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Sicherer Heimweg für LGBTI*: Initiative sammelt Taxigeld auf Partys

1. Nov. 2019
Die queere Autorin Otter Lieffe (Mitte) startete Trans Feminism International im Frühjahr 2019

Nach einer durchzechten Clubnacht die öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause zu nehmen kann für Berliner Queers nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich sein. Von schiefen Blicken oder Beleidigungen bis hin zu körperlichen Übergriffen – wer sichtbar queer unterwegs ist, bietet Angriffsfläche.

Um LGBTI*-feindlichen Übergriffen zu begegnen, hat die Initiative Trans Feminism International (TFI) eine solidarische Aktion gestartet: Unter dem Motto „Get home safe“ sollen auf Partys und anderen Events Spenden gesammelt werden, um Besucher*innen der jeweiligen Veranstaltung Taxifahrten oder auch Mitfahrgelegenheiten für ihren Rückweg zu finanzieren.

Ein Spendentopf wird auf dem Event irgendwo sichtbar platziert, zusammen mit einer Erklärung, wofür gespendet werden soll. Alle, die sich auf dem Heimweg nicht geschützt genug fühlen, sollen dann das am Ende des Abends gesammelte Geld in Anspruch nehmen können.

Die Idee hatte Otter Lieffe, queere Autorin und Begründerin von TFI. Seit 2016 bietet sie „trans Sensibilisierungstrainings“ an, im Frühling 2019 startete sie dann Trans Feminism International. „Viele meiner Freunde und Leute aus der Community erzählen mir von Gewalterfahrungen, die sie auf dem Weg nach Hause von Events gemacht haben“, erzählt sie. „Ich möchte dafür sorgen, dass sie sich sicherer fühlen.“

Aus ihren eigenen Erfahrungen weiß Otter, dass besonders trans weibliche Personen oft gefährdet sind: „Trans Frauen und transfeminine Personen haben eine lange Geschichte von Ausschlüssen; viele von uns kämpfen mit instabilen Wohnsituationen, prekären und oft illegalisierten Arbeitsverhältnissen, erschwertem Zugang zum Gesundheitssystem und sozialer Isolation.

In Berlin höre ich jede Woche Horrorgeschichten über transfeindliche Gewalt im öffentlichen Raum, in den Verkehrsmitteln der BVG und – möglicherweise am verstörendsten – in manchen queeren, LGBTI-, feministischen und trans Räumen, die ja eigentlich dazu da sind, uns zu repräsentieren, und vielfach von trans Frauen mitbegründet wurden.“

TFI ist international vernetzt und arbeitet unter anderem mit dem Kollektiv Books Beyond Bars UK zusammen, das inhaftierten LGBTI* den Zugang zu Büchern und Bildungsressourcen ermöglicht. An der bisher auf Berlin beschränkten „Get home safe“-Aktion beteiligen sich bereits das Musikkollektiv Éclat Crew, das Hydra Café, die Partyreihen „Boar“ und Room 4 Resistance, das Dice Festival, der alternative Sexshop Other Nature am Mehringdamm, mit dem die Initiative TFI auch einmal im Monat ein „Trans Feminist Film Screening“ auf die Beine stellt, und einige mehr.

„Viele, die es brauchen können, haben vielleicht noch Hemmungen, von sich aus nach Taxigeld zu fragen“

Auf der letzten „Boar“ am 13. September im Polygon Club erlebte der kleine grüne Spendenfrosch seine Premiere. Der erste Testlauf der Aktion habe schon gut funktioniert, berichtet Julian Curico, einer der Organisator*innen der „Boar“-Party. Nicht wenige warfen Geld in den an der Kasse aufgestellten Frosch – und fünf Personen, die sich eine sicherere Fahrt nach Hause wünschten, kamen an dem Abend bereits auf das Team zu.

„Wir haben den Leuten dann empfohlen, auch ihren Freund*innen und Bekannten von dem Angebot zu erzählen“, sagt Julian. „Denn viele, die es brauchen können, haben vielleicht doch noch Hemmungen, uns von sich aus anzusprechen und nach Taxigeld zu fragen.“ Otter hofft, dass die Aktion andere Berliner Veranstalter*innen dazu inspirieren wird, ein ähnliches Spendensystem zu organisieren.

Sie ist zuversichtlich: „Dass unsere Idee in so kurzer Zeit so viel Zuspruch gefunden hat, zeigt mir, dass die Leute endlich erkennen, was für eine wichtige Rolle Sicherheit und Solidarität in unserer Community spielen.“

Elliot Zehms


transfeminism.net
otterlieffe.com
Trans Feminist Film Screening, jeden 1. Dienstag im Monat, nächster Termin: 5. November, Other Nature