Siegessäule - NEWS/COMMENTS

Szene

„Die Berliner Szene ist gefragt.“ – Das queere Projekt „glitza glitza“ steht vor dem Aus!

„Glitza glitza“ bietet u. a. Kleidung mit Sprüchen wie „Pro Homo“ an. Nach einer Mietkündigung droht ihm das Aus. Die BetreiberInnen sprachen über die Schwierigkeit, kleine Projekte in Berlin zu halten

Glitza Glitza © she-trigger

08.09.17 – Am morgigen Samstag wird in Berlin erneut gegen Gentrifizierung demonstriert. Die Demo „Wem gehört die Stadt?" startet um 14:00 Uhr auf dem Oranienplatz. Daran beteiligen werden sich, unter anderem, auch die BetreiberInnen des queeren Projektes „glitza glitza“. Denn die Zukunft des kleinen Szene-Merchs und Infoladens in den Räumen des Ladens Q in der Manteuffelstraße in Kreuzberg ist nach einer Kündigung der Mieträume unsicher.

Seit knapp zwei Jahren bieten die Künstlerinnen Finn und Roxi im „glitza glitza“ ihre Kunst auf Textil und anderen Materialien an. Verkauft werden Basecaps, Unterhosen, Buttons, Postkarten oder T-Shirts mit Aufdrucken und politischen Motiven und Sprüchen wie „Pro Homo“, „Can´t even think straight“ oder „You can´t pray away the gay“. Die meisten Produkte werden selbst hergestellt, T-Shirts per Hand bemalt. Außerdem bieten sie Zines, Patches und Infomaterial von und über andere queere und feministische Projekte. Die Kündigung für Finn und Roxi kam im Juni, das Aus für ihr Projekt droht nun im Oktober. Wie es auch für viele andere kleine, queere Initiativen in Berlin der Fall ist, hängt der Fortbestand von „glitza glitza“ an der Raumfrage.

Wir haben mit Finn und Roxi über die aktuellen Probleme gesprochen, über die Schwierigkeit, eigene Ideen in Berlin umzusetzen und darüber, warum sie den Erhalt kleiner, alternativer Räume wie „glitza glitza“ so wichtig finden

Finn und Roxi, euch gibt’s seit November 2015 hier in der Manteuffelstraße. Wie seid ihr hierher gekommen?
Roxi:
Das Projekt „glitza glitza haben wir vor gut 5 Jahren gegründet. Unsere Sachen haben wir einige Zeit erstmal auf Märkten verkauft, was aber nur einen Teil der Idee ermöglicht hat. Wir wollten ja nicht nur Waren anbieten, sondern auch einen Ort für Begegnung und Austausch gründen. Später haben wir in der Schlesischen Straße an einem festen Ort verkauft, was aber nicht funktioniert hat, weil da nicht viele Queers hinkommen. Das war zu tourimäßig. In der Manteuffelstraße wollten wir es dann nochmal probieren – da gibt’s mehr queere Leute im Kiez. Das hat auch geklappt, auch die nicht-queere Nachbarschaft freut sich, dass es uns gibt.
Finn: Außerdem sind es Gewerberäume innerhalb eines linken Hausprojektes, wir dachten da kann nicht so viel passieren.

 

Und was ist jetzt, warum müsst ihr raus?
R:
Im November 2015, als wir eingezogen sind, haben vier Personen diese Räume zusammen genutzt. Einer ist rausgegangen und wir haben uns auf dessen Platz beworben. Das heißt, jetzt sind neben uns noch drei Männer drin, zwei von denen sind einmal die Woche da, der andere ein bis zwei Mal die Woche. Alle drei nutzen die Räume als Büroraum. Und die drei haben uns jetzt gekündigt.

 

Was war die Begründung für die Kündigung?
R:
Dass sie nicht gewusst hätten, dass wir einen Laden machen, dass Kommunikation mit uns nicht möglich sei. Vor der Kündigung haben wir zusammen eine Mediation gemacht, waren mitten im Prozess.

