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Schwules Museum* zeigt „Odarodle“

Die Schau stellt in künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Thema Postkolonialismus die Geschichte auf den Prüfstand. Kurator Ashkan Sepahvand dazu im Interview

Ashkan Sepahvand © Vika Kirchenbauer

18.07.17 – Im Schwulen Museum* stellt eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Postkolonialismus nicht nur die Geschichte auf den Prüfstand. Auch eine überkommene Ausstellungspraxis wird spielerisch infrage gestellt, selbstreferenziell, vielschichtig und multiperpektivisch. Wir sprachen mit dem Kurator Ashkan Sepahvand (Foto)

Der Titel der Ausstellung, „Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017“ klingt für mich parodistisch und ironisch. Ist das Ausstellungskonzept tatsächlich so gemeint?
Eine künstlerische Auseinandersetzung basiert ja darauf, dass man mit dem vorhandenen Material kreativ und spielerisch umgeht – was aber nicht gleichbedeutend ist mit zynischer Ironie. Es geht um eine Neuschöpfung durch spielerische Adaption: „Odarodle“ ist einfach nur „Eldorado“ rückwärts gelesen. Die Ausstellung von 1984 im Berlin Museum „Eldorado: Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950 – Geschichte, Alltag, Kultur“, gilt ja als die Geburtsstunde des Schwulen Museums*, da vier Männer aus der damaligen Arbeitsgruppe entschieden, ein „permanentes Eldorado“ zu etablieren.

Bevor du als Kurator eingeladen wurdest, hattest du das Schwule Museum* gar nicht auf dem Schirm – obwohl du seit elf Jahren in Berlin lebst. Warum haben dich die Ausstellungen nie angesprochen?
Das habe ich mich auch gefragt. Es ist doch so: Die Ausstellungen im Schwulen Museum* behandeln meist Personen, Biografien oder Themen aus der LGBT-Bewegung. Das ist ein bisschen wie: „Wir“ beschließen, „uns“ in Vitrinen zu packen und uns uns gegenseitig zu zeigen. In den 80er-Jahren war das politisch sehr wichtig, heute aber erscheint es mir als ein merkwürdiges Relikt. Mich erinnert das ein wenig an ein Heimatmuseum – oder an ein altmodisches ethnologisches Museum, wo in Dioramen Menschen aus Afrika oder Asien gezeigt werden. Für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler habe ich deshalb die „Denkübung“ vorgegeben, sich das Schwule Museum* als ethnologische Sammlung vorzustellen. Das passt auch deshalb, weil die Vorgabe für die Ausstellung das Thema Postkolonialismus war.

Das Thema Postkolonialismus scheint für das Schwule Museum* zunächst nicht sehr naheliegend. Oder täuscht das?
„Eldorado“, der Name der legendären Vergnügungsstätte aus den 20er-Jahren, die dann zum Titel der Ausstellung 1984 wurde, basiert ja auf einem kolonialen Mythos. Mir geht es dabei aber nicht so sehr um Kolonialismus im territorialen Sinn, sondern um koloniales Erbe, das heute noch aktuell ist: Strukturen wie ökonomische Abhängigkeiten und politische Manipulation, die im Neoliberalismus weiter existieren. Und im Kontext der homosexuellen Befreiung kann man koloniale Prinzipien etwa im Patriarchat, im bürgerlichen Kapitalismus oder in der heteronormativen Reproduktionslogik entdecken.

Der Begriff des Postkolonialismus impliziert heute ja auch die Kritik an bestimmten althergebrachten Perspektiven und Denkfiguren …
Ja, allerdings interessiert es mich nicht, mit dem Finger auf frühere Generationen zu zeigen und anzumahnen, dass damals die oder jene Perspektive nicht mitbedacht wurde. Mir geht es nur darum, heute eine neue, frische Perspektive einzubringen.

Nach diesem Kriterium hast du auch die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Was war dir dabei wichtig?
Ich wollte die gegenwärtigen Realitäten in den verschiedenen, kreativen „Szenen“ Berlins widerspiegeln – die heute international, multi-ethnisch und in Bezug auf Geschlecht und Sexualität sehr komplex sind. Mir schwebte eine positive Methode vor, das Schwule Museum* – mit seinem demographischen Schwerpunkt auf dem weißen, deutschen Schwulen – neu zu beleben. Deshalb habe ich Leute eingeladen, die das Museum normalerweise selbst gar nicht auf dem Bildschirm haben. Es geht auch darum, das Image Berlins und der schöngefärbten „Legende“ der Goldenen 20er aufzufrischen, indem man klarmacht, dass es viele interessante queere, farbige und vielschichtige Leute gibt, die hier leben, arbeiten und kreativ sind  – und die heute auch in diesen Kontext gehören.

Interview: Carsten Bauhaus

 

SIEGESSÄULE präsentiert:
„Odarodle – Sittengeschichte eines Naturmysteriums, 1535-2017“, 21.07.–16.10. (Vernissage: 20.07., 19:00, Schwules Museum*,

schwulesmuseum.de

 

 



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