SZENE

Kriminalität im Fuggerkiez eskaliert. Was tun?

30. Apr. 2017
2008 wurde die schwule Szenebar Blond im Fuggerkiez eröffnet © Tanja Schnitzler

Ende März trafen sich zum wiederholten Mal Gewerbetreibende, Polizei und Behörden, um über die schwierige Situation im Fuggerkiez zu beraten. Seit Ende der 00er-Jahre gibt es in der Gegend immer mehr, auch homophob motivierte Übergriffe. Im November gab die Herrin Deluxe deshalb ihre Lieblingsbar in der Eisenacher Straße auf. SIEGESSÄULE berichtete. Wie die derzeitige Lage im Homokiez ist, wollten wir von Reinhard Wöbke vom Blond wissen, der sich gemeinsam mit anderen engagiert, um die Situation im Bezirk zu verbessern

Reinhard, wie sieht die Situation im Fuggerkiez gerade aus? Der Fuggerkiez ist der Schwerpunkt einer neuen Kriminalität. Hier werden im großen Stil Jugendliche von Erwachsenen angeleitet und bilden marodierende Gruppen. Die treffen sich jeden Abend, so 20 bis 30 Leute – und dann werden Geldbörsen geklaut, auf dem Hof liegt Spritzbesteck usw.

Also hat sich die Lage zugespitzt? Warum?
Die Lage spitzt sich unter anderem zu, weil die Bars keine Sicherheitspolitik betreiben: Sie lassen Hinz und Kunz rein, weil es ihnen so dreckig geht. Mit den Spielautomaten fördern sie noch weitere Kriminalität. Sie ziehen ja diese ganze Suchtproblematik und Folgekriminalität geradezu an! Weil sie nichts anderes bieten als „Bar Langeweile“ mit geschlossener Tür. Da fragt man sich schon: Warum hat gerade die Blond Bar – die einzige Bar mit offener Tür und offenen Fenstern – seit acht Jahren keine Probleme?

Ihr seid mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler in Kontakt, die an Gewerbetreibende appelliert, nachts das Licht anzulassen, um so Angsträume zu minimieren. Welche Strategien gibt es noch, der Situation zu begegnen?
Drei Dinge: mehr Sicherheit durch mehr Licht, Überwachung und Kommunikation. Wir müssen mehr miteinander reden, denn wir sind ein Kiez. Der Erste wird vielleicht nur angerempelt, der Zweite schon beklaut, der Dritte dann beraubt. Wenn wir nicht miteinander reden, weiß keiner davon. Auch die Überwachung durch Kameras an neuralgischen Punkten sollte kein Tabu mehr sein. Daran kann man den Leidensdruck im Kiez ablesen: Ich fordere mittlerweile Dinge, die ich sonst nicht unterstützen würde.

Zusammen mit anderen KiezaktivistInnen hast du die Webseite safeplace.berlin ins Leben gerufen, auf der man Vorfälle im Kiez melden kann. Was erhoffst du dir davon? Ist das ein Schritt zu einer Art schwuler Bürgerwehr?
Nein, auf keinen Fall. Wir sehen uns weder als Hausmeister noch als Polizisten. Mit dem Onlineformular safeplace.berlin kann man schnell und einfach Übergriffe mitteilen, ohne gleich eine Anzeige zu machen: Diebstähle, Pöbeleien, Gewalttaten. Etwas zwischen dem Notruf 110 und dem resignierten Nach-Hause-Gehen und Schweigen.

Wie geht ihr mit der Verifizierbarkeit um? Können nicht einfach Internettrolle Taten erfinden? Statistik kämpft gegen Statistik. Wenn bei Amazon drei Leute was toll finden, sollte man misstrauisch sein. Wenn es 100 Leute sind, wird es interessant. Wir werden die Daten, die bei safeplace.berlin eingehen, kritisch auswerten. Sie helfen dann Polizei und Politik, Gefahrenzonen zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Interview: Ronny Matthes

safeplace.berlin