielen und Ansichten.

Unser größtes Problem sind nicht die (fehlenden) Pronomen. Die stehen nur exemplarisch für all die anderen Probleme. Es gibt keine Orte für uns, kaum Toiletten, keine Krankenhauszimmer, keine Umkleidekabinen, keine Gefängniszellen, kaum Beratungsstellen, kaum passende Gesundheitsversorgung. Keine gottverdammten Optionen für die Anrede bei der Krankenkasse, die unsere Anträge übrigens meistens sowieso ablehnt, wenn es um spezifisch nichtbinäre Bedarfe geht. Viele von uns sind also öfters als geplant allein, haben häufig schmerzhaft gut trainierte Blasen, meiden und überlegen sich oft dreimal, ob sie wirklich in die Ärzt*innenpraxis wollen, und sind auch manchmal sehr verwirrt. Nicht, weil wir selbst nicht wissen, wer wir sind – sondern weil dies sonst niemand zu wissen scheint, obwohl es uns seit Jahren und Jahrtausenden gibt und viele von uns seit langem laut darüber reden.

Nichtbinarität ist keine neue Erfindung

In irgendeiner Form nichtbinär zu sein, ist keine Erfindung US-amerikanischer Internet-Kids, sondern ein fester Bestandteil sämtlicher Gesellschaften, von denen viele brutal kolonisiert worden sind. In Indien, Thailand, in Amerika, Afrika sowie in Polynesien, Melanesien und auch Teilen Europas existierten und existieren Konzepte von Geschlecht, die über die Mann-Frau-Dichotomie hinausgehen. Es gibt Berichte über alternative Geschlechter aus den verschiedensten Zeitaltern der Menschheitsgeschichte, von der Bronze- bis zur Neuzeit. Es gibt mehr inter* geborene Menschen als rothaarige. „Die Biologie” steht keinesfalls unisono hinter einem zweigeschlechtlichen Modell. All dieses Wissen wird genauso unsichtbar gemacht wie unsere Existenz.

„An alle, die uns unterstützen: Vielen Dank. An den Rest: Es wird so langsam albern. Wir haben wichtigeres zu tun, als an jedem Sonstwas-Awareness-Day wiederholen zu müssen, dass es uns gibt”

Es ist davon auszugehen, dass nichtbinäre Personen mehr Gewalt erfahren als der gesellschaftliche Durchschnitt – verlässliche Studien für Deutschland gibt es nicht. Im Unterschied zu Menschen, die ins binäre Spektrum fallen, gibt es aber kaum Orte für uns, an denen wir als das, was wir sind, akzeptiert werden. Heißt auch: Stressfrei nichtbinär zu sein geht nur dann, wenn alles tippitoppi läuft. Nette Familie, reichlich Kohle, unterstützendes Umfeld, gerechte Sprache, Glück, Gesundheit, Euphorie. Stressfrei nichtbinär zu sein, geht also so gut wie nie.

Heute ist Non-Binary Awareness Day, und wie immer bei solchen Tagen ist nicht das Datum an sich das Wichtige, sondern die Menschen, die der Gedenktag betrifft. An alle, die uns unterstützen: Vielen Dank. An den Rest: Es wird so langsam albern. Wir haben wichtigeres zu tun, als an jedem Sonstwas-Awareness-Day wiederholen zu müssen, dass es uns gibt.

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