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Kritik an queerem Aktivismus: „Verbote und destruktive Selbstzerfleischung“

SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll diskutierte mit Patsy l'Amour laLove über ihre kritische Auseinandersetzung mit dem queeren Aktivismus der Gegenwart

Patsy l'Amour laLove (li.) und Jan Noll © Christian Krauss

03.03.17 – Mit „Beißreflexe“ gibt Tunte Patsy l’Amour laLove erneut ein Buch mit Texten verschiedener AutorInnen zu einem kontroversen Thema heraus. In diesem Fall: kritische Schriften zum queeren Aktivismus der Gegenwart. Warum der in ihren Augen oft den „Anschein einer dogmatischen Politsekte“ habe, wollte SIEGESSÄULE-Chefredakteur Jan Noll von ihr wissen

Patsy, in dem von dir herausgegebenen Buch „Beißreflexe“ kritisiert du die aktuelle Umsetzung von queer. Worin besteht deine Kritik?
Das Projekt queer ist für mich gescheitert, wenn es für Verbote und eine destruktive Selbstzerfleischung genutzt wird. Schwul, lesbisch, trans* gelten als Konstrukte, und wer sich so bezeichnet, gilt als altbacken oder sogar reaktionär. Während queer einerseits als radikale Abkehr von festen Identitäten vorgestellt wird, legt man andererseits aktuell mit einer falschen Betroffenheitspolitik fest, wer sprechen darf und wer nicht. Aufgeteilt wird dabei wiederum strikt nach Identitäten. Über Rassismus oder Schwulenfeindlichkeit darf somit dann nur sprechen, wer „betroffen“ davon ist. Man tut so, als könnte eine Lesbe oder ein Hetero nicht empathisch mit einem Schwulen sein, und betont, sobald es einem passt, wieder die Differenz. Dabei wird mit Vorwürfen und schlechtem Gewissen gearbeitet: In dem Moment aber, wo ich eine privilegierte weiße Lesbe für ihr privilegiertes weißes Lesbischsein angreife, wird das, was vielleicht an Gemeinsamkeiten da ist, direkt ausradiert. Vor allem aber übergeht man das Wesentliche: die Feindseligkeit der Gesellschaft, gegen die man sich mit Queer richten müsste. Problematisch finde ich auch, was unter dem Label queer derzeit im Kontext antirassistischer Arbeit gemacht wird. Da werden Faschingskostüme oder die bloße Anwesenheit von Weißen zu krasser rassistischer Gewalt stilisiert. Folge davon sind Kämpfe und Anfeindungen in der queeren Szene, und man vergisst darüber, mit was für einem eklatanten Rassismus gegenüber Geflüchteten man es in Deutschland tatsächlich zu tun hat.

Wie viele nicht weiße Menschen sind in diesem Band mit Texten repräsentiert?
Ich habe weder Herkunft noch Hautfarbe noch sexuelle Orientierung oder Geschlecht bei den AutorInnen abgefragt. Das sind alles Leute, die was mit queerem Aktivismus zu tun haben. Das und die Texte waren für mich der springende Punkt.

Du weichst mir aus. Haben Schwarze oder PoCs etwas geschrieben oder nicht?
Hinter deiner Frage vermute ich die Forderung, dass so was sein muss. Dass wer über Rassismus schreibt, selber davon betroffen sein sollte. Dass man immer alle Perspektiven mitdenken muss. Das ist eine überformte Betroffenheitspolitik, die nicht mehr nach dem Inhalt, sondern nach Hautfarbe und sexueller Orientierung der Sprechenden bewertet.

Jetzt hast du den Grund für meine Frage ganz schön zugespitzt. Ich finde es zumindest bereichernd, wenn man über Rassismus spricht, auch Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Aber zurück zu deinem einleitenden Text. Der holt zu einem Rundumschlag gegen die begrifflichen Eckpfeiler queerfeministischer, antirassistischer, linker Politik aus: Definitionsmacht, Privilegien, Schutzräume, kulturelle Aneignung, Intersektionalität. Ich finde, das sind doch recht sinnvolle Konzepte. Was stört dich an ihnen?
Mir geht es nicht darum, Begriffe zu verwerfen, solange sie Sinn machen. Das, was mit ihnen gemacht wird, möchte ich aber kritisieren. Bestimmte Termini sind zu heiligen Kühen geworden. Das Konzept der Schutzräume beispielsweise entstand aus dem Bedürfnis, Leute tatsächlich zu schützen vor dem, was sie in der Gesellschaft als Zumutung erleben. Das Problem ist aber – bei allen Begriffen, die du genannt hast –, dass daraus Instrumente gemacht werden, um sich selber die Macht zu geben, Leute bestrafen zu können. Schutzräume sollen dann zu aseptischen Räumen umgewandelt werden, in denen Awareness-Teams nicht für Menschen da sind, denen es vor Ort tatsächlich schlecht geht, sondern nach Leuten suchen, die sich falsch verhalten. Darin äußert sich der Wunsch, andere zu sanktionieren.

