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Retrospektive

Der „lesbische Blick“ von Jeanne Mammen

Die Berlinische Galerie bietet eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Werk der Berliner Künstlerin Jeanne Mammen, die das lesbische Nachtleben der Goldenen Zwanziger in ihren Bildern festhielt

© VG Bild-Kunst, Bonn / Volker H. Schneider, Berlin

04.10.17 – So wie die Künstlerin Jeanne Mammen (1890–1976) die homosexuelle und vor allem lesbische Subkultur im Berlin der 20er-Jahre gesehen hat, so sehen wir sie heute noch. Denn viele Bilder sind nicht geblieben von dieser an Vielfalt und Freiheitslust nie wieder erreichten Zeit. Mammens Zeichnungen aus ihrer Schaffensphase in der Weimarer Republik sind weltberühmt und Teil einer kollektiven Erinnerung an die kurze Phase des Aufbruchs, der Innovationen und der ersten homo- und transsexuellen Emanzipationsbewegung. Jedoch ist die Künstlerin viel mehr als nur die Chronistin einer versunkenen Welt. Ihr Gesamtwerk wird nun in einer von Dr. Annelie Lütgens kuratierten Retrospektive in der Berlinischen Galerie nicht nur gewürdigt, sondern auch umfassend der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Denn Jeanne Mammen ist auch ein Mysterium: Es existieren nur sehr wenige Selbstzeugnisse, Tagebücher fehlen, und sie selbst scheint Diskretion dem lauten, selbstdarstellerischen Leben des Künstlerklischees vorgezogen zu haben. „Eigentlich habe ich mir immer gewünscht: nur ein Paar Augen zu sein, ungesehen durch die Welt gehen, nur die anderen sehen …“, sagte Jeanne Mammen über sich selbst.

Immer wieder wurde in der Vergangenheit darüber gerätselt, ob die Künstlerin so wie ihre Schwester selbst homosexuell gewesen ist. Eine schwierige Frage, da keine Liebesbeziehungen, die dies sichtbarer gemacht hätten, bekannt sind. Es kann jedenfalls nicht bestritten werden, und auffällig bleibt, dass gerade ihre Bilder von Frauenpaaren und -milieus von einer atmosphärischen Authentizität sind, die über ein handwerkliches Abbilden hinausgeht,– und einen „lesbischen Blick“ nahelegt.

Ein zentraler Fokus der Retrospektive liegt auf Mammens Werk während der NS-Diktatur. In dieser Zeit konnte sich die Künstlerin selbstverständlich nicht mehr frei ausdrücken. Doch anders als viele ihrer männlichen Kollegen, die sich in unverfängliche Landschaftsmalerei flüchteten, wählte die ehemals gut beschäftigte Illustratorin ein prekäres Leben zwischen Gelegenheitsarbeiten von Schaufensterdekorationen und Arbeitslosenunterstützung.

Emigrierte Freunde verkauften in den USA ihre Werke. Dafür leistete sie sich einen künstlerischen Widerstand. Inspiriert von Picassos antifaschistischem Gemälde „Guernica“ wandte sie sich dem als „entartet“ geltenden Kubismus zu. Anders als ihre Kolleginnen Renée Sintenis oder Hannah Höch konnte sich Mammen nach 1945 nicht wieder aus dem inneren Exil befreien und an ihre Erfolge in den 1920ern anknüpfen.

20 Jahre nach der ersten großen Werkschau im Gropiusbau wird es in der Berlinischen Galerie vor allem um eine umfassendere Auseinandersetzung mit dem vielseitigen und reichen Lebenswerk Mammens gehen. Dies beinhaltet auch, das ist Kuratorin Dr. Lütgens ein besonderes Anliegen, die Darstellung einer intellektuellen und hochgebildeten Künstlerin, die sich mit französischen Schriftstellern wie Gustave Flaubert in ihrer Arbeit auseinandersetzte oder Arthur Rimbaud übersetzte und illustrierte. Kernstück der Ausstellung bilden rund 50 Gemälde aus insgesamt 170 Arbeiten, gerahmt von Briefen, Fotos, Magazinen und anderen Zeugnissen einer unbedingt (wieder)zuentdeckenden großen Künstlerin.

Stephanie Kuhnen

SIEGESSÄULE präsentiert
Jeanne Mammen – Die Beobachterin.
Retrospektive 1910–1975, 06.10.–15.01.2018, Mi–Mo, 10:00–18:00,
Berlinische Galerie


berlinischegalerie.de



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