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Böse Teufelshuren: Homosexualität und Okkultismus

Ein Vortrag im Ludwig untersucht die Verbindung von Sexualität und Satan

Ansgar Martins

05.04.17 – Okkultismusexperte und Religionsphilosoph Ansgar Martins referiert unter dem Titel „Das sind die bösen Teufelshuren – Sexus und Satan“ über Satanismus und Homosexualität. Zu Gast ist er in Patsy l'Amour laLoves Salon in der Neuköllner Bar Ludwig, bei dem sie monatlich Vorträge und Lesungen präsentiert. SIEGESSÄULE-Redakteur Joey Hansom sprach mit dem Frankfurter Wissenschaftler Martins über Magie, Okkultismus und die Faszination, die diese Konzepte speziell auf queere Menschen ausüben

Ansgar, denkst du, dass queere Menschen mehr von Magie oder dem Okkulten angezogen werden als andere? Magie und Okkultismus sind nicht dasselbe, aber manche Okkultisten nennen ihre Praktiken „Magie“ oder, wie Aleister Crowley, „Magick“. Im Bereich „Queer“ und Okkultismus gibt es meines Wissens keine zufriedenstellenden Studien. Hier muss noch Grundsatzarbeit geleistet werden. Ich würde sagen, dass LGBT-Menschen nicht mehr von Okkultismus angezogen werden als andere, aber man mag bei denjenigen von ihnen, die davon angezogen werden, spezielle Motive feststellen. Queere und okkulte Gruppen haben zumindest eines gemeinsam: Sie formen Gemeinschaften mit avantgardistischem Selbstbild für Individuen, die an den internen Begrenzungen der westlichen Kultur zu leiden haben. Esoterische Bewegungen sind Produkte der späten Moderne, manche von ihnen waren feministisch geprägt, einige vertreten individualistische Werte, sie mögen mehr für LGBT-Menschen offen sein als einige andere Religionen. Zugleich formuliert eine eindrucksvolle Menge von Esoterikern eine metaphysische Version üblicher Geschlechterstereotype: fühlende Frauen und denkende Männer mit unterschiedlichen Missionen – Yin und Yang. Dass daraus vielfach sexistische und homophobe Schlüsse gezogen werden, liegt auf der Hand.

Du studierst Esoterik des zwanzigsten Jahrhunderts, bist aber selber kein Anhänger. Was macht dann deine Faszination dafür aus? Esoterische Vorstellungen sprechen sehr offen aus, welche Bedürfnisse in der Gesellschaft existieren, die sie hervorbringt. Ein Beispiel ist der verbreitete Unterschied zwischen einem „wahren“, „authentischen“ „Selbst“ und einem zweiten, dem Ego, das im Konflikt mit der unerlösten uns umgebenden Welt entsteht: das „niedere Selbst“. Das „authentische Selbst“ ist eine rein ideologische Kategorie, aber ich meine, wir alle kennen die reale Spaltung zwischen Privatem und Öffentlichem, die im gedoppelten esoterischen Selbst sehr künstlich und verzweifelt zum Ausdruck kommt: Das selbstreferenzielle Individuum und das allgemein-öffentliche Subjekt, das irgendwie als kompromittiert erfahren wird. Im fahlen Licht der esoterischen Kultur muss man sozioökonomische Probleme erkennen. In diesem Sinne kritisierten sogar Feuerbach und Marx die Position des Atheismus, weil die schlichte Leugnung Gottes übersieht, dass sich hinter seinem Antlitz sehr diesseitige Probleme verbergen.

Hat die Verbreitung von Esoterik in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zugenommen? Ich denke nicht und schließe mich da Christopher Partridges Aussage an: „Occulture is ordinary.“ Historisch ist es vielleicht besser, von verschiedenen Wellen der Esoterik zu sprechen. Die esoterische Mode der zwanziger, sechziger oder achtziger Jahre scheint bedeutungsvoller zu sein als die heutige, aber mal sehen. Andererseits muss man zwischen Esoterik und den verbreiteten Verschwörungstheorien über Esoterik unterscheiden. Es gibt eine alte und in den Obertönen antisemitische Angst vor dunklen, geheimen Gruppen, ihre unterstellten finsteren Plänen und dass sie „unsere Kinder“ verführen werden. Die Satanismus-Hysterie der 80er- und 90er-Jahre ist ein Beispiel. Die großen okkultistischen Bewegungen teilen oft diese Vorstellungen: Viele Anthroposophen denken etwa, andere Esoteriker seien von bösen oder falschen Mächten geleitet. Es kann einem so vorkommen, als ob die Verbreitung von Esoterik gerade wieder einmal zunimmt. Vielleicht weil das wie auch immer zutreffende gegenwärtige Krisen-Gefühl einmal mehr dasjenige einer vampirhaften, bösen Außenwelt und einer bedrohten eigenen Authentizität verstärkt, das esoterischen, nationalistischen und Verschwörungsideologien zugrundeliegt.


Interview: Joey Hansom

Ludwig l'amour, Patsys Salon: „Das sind die bösen Teufelshuren – Sexus und Satan“, Vortrag, 06.04., 20:00, Ludwig


ansgarmartins.de



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