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Tanz im August: Jefta van Dinther im Interview

Der Choreograf Jefta van Dinther zeigt beim diesjährigen „Tanz im August“ sein Stück „Plateau Effect“. Mit uns spricht er über seine Karriere und die Highlights des Festival.

Der Choreofraf Jefta van Dinther © Christian Kielmann

10.08. – Jefta, du giltst als einer der interessantesten jungen Choreografen. Wie hat sich deine Karriere bisher entwickelt?
Geboren bin ich den Niederlanden, aber da ich in Schweden aufwuchs, fühle ich mich eher als Schwede. Für meine Tanzausbildung bin ich dann zurück nach Amsterdam. Zunächst habe ich selbst für Compagnien getanzt, später engagierte ich mich mehr und mehr in kleineren Projekten, bei denen Choreograf und Tänzer eng zusammenarbeiteten. Seit 2008 kreiere ich meine eigenen Stücke.

Was ist das besondere an deiner Arbeitsweise?
Ich stelle Fragen zum Thema Bewegung und bringe sie dann wie eine Art Forschungsprojekt auf die Bühne. Ich arbeite eher abstrakt, aber die Zuschauer sind eingeladen, Assoziationen aus ihrem Leben oder der Gesellschaft einzubringen.

Des Öfteren kann man im zeitgenössischen Tanztheater beobachten, dass Elemente wie Sprechszenen oder Videoeinspielungen die Überhand nehmen und sich die Tänzer kaum bewegen. Wie ist das bei dir?
Meine Arbeiten sind auf jeden Fall immer sehr körperlich. Mir persönlich ist es wichtig eine Aussage zu treffen, mit dem Publikum zu kommunizieren. Ob dann das Label „Tanz“ darauf klebt oder nicht, ist für mich völlig unerheblich.

Du lebst in Stockholm und Berlin. Warum hat es dich in die deutsche Hauptstadt verschlagen?
Ich lebe seit sechs Jahren in der Nähe vom Hermannplatz. Was mich in Berlin inspiriert, ist neben der schieren Größe der Stadt natürlich der ständige Wandel. Es gibt immer noch viele Leerstellen, die noch nicht ausgeschlachtet sind und die die Subkultur zum Experimentieren einladen. Ich bin sehr viel in den schwulen Clubs und in der Techno-Szene unterwegs.

Fließen deine Erfahrungen als schwuler Berliner auch in deine Inszenierungen ein?
Eine Weile lang habe ich mit reinen Männer-Gruppen gearbeitet. Mich interessierten damals Fragen um Männlichkeit, Intimität und Sexualität. Ziel war zwar ein Statement über Sexualität generell, aber natürlich hat meine eigene Homosexualität diese Studien stark eingefärbt.

Beim Tanz im August zeigst du deine Arbeit mit dem schwedischen Cullberg Ballet, „Plauteau Effect“. Gibt es auch dort queere Aspekte?
Meine eigenen Erfahrungen bilden natürlich immer einen Subtext, auch wenn es bei Plateau Effect sicher nicht um High Heels geht, sondern um die Interaktion des Einzelnen mit der Gruppe. Am Anfang gibt es eine androgyne Stimme, die nicht klar in die Kategorien männlich/weiblich einzuordnen ist – und die nach und nach auf alle Tänzerinnen und Tänzer überspringt.

Ansonsten geht es also eher um Gruppenprozesse. Implizierst du damit auch Aussagen über gesellschaftliche Fragen? Es ist eine Untersuchung darüber, wie Menschen Gruppen bilden und welche Kräfte dabei entstehen. Kräfte, die über das hinausgehen was der oder die Einzelne erreichen kann. Auch die Umwelt spielt dabei eine wichtige Rolle: Welchen Einfluss hat sie auf die Gruppe und umgekehrt. Ich arbeite dabei eher abstrakt — als Metapher dient etwa ein großes Stück Stoff. Einige Zuschauer sahen darin eine Aussage über Klimawandel. Wie gesagt – meine abstrakte Arbeitsweise lädt zu unterschiedlichen Assoziationen ein.

Neben der Bewegung spielt Licht und Sound in deinen Arbeiten eine wichtige Rolle.
Seit drei Jahren arbeite ich mit dem Komponisten David Kiers und der Lichtdesignerin Minna Tiikkainen zusammen, wobei wir versuchen, die drei Elemente Bewegung, Licht und Sound zu verschmelzen – ob im Zusammenklang oder auch mal im Widerspruch. Einige haben das Ergebnis dieser ästhetische Experimente schon mal als Gesamtkunstwerk beschrieben.

Berlin gilt als spannendender Ort für junge Choreografen. Siehst du das auch so oder gibt es auch gewisse Beschränkungen?
Die Tanzszene zieht immer mehr Leute an, gerade aus dem Ausland. In den Niederlanden etwa ist die Situation nach vielen Kürzungen katastrophal. Mit den Uferstudios hat Berlin tolle neue Räume hinzugewonnen. Generell bleibt aber auch in Berlin die finanzielle Lage für Tänzer und Choreografen höchst prekär.

Wie ordnest du den Tanz im August in der internationalen Festival-Landschaft ein? Es ist ein wichtiges Festival, mit dem ich von Anfang zusammenarbeiten wollte. In den letzten Jahren hat man immer eine gute Mischung gefunden – zwischen großen Produktionen, die man einfach gesehen haben muss und kleineren experimentelleren Arbeiten. „Plateau Effect“ ist meine erste Arbeit für eine große Bühne und mit einer größeren Gruppe von Tänzern. Es war für mich eine spannende Erfahrung und ich bin froh, dass es in der Volksbühne gezeigt wird.

Deine persönliche Empfehlung für den „Tanz im August“? „Suddenly Everywhere is Black with People“ von Marcelo Evelin ist großartig. Ich habe es in Rio gesehen: Fünf pechschwarz angemalten Performern bewegen sich als eine rhythmisch wogende Masse durch den Raum und mischen sich unter das Publikum. Ich werde mir außerdem Trajal Harrels „Antigone Sr. / Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church“ anschauen. Der New Yorker Choreograf hat in der letzten Zeit einige wichtige Arbeiten gezeigt, die sich mit queerer Kultur auseinandersetzen — und er stellt dabei spannende politische, geschichtliche und ästhetische Fragen.

Interview: Carsten Bauhaus

Siegessäule präsentiert: „Tanz im August“, 15.–30.08., HAU, Sophiensaele, Haus der Berliner Festspiele, Volksbühne u. a., tanzimaugust.de

Die queeren Highlights des diesjährigen Festivals findet ihr in unserem Überblickstext in der aktuellen Ausgabe der Siegessäule. Hier die aktuelle Siegessäule zum digitalen Lesen

 



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