Ausstellung

Künstlerin Julischka: „Wenn ich auf die Straße gehe, ist das wie ein unfreiwilliger Laufsteg“

16. Jan. 2019
© Julischka Stengele, "Pig-up", 2009

Fettaktivismus ist Titelthema der aktuellen SIEGESSÄULE. Passend dazu eröffnet am 17.01. die Ausstellung „Fat Femme Furious“ über das Werk von Julischka Stengele in der Galerie im Turm. Die Künstlerin, die am Eröffnungsabend auch eine Performance präsentieren wird, setzt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Körpernormen auseinander und zeigt in der Schau eine Zusammenstellung ihrer bisherigen Werke. Wir trafen sie zum Interview

Julischka, als Werbemotiv für deine Ausstellung bist du nackt mit einer Schweinemaske zu sehen. Wie kam es zu dieser Idee? „Fette Sau“, „fettes Schwein“ sind Schimpfworte mit denen ich, oder andere dicke Menschen, bezeichnet werden. Viele Leute denken das leise in ihren Köpfen, wenn sie eine dicke Person sehen, und andere schreien es einem sogar auf der Straße hinterher. Mit dem Bild wollte ich diese Situation illustrieren und auch den Aspekt der Entmenschlichung ansprechen, der mit diesen Bezeichnungen und der Wahrnehmung von dicken Personen einhergeht.

Dein Körper ist meist Mittelpunkt deiner Kunst. Warum? Ich bin über meinen Körper zur Kunst gekommen. Wenn ich auf die Straße gehe, ist das oft wie ein unfreiwilliger Laufsteg. Ich bin sozusagen immer ein Ausstellungsobjekt, das permanent angestarrt und bewertet wird. Irgendwann habe ich mich gefragt, wie es sich anfühlen würde, wenn ich mich bewusst dafür entscheide, mich auf ein Podest zu stellen und beobachten zu lassen. Ich habe angefangen, als Aktmodell zu posieren, zuerst in Zeichenkursen und später auch für Amateurfotografen. Dann kam ich an einen Punkt, an dem es mir nicht mehr gereicht hat, einfach nur zu posieren. Denn im Grunde hatte ich schon immer viel gestalterische Energie in die Bilder eingebracht – aber am Ende bekam immer nur der Fotograf die Credits. Ich habe mir daraufhin autodidaktisch das Fotografieren beigebracht, mich in der ersten Zeit oft selbst fotografiert und inszeniert. Dieser ganze Prozess hat mir total dabei geholfen, mich zu emanzipieren und unabhängig davon zu machen, wie andere Menschen mich und meinen Körper bewerten. Der nächste Schritt war dann, die Bilder, die ich zweidimensional inszeniere, auf die dreidimensionale Ebene zu heben und Performances zu machen.

Ist deine Kunst Fettaktivismus?
Ja, das würde ich durchaus sagen.

Wie stehst du generell zum Thema Fettaktivismus? In den letzten Jahren hat das viel an Präsenz und Sichtbarkeit gewonnen. Body Positivity und Fat Acceptance kommen mir oft wie Trendthemen vor, die in vielen Medien verhandelt werden. Diese beziehen sich aber oft auf den Aspekt Schönheit. So nach dem Motto: Wir können alle schön sein und hübsche Kleider anziehen. Aber es geht um sehr viel mehr, zum Beispiel um Diskriminierung am Arbeitsplatz oder im Gesundheitssystem. Diskrimierung von fetten Menschen ist ein strukturelles Problem – deshalb fordere ich nicht Fat Acceptance, sondern Fat Liberation.

Was meinst du damit? Akzeptanz oder auch Toleranz klingen so, als ob fette Menschen einfach nur geduldet werden. Doch einen Körper danach zu bewerten, wie er aussieht, das ist so, als ob man ein Möbelstück danach bewertet, wie es schmeckt. Völlig absurd. Deshalb geht es mir um die Befreiung aller Körper.

Was erwartet uns am Freitag bei deiner Schau? Es ist eine multimediale Ausstellung in High Femme Ästhetik. Sie besteht aus den drei Säulen Fat, Femme und Furious und beschäftigt sich mit Körpernormen, Gender, Queerness, Femininitäten – und den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Verhältnissen und Schieflagen.

Interview: Kaey

Julischka Stengele: „Fat Femme Furious“
18.01.2019–03.03.2019
Eröffnung am 17.01. ab 19 Uhr mit einer Performance von Julischka Stengele, kuratiert von Sylvia Sadzinski,
Galerie im Turm