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Musik

Songs für Beerdigungen und Strip-Clubs: Benny Andersson von ABBA im Interview

Wir sprachen mit Benny Andersson über sein neues Album, den Umgang mit Öffentlichkeit und in welcher Form ABBA 2018 wieder auf Tour gehen sollen

© Knut Koivisto/ Deutsche Grammophon

16.11.17 – Als Komponist von Welthits wie „Waterloo“ oder „Dancing Queen“ hat Benny Andersson mit ABBA 500 Millionen Alben verkauft. Jetzt meldet er sich mit seinem ersten Soloalbum seit 1989 zurück: Auf „Piano“ interpretiert er ABBA-Klassiker und persönliche Lieblinge am Klavier. Wir trafen ihn zum Gespräch

Herr Andersson, was ist die Idee hinter Ihrem „Piano“-Album? Ganz ehrlich? Der einzige Grund, warum ich dieses Album gemacht habe, ist: Ich dachte, es wäre nett, wenn mich meine Enkelkinder noch Klavier spielen hören können, wenn ich mal nicht mehr da bin.

Das meinen Sie nicht ernst.
Doch! Ich bin 70 – und ich trinke alkoholfreies Bier! (lacht) Wer weiß, wie lange mir noch bleibt! Also dachte ich mir, ich halte das, worauf ich am meisten stolz bin, für die Nachwelt fest. Ich wusste erst nicht, ob das nun eine gute oder eine schlechte Idee ist. Ich meine, es hätte ja auch sterbenslangweilig werden können. Aber während der Aufnahmen wurde mir klar: „Eigentlich klingt es so, wie es klingen sollte.“ Im Sinne von: Es sind nicht die alten Versionen, sondern das bin ich. Die Songs auf diesem Album sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Sie zeigen, was ich in den letzten fünf Dekaden getan habe und dass das gar nicht so schlecht war. Ich hatte ein paar starke Momente.

Wie „Tröstevisa“, das Standard bei Beerdigungszeremonien ist? (lacht) Richtig. In Schweden ist es der am häufigsten gespielte Song auf Beerdigungen.

Ist das etwas, auf das Sie stolz sind?
Durchaus. Wenn man die Musik auf der Orgel spielt, hat sie etwas sehr Festliches, Bewegendes. Und der Titel bedeutet übersetzt so viel wie „tröstendes Lied“. Wie heißt es so schön: Wenn es dir als Musiker gelingt, Songs für Hochzeiten, Beerdigungen und Strip-Clubs zu schreiben, hast du alles richtig gemacht. (lacht)

Wenn Sie nicht am Klavier sitzen, spielen Sie traditionelle schwedische Volksmusik mit Ihrem Orchester.
Damit habe ich nach ABBA und nach dem Musical „Chess“ angefangen. Ich entschied mich, ein Akkordeon-Album zu machen, das auf traditioneller schwedischer Volksmusik basiert – und zwar zusammen mit befreundeten Flötenspielern aus Midsweden, aus Dalarna. Ich dachte: „Was für ein Spaß, aber leider völlig unkommerziell.“ Und ich hatte auch nicht vor, damit eine große Plattenfirma anzugehen. Denn es ist doch vollkommen klar, was dann passiert wäre. Sie hätten mich gefragt: „Kannst du in dieser Fernsehsendung auftreten? Kannst du bei diesem Radiosender vorbeischauen?“ Und darauf hatte ich keine Lust. Ich wollte einfach Musik machen. Also habe ich meine eigene Plattenfirma gegründet und war insofern ohne Verpflichtungen. Und so handhabe ich das schon seit vielen Jahren. „Piano“ ist das erste Album, das ich lizenziert habe – weil ich diesem wunderbaren gelben Logo der Deutschen Grammophon nicht widerstehen konnte. Das ist ein Markenzeichen, das für etwas absolut Hochwertiges steht. Insofern sitze ich im Grunde sogar gerne hier und tue das, wogegen ich mich so lange gewehrt habe: Ich rede mit Leuten wie Ihnen.

Habe Sie das nie vermisst – die mediale Aufmerksamkeit, das Kitzeln des eigenen Egos? Nein, aber es stört mich auch nicht mehr. Das ist mir nach den heutigen Gesprächen klar geworden. Eben dass ich es im Grunde sogar genieße. Und zwar weil die meisten Journalisten sehr daran interessiert sind, was ich in den letzten Jahren getan habe – und warum ich dieses Album gemacht habe. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Es hat etwas von Anerkennung und Respekt. Es ist nett, dass sich die Leute noch dafür interessieren, was ich tue – 35 Jahre nach Abba. Das ist eine angenehme Überraschung.

Gleichzeitig versammeln sich vor dem Hotel aber auch keine kreischenden Fans mehr. Gott sei Dank! Es ist alles ruhiger und normaler geworden. Und das ist gut so. Das habe ich mir lange gewünscht, weil es einfach zu viel war. Also diese Menschenaufläufe, dieser Krach und diese Euphorie waren völlig krank. Und deswegen habe ich nach dem Ende von ABBA entschieden, dass ich das alles etwas herunterfahren muss. Dass ich das nicht mehr will und ab sofort nichts mehr mache, was ich nicht möchte. Angefangen bei Interviews über Pop-Alben bis hin zu monströsen öffentlichen Auftritten. Das ist das Privileg des Erfolgs, den ich hatte.

