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Musik

Baby Dee – Renaissance Girl

Hans Kellett vom Berliner Chanson-Duo Princessin Hans über die Begegnung mit Multiinstrumentalistin Baby Dee. Beide sind live am 01.05. in Berlin zu sehen

Baby Dee © Winter Vandenbrink

26.04. – Der 1. Mai kann eine rabiate Nacht in Berlin werden – die wütenden Armen gegen den aufgerüsteten Verteidiger des Eigentums der Landesherren. Vielleicht aber sehnt man sich dieses Mal, wenn die Dämmerung einbricht, nach einer sanfteren Form des Protests. Man besteigt also den Prenzlauer Berg und obendrauf erwartet einen die multi-instrumentalische Komponistin und Performerin Baby Dee. Die Frau, die uns in Richtung Renaissance führen könnte.

Wie in ihren Texten fliegt ein Gespräch mit Baby Dee durch reizvolle Geschichten, dunkle Gedanken und zarte Reflexionen, um immer zu einem vergnügten Glucksen zurückzukehren. Die aktuelle Tour mit ihrem sechsten Studioalbum „I Am a Stick“ ist der jüngste Schritt auf einer musikalischen Reise, die Jahrzehnte durchquert. Die Reise hat von Cleveland nach New York und zurück geführt, Stationen waren Dirigierstudien, Einsätze als Kirchenorganistin, Performances auf Straßen und Harfe spielen mit Antony Hegarty. Im Jahr 1999 zog Baby Dee sich aus dem öffentlichen Leben zurück, um sich auf das Komponieren zu konzentrieren, damals ohne Pläne, die daraus entstehenden Stücke selbst live zu präsentieren. Nun ist es schwer, sich die sehr persönlichen Lieder, die sie balzt, intoniert und knurrt, aus dem Mund von jemand anderem vorzustellen.

„Es gibt bestimmte Songs, die sehr wohl nicht ernst gemeint sind, aber zum größten Teil ist meine Musik todernst. Viele der Lieder sind Liebeslieder, auch wenn sie nicht immer wie Liebeslieder klingen. Ich versuche, aus einer Position der Wahrheit heraus zu schreiben.“ Ihre Absicht sorgt oft für aufregende Ergebnisse. Wer sonst würde so geschickt den Wunsch nach einem leckeren Stück Kuchen flink mit mehrstimmigen Gesangsarrangements koppeln, wie Palestrina in Trauer an einem leeren Dessertbuffet?

Ihre Geduld bei der Geburt ihrer Lieder veranschaulicht der Song „Whose Rough Hands“, dessen Entstehungsprozess acht Jahre gedauert hat. Ein früh entstandener Refrain entsprang den Erinnerungen an Kent Lang, einem Jungen aus ihrer Kindheit. Ein „Charlie-Manson-fucked-up“-Blag. Im Laufe der Jahre brachte der Song eine Erkenntnis: Die Kent Langs dieser Welt sind wie Nägel, die von schlechten Tischlern brutal überbogen und eingeschlagen werden, Menschen, die immer weiter hämmern, weit über den Punkt des Anhaltens und Nachdenkens hinaus, bis die Nägel vollständig krumm und platt gehauen sind.

Mittlerweile versteht sie „Whose Rough Hands“ als Protestsong gegen einen universellen Aspekt der menschlichen Dummheit. „Diese armen Arschlöcher in der Wüste, die die Köpfe der Menschen absägen, denken, dass solange sie weiterhin Köpfe tranchieren, alles gut wird. Wir können uns nicht vorstellen, so wütend zu werden, dass wir jemandem den Kopf abschneiden würden. Wir denken, wir sind zivilisiert und könnten nie so wütend werden. Wir könnten definitiv so wütend werden.“

Wenn es schlechte Tischler sind, die einen Kent erschaffen, wer erschafft dann eine Dee? Die Antwort ist ein schallendes Gelächter. „Die besten Kunsthandwerker! Nein, wir erschaffen uns selbst mit all unseren Hämmern. Vielleicht ist es nur, dass ich die Verantwortung für meine eigene Dummheit annehme. Ich bin die schlechte Tischlerin, die mich selbst gemacht hat. Es ist im Grunde ein Protestlied über meine eigene Dummheit. Vielleicht sollten die Leute zu mir kommen, weil ich kolossal dumm bin.“

Wenn die Aussicht, die Nummer „Der weiseste Dummkopf der Welt spielt Klavier und singt“ zu bestaunen nicht Motivation genug ist, hat Dee auch versprochen, ihre Band mitzubringen, die für sie „The Most Beautiful Boys“ sind. Die jüngste Ergänzung des Trios ist der exquisite spanische Gitarrist Victor Herrero. Neben Princessin Hans ist er auch solo zu erleben als einer der beiden Eröffnungsacts in einer Nacht voller Musik, die aufs Beste unsere fehlerhafte menschliche Natur deutet. „Es gibt nichts Schöneres als ein wunderbares Lied und es lohnt sich, eine Lebenszeit darauf zu warten, ein Lied machen zu können. Wir haben viel Glück.“

Hans Kellett

Baby Dee, Victor Herrero und Princessin Hans, 21:00, 01.05., Ausland



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