Buchmarkt

Empörung über Anzeige für Pirinçci-Buch

29. Okt. 2015
Jim Baker ist seit mehr als 25 Jahren im deutschen Buchhandel tätig. 1995 gründete er den Querverlag © Anja Müller

Es gibt kein besseres Arbeitsfeld für Schwule und Lesben als den deutschen Buchhandel. Seit mehr als 25 Jahren zähle ich mich zu den Abertausenden von LGBT-Kollegen und -Kolleginnen aus Verlag und Sortiment und freue mich jedes Jahr in Frankfurt am Main auf die vielen homosexuellen Besucher und Besucherinnen, die am Messedonnerstag zum traditionellen lesbisch-schwulen Sektempfang erscheinen.

Auch die meisten nicht-homosexuellen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Buchbranche sind überaus tolerant, ja geradezu homo-begeistert, was unseren kleinen kreativen Mikrokosmos angeht. Umso erstaunlicher fand ich es, dass ich beim Aufschlagen der 43. Ausgabe des wöchentlichen Branchenmagazins Das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel auf eine ganzseitige Anzeige für zwei Herbstneuerscheinungen stieß. An und für sich ist eine Anzeige für neue Titel im Fachblatt für den deutschen Buchhandel ja nichts Außergewöhnliches – das Blatt lebt ja davon, Buchhändler und Buchhändlerinnen auf Novitäten aufmerksam zu machen. Doch in dieser bestimmten Anzeige wurden die beiden Titel „Homosexualität gibt es nicht“ von Andreas Lombart und „Die große Verschwulung“ von Akif Prinçci beworben.

Selbstverständlich finanziert sich das Börsenblatt über Anzeigen und selbstverständlich ist Meinungsfreiheit nicht nur im kulturellen Bereich ein Grundpfeiler unserer Demokratie – dennoch empfand ich die Entscheidung „meines“ Verbandes, diesen beiden reaktionären Autoren eine Plattform zu bieten, um ihren Hass und ihre Intoleranz zu verbreiten, als einen Schlag ins Gesicht. Zwei derart reißerische Titel ausgerechnet in einer Branche, in der Schwule und Lesben eine so prominente Rolle spielen! Genauso gut hätte die Redaktion des Börsenblatts Werbung verkaufen können mit Titeln wie: „Sollten auch Frauen lesen dürfen?“ oder „Die große Brillenträgerverschwörung“, denn es müsste zumindest genauso viele Frauen, Brillenträger bzw. Brillenträgerinnen sowie der Kombination aus beiden Gruppen in der deutschen Buchbranche geben wie Homosexuelle.

Daher beschloss ich, etwas zu tun, was ich sonst nie mache: Ich habe einen Protestbrief an den Chefredakteur des Börsenblatts für den deutschen Buchhandel, Dr. Torsten Casimir, geschrieben, mit der Aufforderung, sich zu seiner Entscheidung zu äußern beziehungsweise sich davon zu distanzieren. Bereits am nächsten Tag erschien im Editorial der 44. Ausgabe des Hefts seine Stellungnahme – mit der Entschuldigung im Namen der gesamten Redaktion, sie hätten den beiden Autoren „keine Verbreitungshilfe“ leisten sollen. „Juristen erklären, die Werbung sei im Sinne der Meinungsfreiheit hinzunehmen. Ein gewichtiges Argument! Wir hätten die Anzeige gleichwohl ablehnen dürfen, der Verlag hätte uns zur Annahme nicht zwingen können. Die Entscheidung war also zurechenbar. Sie war verkehrt.“

In den sozialen Medien war die Empörung groß und der Druck auf den Fachverband enorm. Die Reaktionen der vielen Kollegen und Kolleginnen – homosexuellen wie heterosexuellen – haben in kürzester Zeit einiges in Bewegung gesetzt, was wiederum meinen Glauben an diese reichlich sonderbare, aber mir so liebgewonnene Branche dann doch erneut gestärkt hat. So kenne ich „meine“ Kollegen und Kolleginnen. Intern mag es vielleicht viel Klatsch und Tratsch, kreative Köpfe und schräge Typen, zweifelhafte Bestseller und unverdiente Flops geben – aber wehe, jemand von außen legt sich mit einem von uns an. Dann ist die Solidarität doch groß. Ich wiederhole: Es gibt wirklich kein besseres Arbeitsfeld für Lesben und Schwule als den deutschen Buchhandel.

Jim Baker