Nachruf

Zum Tod der afrodeutschen Aktivistin, Autorin und Filmemacherin Ika Hügel-Marshall

28. Apr. 2022 Miss Sam
Bild: Sabine Galler
Ika Hügel-Marshall (13.3.1947-21.4.2022)

Ika Hügel-Marshall, Pionierin der afrodeutschen Community, ist am 21. April im Alter von 75 Jahren plötzlich und unerwartet verstorben. Ein Nachruf von ihrer guten Freundin und Weggefährtin Miss Sam

Als mich die Nachricht ereilte konnte ich kaum atmen - so fassungslos und erschüttert war ich. Erst kürzlich habe ich ihr beim Malen ihrer schönen farbenfrohen Bilder zugeschaut, während ihre Partnerin Dagmar Schultz und ich am Schneiden eines Videos waren. Sie sah dabei so friedlich und in sich ruhend aus. Dabei hatte sie in ihrem Leben schon so viel grausame strukturelle Gewalt erlebt, von welcher sie in ihrem autobiographischen Zeitdokument „Daheim Unterwegs. Ein deutsches Leben“ berichtet (Unrast Verlag). In den USA erhielt sie für dieses Buch den Audre Lorde Literary Award.

Frühe Rassismuserfahrungen

1947 wurde Ika Hügel-Marshall als einzige Afrodeutsche in Roth bei Nürnberg geboren. Schon sehr früh mussten Ika und ihre Familie erfahren, wie struktureller Rassismus eine Familie entzweien konnte. Auch in der Schule wurde ihr trotz guter schulischer Leistungen immer wieder signalisiert, dass sie so wie sie ist nie genug ist! Immer wieder musste sie zahlreiche Barrieren und Widerstände überwinden, um ihre schulischen und beruflichen Ziele zu verwirklichen. Sie gab niemals auf!

Lebenswerk

Ika Hügel-Marshall war Diplompädagogin, Künstlerin, Lehrbeauftragte an den Berliner Universitäten FU und TU und der Alice Salomon Hochschule. In Frankfurt am Main baute sie in den Achtziger Jahren zusammen mit Sunny Graff das Zentrum „Frauen in Bewegung e.V.“ auf. Sie machte ihren schwarzen Gürtel in Taekwondo und unterrichtete in Berlin Selbstverteidigungskurse für Schwarze Frauen, migrierte und jüdische Frauen.

Viele Jahrzehnte lang war Ika-Hügel-Marshall die Lebensgefährtin von Dr. Dagmar Schultz. Sie war psychosoziale Beraterin vieler People of Color und afrodeutscher Menschen in verschiedenen Lebenslagen und enge Freundin von May Ayim und der Pionierin und Aktivistin der Afrodeutschen Bewegung Audre Lorde.

Künstlerisches Schaffen und Inspirationsfigur

Für den Film „Audre Lorde – The Berlin Years 1984 to 1992“ war Ika Hügel-Marshall sowohl Co-Autorin des Scripts als auch Protagonistin. Ihr letztes Buch, „May Ayim. Radikale Dichterin, sanfte Rebellin“, das sie mit Nivedita Prasad und Dagmar Schultz herausgab, erschien im Sommer 2021.

Vor allem war sie Freundin, Schwester und immer darauf bedacht, anderen POC's mit ihrer mentalen Stärke Kraft zu geben, damit diese den Alltagsrassismus, verbunden mit der strukturellen Ungerechtigkeit, überstehen konnten. Mit Ika geht für mich eine wichtige Mentorin, diese Lücke ist nicht zu schließen. Danke für alles liebe Ika.

In Berlin eröffnet am 17. Juni eine Ausstellung von Ikas Malereien in der „Begine – Treffpunkt und Kultur für Frauen e.V.“ (Potsdamer Str. 139).

Die Verfasserin dieses Nachrufs, Miss Sam, ist Dipl. Sozialpädagogin und Teil des ehrenamtlichen Freizeitkollektivs der Berliner „Butch Barflys“. Sie fühlt sich Ika Hügel-Marshall tief verbunden und ist dankbar für die vielen gemeinsamen Etappen des Lebens, die sie gemeinsam erlebt haben.

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