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International

Europäische Lesbenkonferenz: Zwischen Hass und Liebe

16. Apr. 2019
© Dana Müller

„Wir sind sehr glücklich über das Ergebnis der Konferenz“, erklärte Mitorganisatorin Dragana Todorovic gegenüber SIEGESSÄULE-Schwestermagazin L-MAG. Über 350 Lesben, ein Hotel, vier Tage und jede Menge Diskussionen: Das war die European Lesbian*Conference (EL*C) am vergangenen Wochenende in Kiew. „Wir haben so viele unterschiedliche wichtige Themen wie Diversity, Intersektionalität, Sport, Politik und vieles mehr besprochen“, weiß Dragana zu berichten.

Dabei begann am Donnerstag alles mit jeder Menge Aufregung. Während die L-MAG-Redaktion noch im Flieger nach Kiew saß, gab es in der ukrainischen Hauptstadt bereits erste Proteste gegen eine Lesbenkonferenz im Land. Ultrakonservative demonstrierten mit Schildern vor dem Hotel und platzierten homophobe Aufkleber am Gebäude, sogar eine Fensterscheibe wurde demoliert.

Am Freitagmorgen stand ab 8 Uhr erneut eine kleine Gruppe von diesmal rund 15 christlichen Frauen aufgereiht vor dem Hotel. Die Besucher*innen der EL*C wurden angewiesen, das Hotel nicht zu verlassen, und während der gesamten Veranstaltung herrschte eine Menge Polizeipräsenz. So beängstigend das für einige Besucherinnen war, so medial erfolgreich war die Konferenz auch.

Als die EL*C 2017 in Wien erstmals stattfand, gab es keinen solchen Gegenwind. In diesem Jahr aber brachte sogar FOX-News eine kleine Meldung mit der Schlagzeile „Ukrainische Ultra-Rechte sprühen Tränengas auf Lesbentreffen“.

Superstar der Konferenz war Monica Benicio, die Frau der vor einem Jahr erschossenen Stadträtin aus Rio de Janeiro, Marielle Franco. Die Brasilianerin rief in einer berührenden Rede: „Wir haben einen Notstand von Sexismus und Rassismus. Aber ich fordere die ganze Zeit Gerechtigkeit!“ Und weiter: „Ich hoffe eines Tages werden wir das erreichen!“

Ansonsten gab es jede Menge inhaltsschwerer Workshops und Diskussionen. Wiederkehrende Themen: Rassismus und Transphobie. Von Anfang an hatte die EL*C beschlossen, unterschiedliche Identitäten von Lesben zu integrieren und selbstkritisch über rassistische Strukturen nachzudenken – keine leichte Aufgabe, auch wenn im Orga-Team unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten vertreten waren.

Unterstützt wurde das EL*C-Team von der örtlichen LGBTI-Organisation Insight, deren Vertreterinnen sichtlich gerührt von der Lesbenkonferenz in ihrem Land waren: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages in meinem Land und in meiner Sprache auf einer Lesbenkonferenz sprechen kann“, erklärte Oksana Pokalchuk von Insight auf dem Abschlusspanel.

Neu war in diesem Jahr die Ausrichtung nach Mittelasien, also eine Öffnung und ein Fokus auf Länder wie Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Georgien und die Mongolei. Das brachte einerseits viele deprimierende Realitäten zu Tage, andererseits konnten neue Bekanntschaften geschlossen werden und es wurde jede Menge Kampfgeist geweckt. Manchmal muss Veränderung eben weh tun.

Und es stehen große Pläne an: Ein internationales Lesbennetzwerk, das Europa und Mittelasien umfasst, soll entstehen. Damit richtet sich die EL*C klar weiter Richtung Osten. Unter dem neuen Namen „EuroCentralAsian Lesbian* Community“ ist eine Art lesbischer Dachverband mit individuellen Mitgliedschaften geplant. Einzelne Personen können Entscheidungsträger*innen wählen und auch Inhalte können dann von jedem Mitglied mitbestimmt werden. Das Ziel: 10 Millionen Beteiligte und jede Menge Aktivitäten, weit über eine Konferenz hinaus.

Dragana ist sich sicher: „Wir denken, das wird ein bahnbrechendes Vorreiterprojekt in der Geschichte der lesbischen Bewegung. Indem wir dieses Netzwerk erschaffen, werden wir das komplette System verändern können – das politische System, die Gesellschaft und vor allem das Leben von Lesben überall in Europa und Mittelasien.“

Wie realistisch dieser gigantische Plan ist, wird sich noch zeigen. Das Treffen voller Lesben mitten im Herzen der Ukraine stimmte jedenfalls viele frohen Mutes. Beim Abschlusspanel wurde viel Emotion gezeigt. Mitorganisatorin Evgenia Giakoumopoulou wiederholte aufgeschnappte Zitate vom Wochenende: „Liebe zwischen Frauen ist revolutionär“, „Schluss mit Scham“ und „Wir brauchen Wut, Realismus und Liebe.“

A propos Liebe: das letzte Wort auf dem Panel hatte ein Heiratsantrag, den Draganas Freundin im Livestream über Facebook postete und von einer Mitorganisatorin auf der Bühne vortragen ließ. Ende gut, alles gut?

Es bleibt spannend, was die nächsten Jahre lesbische Vernetzung bringen werden. Für die frisch verlobte Dragana steht jedenfalls fest: „Wir wollen alle vereinen, damit wir eine gemeinsame Stimme haben in unserem täglichen Leben, in der Politik, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Das gilt im Privaten wie in der Öffentlichkeit. Wir glauben, unsere Botschaft wird so viel stärker sein, wenn unsere Stimmen vereint sind.“

Wie viel noch getan werden muss, zeigte das überraschende Ende am Sonntagabend. Gerade als viele nach getaner Arbeit ausgehen wollten, gab es gegen 20 Uhr eine Bombenwarnung im Konferenzhotel. Sie richtete sich nicht gezielt gegen Lesben, sondern wurde an mehreren Orten in der Stadt platziert. Bereits am Nachmittag wurde ein Shopping Center am Platz der Unabhängigkeit (Maidan Nezalezhnosti) evakuiert, nachdem es dort eine Drohung gegeben hatte. Grund: Die anstehenden Wahlen am kommenden Ostersonntag. Das Hotel wurde für einige Stunden gesperrt, bis das Sondereinsatzteam Entwarnung geben konnte.

Dana Müller

Der Nachbericht erschien zuerst auf l-mag.de

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