 

Was bedeutet es für euch, wenn ihr am 1.10. ausziehen müsst?
R:
Das ist das Aus, das Projekt gibt’s danach nicht mehr. Leute fragen oft „Sucht ihr jetzt schon nach neuen Räumen“? Da muss ich leider antworten, schau dir doch den Markt mal an, wo sollen wir Räume suchen, die wir uns leisten können? Wir machen kein Gewinngeschäft, können uns kaum eine höhere Miete leisten, als die, die wir gerade zahlen.

 

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee für den Laden gekommen?
R:
Wir waren und sind beide auf verschiedene Arten kreativ und haben eine neue Form des Aktivismus gesucht. Der Laden schien da eine gute Verbindung zu sein. Außerdem wollten wir einen Ort schaffen, an dem queere Leute sich begegnen können.
F: Es gibt massenhaft Queers in Berlin, viele queere Partys, schwule Mainstream-Bars etc., aber keinen Laden wie den unseren. Auch deutschlandweit nicht. Leute kommen aus aller Welt zu uns und sagen „krass, cool, dass ihr das macht“.

 

Es war bestimmt nicht leicht, das aufzubauen?
F: Wir hatten kein Startkapital. Es hat Jahre gedauert, aber jetzt sind wir an dem Punkt, dass wir sehen, dass es immer besser wird – und jetzt werden wir rausgeschmissen. Anderthalb Jahre haben wir diesen Laden mit viel Arbeit und Liebe aufgebaut.
R: Jetzt läuft es auf den verschiedenen Ebenen, auch auf der geschäftlichen: Wir müssen endlich nicht mehr draufzahlen. Wir beuten uns mit unserer Arbeit immer noch selber aus, aber das Projekt trägt sich zumindest selbst.

Wen wollt ihr mit eurem Angebot ansprechen?
F:
Hauptsächlich queers, also politische LGBTIS, und Feministinnen. Aus der Nachbarschaft kommen einige heterosexuelle Frauen, die begeistert sind über Aufschriften auf unseren T-Shirts wie „Schöner leben ohne Macker“. Die finden das gut, bleiben stehen, kommen rein.
R:
Unser Publikum ist sehr unterschiedlich: es kamen z.B. schon Leute aus den USA, Schweden, Türkei, Finnland, Dänemark ... Ich finde den Austausch immer interessant. Wenn Leute vor dir stehen, die in anderen Ländern leben und die berichten können, wie es vor Ort ist.

Bekommt ihr in der Situation jetzt auch Unterstützung aus der Szene?
R:
Ja, die Reaktionen sind herzerwärmend. Wir kriegen viel Rücklauf, Statements aus der ganzen Welt. Natürlich kann jemand, die etwa aus Texas schreibt, sonst nicht viel machen, um uns zu unterstützen. Die Berliner Szene ist gefragt. Im Moment ist es einfach wichtig es bekannt zu machen, vor Ort vorbeizukommen und zu zeigen ich bin hier, ich bin solidarisch.
F:
Wir freuen uns, wenn Leute helfen zu argumentieren, warum das ein politischer, wichtiger, feministischer Kampf ist. Wenn wir bleiben können, würden wir eigentlich gerne noch andere Leute mit reinnehmen, noch mehr Veranstaltungen machen, Filmabende, etwas, wo Leute sich einbringen können. Der Plan ist nicht, dass wir zu zweit ein Business daraus machen. Wir wollen Platz schaffen für Queers, den es in Berlin einfach nicht mehr so gibt.

Interview: Hannah Geiger

 

Foto: she-trigger

DT glitza glitza im „Q“
Manteuffelstraße 90
http://dtglitzaglitza.blogsport.de/

 

Queer-feministischer Block auf der Demo „Wem gehört die Stadt?“
Samstag, 08.09., Treffpunkt 13:00 bei Manteuffelstraße 90
https://www.facebook.com/events/1554144171304543/



Anzeige

Themen auf SIEGESSÄULE.DE

Diese Website verwendet Cookies und Google Analytics. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK