HIV im Fokus

„Checkpoint BLN“ zu Sex und Gesundheit

28. Aug. 2018
© Deutsche Aids Hilfe

Der Mietvertrag ist unter Dach und Fach: im Herbst startet in Neukölln der „Checkpoint BLN“ (kurz für Checkpoint Berlin). Es wird eine nicht nur für Berlin sehr besondere, sondern auch bundesweit einmalige Einrichtung. Nämlich der bereits gut durchgeplante Versuch, „der Community einen Ort für ihre Fragen zu Sexualität und Gesundheit zu schaffen, der zielgruppenspezifisch ist, aber nicht an einen Träger oder eine bestimmte Praxis angegliedert“, wie Stephan Jäkel von der Schwulenberatung erklärt. Da die Räume in der Hermannstraße 256-258 bis Ende Februar 2019 noch mit dem aktuellen Mieter geteilt werden müssen, wird der Checkpoint schrittweise eröffnen. Im Oktober/ November 2018 wird er erstmal mit einem Projekt zur PrEP für Menschen mit geringem Einkommen starten.

Auch wenn die Schwulenberatung gemeinsam mit der Berliner Aids-Hilfe (BAH) federführend die Planungen übernommen hat, ist der Checkpoint eine Gemeinschaftsanstrengung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter, der Drogenhilfe-Einrichtung Fixpunkt und des Berliner Senats, der das Projekt im Rahmen der „Fast-Track Cities“-Initiative finanziert. Über 70 internationale Metropolen haben sich mittlerweile dem UNAIDS-Programm angeschlossen und sich damit verpflichtet, mit besonderen Maßnahmen HIV-Neuinfektionen, Aidserkrankungen und die Diskriminierung von Menschen mit HIV/Aids drastisch einzudämmen. Das Ziel: Aids weltweit bis 2030 zu beenden. Bis 2020 sollen dazu 90 Prozent der HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent davon Zugang zur Behandlung haben und 90 Prozent der Behandelten „unter der Nachweisgrenze“ sein, also das Virus nicht mehr weitergeben können.

Nicht alle finden den Weg zu Teststellen

In Deutschland ist dieses erste Etappenziel fast erreicht. 2016 waren nach Angaben des Robert Koch-Institutes 86 Prozent der HIV-Infektionen diagnostiziert, von denen sich ebenfalls 86 Prozent einer HIV-Therapie unterzogen haben. Die Herausforderung ist nun, diese letzten fehlenden vier Prozent zum Test bzw. in Behandlung zu bringen. Dazu soll der Checkpoint einen besonderen Beitrag leisten. Denn Männer, die Sex mit Männern haben (kurz MSM), machen einen großen Anteil unter den HIV-Infizierten aus. Aber längst nicht alle finden den Weg zu den Teststellen – wie beispielsweise Mann-O-Meter oder die Gesundheitsämter –, oder sie scheuen nach einem positiven Testergebnis den Weg zu einem HIV-Schwerpunktarzt.

Mit dem Checkpoint wird deshalb ein neuer Ansatz versucht: ob mit oder ohne Versichertenkarte, ob Sexarbeiter, schwul, bi, cis oder trans*, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – sie alle finden im Checkpoint kompetente und communityspezifische Beratung (im Bedarfsfall sogar mit Sprachmittler) zu Safer Sex, HIV, PrEP und anderen Gesundheitsthemen und Problemen. Und wer bislang versäumt hat, sich regelmäßig auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten (STIs) testen zu lassen, hat dann eine Ausrede weniger. Denn der Checkpoint wird sieben Tage in der Woche und teilweise auch in den Abendstunden geöffnet haben. Mehr noch: Die Einrichtung wird in Kooperation mit Berliner Schwerpunktpraxen betrieben, das heißt: Es ist immer auch ein Arzt vor Ort, der beispielsweise Hepatitisschutzimpfungen vornehmen oder sich um den frisch diagnostizierten Tripper kümmern kann. Sind längerfristige Behandlungen notwendig, etwa bei einer Hepatitis-C- oder HIV-Diagnose, wird nach der Erstberatung an die passenden Fachpraxen vermittelt.

Mit rund 6.000 Checkpoint-Nutzern pro Jahr rechnet Stephan Jäkel. Klingt viel, ist aber keineswegs unrealistisch. Denn schon jetzt sind viele Testangebote in Berlin am Limit. Die Preise für anonyme HIV- und STI-Checks werden in allen Teststellen gleich sein, Menschen ohne Einkommen erhalten sie weiterhin kostenfrei. Beim Checkpoint wird man die Tests zudem über die Krankenkassenkarte abrechnen können.

„Jetzt handeln“

„Wenn wir jetzt handeln und viele Menschen erreichen, haben wir es wesentlich einfacher, die Neuinfektionszahlen deutlich zu senken und niedrig zu halten“, erklärt Ute Hiller, Geschäftsführerin der BAH. Sie ist sich sicher, dass sich der Erfolg bereits in ein, zwei Jahren in den RKI-Statistiken ablesen lassen wird. In London, wo es seit einigen Jahren mit der Dean Street Clinic ein vergleichbares Projekt gibt, konnten dank dieses Szene-Checkpoints (und insbesondere durch den dort vereinfachten Zugang zur HIV-Prophylaxe PrEP) die zuletzt noch recht hohen HIV-Infektionszahlen tatsächlich halbiert werden. Die PrEP wird auch im Berliner Checkpoint eine wichtige Rolle spielen. Denn der Berliner Senat finanziert im Rahmen eines Modellprojekts diese medikamentöse HIV-Prävention für 500 Menschen mit besonderem Infektionsrisiko, die sie sich aufgrund ihrer Einkommenssituation nicht leisten können – unabhängig von sexueller Orientierung und Geschlecht.

Im neuen Checkpoint können Menschen mit geringem Einkommen nicht nur Beratung, sondern auch Begleituntersuchungen und Verschreibungen der PrEP bekommen. Voraussetzung für die Teilnahme ist der Berlin Pass, den PrEP- Interessierte schon jetzt bei Berliner Bürgerämter – unter bestimmten Voraussetzungen wie ALG II-, Sozialhilfe- oder AsylBLG-Bezug – beantragen können, sofern sie ihn noch nicht haben.

Wie das weitere Angebot des Checkpoints im Detail aussieht, wird am 1. September bei „HIV im Fokus“ im Roten Rathaus vorgestellt. Weitere Themen in diesem Zusammenhang werden die epidemiologische Situation in Berlin und der Einsatz von HIV-Selbsttests sein. Auch die anderen Schwerpunktthemen der Tagung drehen sich um die „Fast-Track Cities“-Ziele. Unter dem Schlagwort „No one left behind“ wird diskutiert, wie Präventionslücken auch in anderen Hauptrisikogruppen geschlossen werden können, etwa bei Menschen mit Drogengebrauch oder Migrationshintergrund. In einem weiteren Panel stehen Strategien, um die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit HIV zu beenden.

Axel Schock

Stephan Jäkel (Schwulenberatung) und Ute Hiller (Berliner Aids-Hilfe) © Hassan

checkpoint-BLN.de

Für die Warteliste und Fragen zum PrEP-Projekt des Checkpoints Email an: prep@checkpoint-BLN.de

HIV im Fokus, 01.09., ab 10:00, Rotes Rathaus
Die Veranstaltung ist kostenfrei und steht allen Interessierten offen. Infos und Anmeldung unter hiv-im-fokus.de