Nach politischen Kontroversen auf der Berlinale: Festivalleiterin Tricia Tuttle bleibt vorerst im Amt
Tricia Tuttle bleibt vorerst Berlinale-Chefin – eine Entscheidung über ihre Zukunft fiel im Aufsichtsrat der KBB GmbH nicht. Nach politischen Kontroversen um pro-palästinensische Statements wird über die Ausrichtung des Festivals verhandelt
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt vorerst im Amt. Wie ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer laut dpa mitteilte, blieb die heutige Aufsichtsratssitzung der bundeseigenen, für die Berlinale zuständigen KBB GmbH ohne Ergebnis. Es ist also nach wie vor unklar, ob Tuttle ihren Posten als Leiterin des renommierten Filmfestivals räumen muss, von sich aus gehen will oder wie die zukünftige politische Ausrichtung der Berlinale aussehen soll. „Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt.“
Hintergrund der Debatte um Tuttles Abberufung waren politische Kontroversen im Kontext des Nahostkonflikts im Rahmen der diesjährigen Filmfestspiele. Konkret ging es darum, wie und in welcher Form pro-palästinensische Solidaritätsbekundungen möglich sein sollen. Besonders in der Kritik standen dabei die Dankesrede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Al-Khatib, der einen Preis für sein Debüt-Spielfilm „Chronicles from the Siege“ erhalten hatte. Al-Khatib hatte in seiner Rede der Bundesregierung vorgeworfen, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein“ und sagte darüber hinaus: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Hinzu kam ein Foto von Tuttle mit der Filmcrew von „Chronicles from the Siege“, auf dem letztere palästinensische Symbole zeigten.
Hunderte Filmschaffende hatten sich im Vorfeld der Sitzung in einem offenen Brief gegen eine mögliche Absetzung von Tuttle als Berlinale-Chefin ausgesprochen. Auch Mitarbeiter*innen der Berlinale stellen sich in einem Statement öffentlich hinter ihre Intendantin. Darin heißt es: „Wir übertreiben nicht, wenn wir einhellig sagen, dass der Aufsichtsrat der KBB kaum eine intelligentere, integerere und reaktionsschnellere Persönlichkeit zur Leitung der Berlinale hätte berufen können – und niemanden, der sich den Grundprinzipien, die dieses Festival zu einer unverzichtbaren Plattform für das Kino in Deutschland und international machen, stärker verpflichtet fühlt.“
Sven Lehmann, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag und ehemaliger Queerbeauftragter der Bundesregierung, stellte sich in einem Pressestatement vom heutigen Donnerstag ebenfalls hinter Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle: „Sollte Tricia Tuttle als Berlinale-Leiterin gehen müssen, wäre das nicht nur ein Schaden für die Berlinale, sondern ein Desaster für die deutsche Kulturpolitik“, heißt es in Lehmanns Pressestatement. „Der ganze Vorgang ist eine einzige Zumutung. Tricia Tuttle hat in den vergangenen zwei Jahren für ihre künstlerische Leitung international viel Anerkennung erfahren. Sie hat die Berlinale spürbar programmatisch erneuert, ihr internationales Profil geschärft und junge Stimmen gestärkt. Die Berlinale ist das größte Publikumsfestival der Welt.“
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