Kulturelle Aneignung, ein Konzept aus der Critical Whiteness, beschreibst du als einen folkloristischen Ansatz. Bitte führe das noch mal aus. Ein Faschingskostüm, eine bestimmte Klamotte, ein Ohrring oder Dreadlocks gelten im Rahmen dieses Konzepts an sich schon als Gewalt. Ich finde das folkloristisch, weil damit Leute einer bestimmten Ethnie zugeordnet werden, der gemäß sie sich zu kleiden und zu frisieren haben. Das geht von streng getrennten Kulturen oder Völkern aus. Unter Rechten sind solche Ansätze übrigens schon lange Usus: Kulturen müssen gewertschätzt werden, aber getrennt voneinander. Jede Kultur muss ihre eigene kulturelle Identität bewahren, die sich nicht mit einer anderen vermischen darf.

Was du dabei ausklammerst, ist, dass es hier nicht generell darum geht, dass sich Kulturen nicht vermischen dürfen, sondern darum, dass weiß dominierte Gesellschaften relativ frei über Codes unterdrückter Bevölkerungsgruppen verfügen und dass sich darin eine kolonialistische Macht manifestiert. Nach dem Motto: Die coolen Sachen aus den Black Communitys wie Voguing können wir einfach übernehmen, im Alltag unterdrücken wir diese Menschen aber trotzdem lustig weiter. Das produziert Frustration und ist mitunter sehr missbräuchlich: die Chippewa wurden in Reservate gesteckt, aber gleichzeitig hängt sich jeder einen Traumfänger übers Bett. Aber ist das Problem der Traumfänger überm Bett oder ist das Problem nicht eher, dass Völker wie die Chippewa in Reservate gesteckt wurden? Darauf muss sich die Kritik richten! Es gab vor ein paar Jahren Artikel zum Thema Critical Hetness, in denen es darum ging, dass man Heterosexuellen in queeren Räumen das Knutschen verbieten solle. Dem liegt die gleiche Vorstellung zugrunde: Diese Menschen würden durch Knutschen angeblich ihre heterosexuellen Privilegien ausleben. Sie müssen sich nie Gedanken darüber machen, während ich ständig überlegen muss, wann und wo ich mit einem anderen Mann in der Öffentlichkeit Händchen halten oder knutschen kann. Was machen diese Heteros also jetzt in meinem Club rum? Diesen Impuls finde ich nachvollziehbar – aber man sollte ihn dringend hinterfragen! Und daraus abzuleiten, dass die dort nicht mehr knutschen dürfen, und es zu verbieten, hilft mir bei meiner Situation als Schwuler in der Gesellschaft überhaupt nicht weiter.

Wie willst du das Buch verstanden wissen und wie könnte ein queerer Aktivismus gelingen? Ich habe bemerkt, dass sich viele Menschen, die seit Jahren queerpolitisch aktiv sind, von der dogmatischen Variante von queer abwenden. Kritische Schriften gibt es kaum, auch weil die Leute Angst haben, dazu etwas zu sagen. Man wird in der Szene schnell zur Persona non grata. Das Buch soll zum Umdenken anregen. In der aktuellen Zeit halte ich Nestwärme für unnötig, gerade jetzt ist es wichtig, kritikfähig zu sein. Anders kann man dem Hass in dieser Gesellschaft nicht begegnen. Wir dürfen uns vom heterosexuellen Wahnsinn und seinen Unterwerfungsangeboten in keiner Weise verführen lassen und müssen ihm stattdessen selbstbewusst als andere, queer im besten Sinne also, entgegentreten.

Interview: Jan Noll


Patsy l’Amour laLove (Hg.): „Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“, Querverlag, 240 Seiten, 16,90 Euro

Ludwig l‘Amour – Patsys Salon, Kritik an der kulturellen Aneignungskritik von Marco Ebert, 09.03., 20:00, Ludwig. Musik von Barbra Diamond



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