Vermissen Sie ABBA nicht manchmal und sei es nur wegen des Drumherums? Nein, kein bisschen. Das Einzige, was ich bedaure, ist, dass wir damals nicht so viel getourt sind, wie wir es eigentlich hätten tun sollen, und dass wir die Begeisterung, die auf der Welt herrschte, insofern nie richtig ausgekostet haben. Ich meine, wir haben viel Promotion gemacht, keine Frage. Wir waren öfters in Deutschland, um in TV-Sendungen aufzutreten. Genau wie in England, Frankreich und Spanien. Aber wir haben nie viel live gespielt. Es waren gerade mal zwei richtige Tourneen – und das in neun Jahren. Was wahnsinnig wenig ist. Gerade angesichts der damaligen Nachfrage. Wir waren insgesamt vielleicht drei oder vier Monate auf Tour. Das ist alles. Das lag auch daran, dass Björn und ich wussten, dass wir uns selbst Zeit zum Schreiben von Songs geben mussten. Denn die brauche ich einfach – und zwar immer noch. Ich funktioniere nicht unter Stress, sondern benötige eine ganze Weile, ehe mir etwas einfällt, das ich als gut genug erachte, um es zu veröffentlichen. Und ich schätze, diese Art des Denkens hat uns gutgetan. Aber: Ich vermisse es kein bisschen, ein Teil von ABBA zu sein. Zumal ich das im Grunde immer noch bin. Wir haben uns nie aufgelöst, auch wenn wir schon lange nicht mehr existieren.

Warum wurde das Ende der Band nie offiziell verkündet? Weil das nicht nötig war. Wir haben einfach irgendwann aufgehört zusammenzuarbeiten und das war’s.

Sie halten sich da also kein Hintertürchen auf? Nein, der Zug ist abgefahren.

Agnetha hat erklärt, sie wäre bereit dazu. Ist das nicht Motivation genug? Schön, dass sie bereit dazu wäre. (kichert) Aber Björn und ich sind es nicht. Deswegen wird das auch nicht passieren.

Und da könnte Sie nichts umstimmen?
Nicht einmal die astronomischen Summen, die Ihnen angeblich geboten werden? Nein. Natürlich ist es schmeichelhaft, solche Angebote zu bekommen und immer noch populär zu sein. Nur: Letztlich wären wir nichts anderes als unsere eigene Coverband und wahrscheinlich nicht einmal eine besonders gute. Da draußen sind zig Bands, die unsere Sachen viel besser rüberbringen, als wir das je getan haben – und je tun würden. Das ist leider die Wahrheit und das wissen wir auch. Selbst Agnetha. Insofern kann man uns wer weiß wie verlockende Angebote machen, sie reizen uns nicht. Denn Geld, das die einzige Motivation sein könnte, haben wir schließlich genug. Und ich würde mich für keine Summe der Welt lächerlich machen. Niemals. Das Einzige, was wir als ABBA in der Pipeline haben, sind Konzerte mit unserer Musik, unseren Stimmen, einer Liveband und Tänzern – aber ohne uns. Da ist dann alles live, außer unserem Gesang. Wir werden als Hologramme oder Avatare in Erscheinung treten, was rein technisch eine sehr komplexe Sache ist. Aber eben auch eine sehr spannende. Denn es ist das Modernste, was gerade auf dem Markt ist. Und allein das hat uns veranlasst zuzusagen. Ich hoffe, es klappt 2018, also dass sich das wirklich umsetzen lässt. Daran arbeitet gerade ein großes Team – wir eingeschlossen. Denn es ist eine schöne Vorstellung, auf Tour zu sein und in Arenen wie der o2 in London aufzutreten, während man selbst gemütlich zu Hause sitzt. Das ist perfekt. Ich wünschte, wir hätten die Technik schon vor 40 Jahren gehabt.

Werden Sie sich das auch selbst anschauen? Wahrscheinlich nicht. Wie ge- sagt: Ich bin nicht so scharf auf meine alte Musik. Wenn überhaupt, gehe ich dort mit meinen Enkeln hin. Mal sehen, was sie davon halten.

Wie erklären Sie ihnen die schrillen, bunten Kostüme? Ganz einfach: „Opa Benny und Onkel Björn haben das nur gemacht, um Steuern zu sparen.“ Was ja auch teilweise stimmt: Der schwedische Staat ließ es damals noch zu, Arbeitskleidung, die nicht alltagstauglich war, steuerlich abzusetzen. Und das bedeutete für uns, dass wir alles ausprobieren und dann abschreiben konnten. (lacht)

Interview: Marcel Anders

Benny Andersson: Piano (Deutsche Grammophon/Universal),
jetzt erhältlich



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