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Protest in Berlin

Queerfeministische Demo und Aktionstag gegen den „Marsch für das Leben“

Am Samstag findet in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt, dem auch LGBTI-feindliche Gruppen angehören. Mehrere Gegenaktionen sind geplant: Wir sprachen mit dem „What the Fuck Bündnis“

Abschlusskundgebung des „Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung" vom letzten Jahr

13.09.17 – Am kommenden Samstag findet in Berlin wieder der „Marsch für das Leben“ statt – eine Demonstration, die ein totales Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen fordert. Getragen wird sie von einem breiten Bündnis christlicher, konservativer bis reaktionärer und rechter Gruppen. Am selben Tag, als Protest gegen den „Marsch für das Leben“, sind mehrere Gegendemonstrationen und -aktionen angesetzt.

Das Berliner „What the fuck-Bündnis“ mobilisiert zu einer Demo gegen den „Marsch“, die um 10:30 an der U-Bahn Station Wittenbergplatz startet. Sie soll sich in Richtung Brandenburger Tor bewegen und auf dem Weg das Landesparteibüro der Berliner AfD passieren. Daneben organisiert das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ einen Aktionstag, der um 12:00 am Brandenburger Tor startet. 

Am „Marsch für das Leben“ werden sich, unter anderem, auch UnterstützerInnen der so genannten „Demo für alle“ beteiligen. Diese engagiert sich, nach eigener Beschreibung, „für die Wahrung der Elternrechte, Ehe und Familie und gegen Gender-Ideologie und Sexualisierung der Kinder.“ Schon seit einer Woche ziehen UnterstützerInnen der „Demo für alle“ mit einem eigen dafür bereitgestellten Bus, den sie „Bus der Meinungsfreiheit“ nennen, durch deutsche Städte. Am Freitag, einen Tag vor dem „Marsch für das Leben“, wollen sie in Berlin ankommen und mit einer Petition gegen die Ehe für alle vor das Bundeskanzleramt ziehen. Sowohl das „What the Fuck Bündnis“, als auch das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ rufen dazu auf, bereits am Freitag eine Kundgebung gegen die „Demo für alle“ zu unterstützen. Die u. a. von „Enough is enough“ organisierte Kundgebung beginnt um 14:00 in der Otto-von-Bismarck-Allee. 

Sarah Bach vom „What the Fuck Bündnis“ hat uns ein paar Fragen zu den Hintergründen und zur Kritik am „Marsch für das Leben“ beantwortet

Sarah, was kritisiert ihr am „Marsch für das Leben“? Er ist die in Deutschland präsenteste und medial am stärksten rezipierte Aktionsform der sogenannten Lebensschutzbewegung. Diese fordert ein komplettes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen – in Sorge um die deutsche Kleinfamilie. Der Marsch steht aber nicht nur für eine Bewegung, die antifeministisch, homophob und rassistisch ist. Auf der Demo der „LebensschützerInnen“ werden diskriminierende Inhalte auch aktiv verkündet. Im letzten Jahr gab es z. B. ein Schild, auf dem stand: „Willkommenskultur für Ungeborene“. Das instrumentalisiert die Sorge um sterbende Menschen im Mittelmeer und die Willkommenskultur für Geflüchtete und spielt sie gegen das Recht auf Abtreibung aus. 

Welche Gruppen stehen hinter dem „Marsch“? Das Ganze wird vom „Bundesverband Lebensrecht“ organisiert – ein bundesweiter Dachverband von Lebensschutzgruppen. Das sind nicht nur lokale Vereine, sondern auch Teile von Parteien, beispielsweise die „Christdemokraten für das Leben“. Mittels jährlicher Grußworte wird der Marsch auch von renommierten Politiker*innen unterstützt, beispielsweise von Wolfgang Bosbach. Außerdem reden auf dem Marsch Vetreter*innen der „Demo für alle“, deren Gründerin Hedwig von Beverfoerde explizit homophobe Ansichten vetritt.

Einige der Gruppen, die sich am „Marsch“ beteiligen, äußern sich auch feindlich gegenüber LGBTI ... Ja, zum Beispiel ist der ehemalige Vorsitzende des „Bundesverband Lebensrecht“, Martin Lohmann, dadurch in die Medien gekommen, dass aktiv gegen Homosexuelle gehetzt hat. Die Ideologie der Lebensschutzbewegung beruft sich auf eine von „Gott gegebene, natürliche“ Ordnung, in der Männer* und Frauen* zusammen Kinder bekommen sollen; und übrigens auch nur deshalb Sex haben sollen. Daraus folgt eine Ablehnung aller nicht-heterosexuellen sexuellen Identitäten, genauso wie aller Geschlechtsidentitäten, die nicht in ihr binäres Schema von Mann* und Frau* passen.

Traditionelle Familienbilder sind auch sehr präsent im aktuellen Wahlkampf zur Bundestagswahl - auf vielen Wahlplakaten wird mit einer „heilen Familie“ aus Vater, Mutter, Kind geworben. Haben konservative Bewegungen in Deutschland in den letzten Jahren Auftrieb bekommen? Traurigerweise ja. Das lässt sich nicht nur an der Mobilisierungsfähigkeit der sogenannten Lebensschutzbewegung erkennen, sondern auch an Wahlprognosen für die AfD, die ja offen mit einem schamlosen Antifeminismus hausieren geht. Antifeministische Bündnisse zehren von dem allgemeinen Rechtsruck in Europa. Verzweifelt wird das Gut „Kleinfamilie“ gegen eine vermeintliche „Überfremdung“ von außen in Stellung gebracht. Die „gute deutsche weiße Familie“ wird als letzter Ort von Sicherheit und Geborgenheit inszeniert. Gender-trouble wird dann, genauso wie die vermehrte Ankunft von Geflüchteten, als Chaos, Unsicherheit und Entfremdung von den „eigentlichen Wurzeln“ gedeutet.

Das „What the Fuck Bündnis“ hat sich 2008/2009 als bundesweite Gegenbewegung zu den „Märschen für das Leben“ gegründet. Wofür steht euer Bündnis noch? Wir fordern die komplette Streichung des §218 StGB, der Schwangerschaftsabbrüche immer noch kriminalisiert und die Arbeit von unterstützenden Gruppen wie ProFamilia oder von Ärzt*innen, die Abbrüche anbieten, erschwert. Statt Angst und Verboten braucht es Solidarität – mit allen, die keine Eltern sein wollen und einen sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen brauchen. Und auch mit jenen, die nicht in das weiße heterosexuelle Kleinfamilienschema der sogenannten Lebensschutzbewegung reinpassen wollen oder können. Wir stehen auch für das Wissen darum, dass eine alternative Gesellschaft möglich ist, in der wir aus uns heraus und nach unserem Bedürfnis – und nicht aufgrund von „Mainstream-Normen“ oder staatlicher Verbote – lieben, leben und Familien haben.

Interview: FS

Protest gegen die „Demo für alle“: „Kein Hass-Bus in Berlin!“
Freitag, 15. September, 14:00
Otto-von-Bismarck-Allee
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„Marsch für das Leben?“ – What the Fuck! QueerFeministische Demo
Samstag, 16. September, 10:30
U-Bahnhof Wittenbergplatz
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Aktionstag für sexuelle Selbstbestimmung 2017
Samstag, 16. September, 12:00
Brandenburger Tor
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