Szene

Latkes*Berlin über Antisemitismus in der queeren Community

24. Juli 2018

Seit 2017 gibt es die Gruppe Latkes*Berlin, die sich als jüdisch, queer und feministisch versteht. Mit einem eigenen Blog, Redebeiträgen auf Demos und mehr melden sie sich zu politischen Themen und zu Diskussionen innerhalb der queeren Community zu Wort.

Kürzlich erschien auf ihrem Blog ein Statement zum alternativen CSD in Berlin: Antisemismus, beziehungsweise das Schweigen darüber, bezeichnen sie darin als einen zentralen Grund für das Scheitern der alternativen CSD-Parade.

Im E-mail-Interview baten wir Latkes*, uns ihre Positionen etwas näher vorzustellen

Latkes* – wofür steht das? „Latkes“ ist das jiddische Wort für Kartoffelpuffer. Weiße Deutsche werden auch „Kartoffel“ genannt, und da wir einerseits in der weißen Mehrheitsgesellschaft „passen“, andererseits aber auch nicht, drückt das unsere Position gut aus. Für uns ist Latkes* eine Selbstbezeichnung geworden, die unterschiedliche Ebenen mit reflektiert. Das Wort steht für Verbündete, Freund_innenschaften, queer und jüdisch sein, Offenheit darin, wo wir uns verorten, für einen sicheren Raum, Humor, Empowerment, Sichtbarkeit, Stärke,  jüdische Feste queer feiern, Gesellschaftskritik, politische Intervention ...

Was hat den Anstoß gegeben, eure Gruppe zu gründen? Früher haben wir uns punktuell mit anderen Juden_Jüdinnen zu erlebtem Antisemitismus ausgetauscht. Wir haben aber gemerkt, dass wir einen kontinuierlichen Raum dafür schaffen möchten, in dem wir uns austauschen können, ohne alles erklären zu müssen, und ohne Angst vor negativen oder gleichgültigen Reaktionen oder Exotisierung – auf der Basis von geteilten Erfahrungen, bei aller Unterschiedlichkeit. Einen Ort, an dem unsere verschiedenen jüdischen Bezüge selbstverständlich sind, der aber gleichzeitig außerhalb der jüdischen Gemeinde existiert.

Wie sind die Lebenserfahrungen für euch als jüdische und queere Menschen in Berlin? Wir haben oft das Gefühl, dass wir einen Teil von uns verstecken müssen. Wir überlegen genau, wo und wem gegenüber wir uns als Juden_Jüdinnen zu erkennen geben. Unsichtbarkeit wird oft als weißes Privileg gesehen, und da ist auf jeden Fall was dran. Wenn wir als Juden_Jüdinnen unsichtbar sind, bewahrt uns das davor, eins auf die Fresse zu kriegen. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Schwarzen und PoC Erfahrungen. Andererseits gibt es für viele von uns die familiengeschichtlich weitergegebene Erfahrung, dass es zum Überleben notwendig ist, sich unsichtbar zu machen.

In einem aktuellen Beitrag auf eurem Blog schreibt ihr auch über den alternativen Kreuzberger CSD, oder XCSD, in Berlin. Eure These: „Wegen Antisemitismus gibt es in Berlin keinen alternativen CSD mehr – und niemand spricht darüber“... Die antisemitische Rede auf dem XCSD 2016 (eine Analyse davon ist auf unserem Blog zu finden) war eine erschütternde Erfahrung. Wir hatten das Gefühl, dass wir dort, wo wir uns eigentlich zu Hause fühlen, nicht erwünscht sind. Schlimm war noch dazu, dass überhaupt nicht darüber gesprochen wurde und wird – auch nicht, als das Orgateam zerbrochen ist und es seitdem keinen Kreuzberger CSD mehr gibt. Diskussionen um Antisemitismus werden oft als zu kompliziert, anstrengend und spaltend erlebt. Unser Blogbeitrag war vor allem ein Appell für mehr Solidarität mit denen, die von Antisemitismus betroffen sind.

Was wünscht ihr euch von queeren Räumen? Mehr Selbstverständlichkeit und Solidarität: Zum Beispiel, dass Antisemitismus genauso wie andere Diskriminierungen zum Thema gemacht und problematisiert wird. Etwa in Flyern und Demo-Aufrufen. Und dass die Präsenz von Juden_Jüdinnen in queeren Räumen immer mitgedacht wird. Wir wünschen uns auch, dass wir uns darauf verlassen können, dass bei antisemitischen Vorfällen interveniert wird – und wir nicht diejenigen sind, die das machen müssen.

Wenn man die Berichterstattung in den Medien verfolgt, hat man den Eindruck, dass antisemitische Vorfälle in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen haben. Deckt sich das mit eurer Wahrnehmung? Schwer zu sagen. Viele antisemitische Vorfälle werden ja gar nicht dokumentiert oder als solche erkannt und benannt. Klar ist, dass Antisemitismus ein massives, auch strukturell verankertes, gesamtgesellschaftliches Problem ist. Das muss skandalisiert werden, und es macht uns wütend, wenn das nur geschieht, um rassistische Ressentiments zu bedienen.

Interview: fs

latkesberlin.wordpress.com