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Musik aus Südafrika

Künstler Nakhane: „Unsere homophobe Gesellschaft wurde vom Christentum geprägt"

Der südafrikanische Künstler Nakhane ist die neue queere Stimme des elektronischen Souls. Wir sprachen mit ihm u. a. über das Verhältnis von Homosexualität und Religion in Südafrika

Nakhane © Terryn Hatchett

14.03.18 – Nakhane ist ein Multitalent: Schaupieler – u. a. bekannt durch das preisgekrönte schwule Drama „The Wound" –, Dichter und vor allem eins: ein talentierter Musiker. Sein Stil ist ein Mix aus Neo-Soul, groovigem Ambient, leisen Klavierklängen und poppiger Elektronik, immer zutiefst emotional und authentisch. Nach dem Album „Brave Confusion", das 2013 ausschließlich in seiner Heimat Südafrika veröffentlicht wurde, folgt nun sein internationales Debut „You will not die“, auf dem er Traumata seiner Kindheit verarbeitet und über die Beziehung zu seiner Familie spricht. Der Titel des Albums stammt aus einer Zeit, als Nakhane sich aufgrund seines christlichen Glaubens noch selbst für seine Homosexualität geißelte. Im Interview mit uns spricht er über diese Zeit, sein Coming-out und seine Beziehung zur Religion

Nakhane, wie ist deine Familie mit deinem schwulen Coming-out umgegangen? Meine Familie hatte am Anfang noch ein sehr gespaltenes Verhältnis zu meiner Sexualität. Einige brauchten Zeit, um damit umgehen zu können. Doch im Laufe der Jahre und durch meine eigene Unabhängigkeit und meine Weigerung, Kompromisse einzugehen, hat meine gesamte Familie ein positives Verhältnis dazu entwickelt. Sie lieben und unterstützen mich.

Früher hast du deine Homosexualität aufgrund deines christlichen Glaubens abgelehnt. Wie hast du es geschafft, dich von dieser Vorstellung zu befreien? Ich musste mich entscheiden. Einige Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, dass es eine Ko-Existenz zwischen meinem christlichen Glauben und meiner Homosexualität geben könnte, aber ab einem gewissen Punkt funktionierte das nicht mehr. Ich musste meinen Glauben aufgeben. Es war schwierig, den enormen Raum in meinem Leben, den vorher das Christentum eingenommen hatte, mit etwas Neuem zu füllen. Ich hatte Angst, mit dieser Entscheidung den größten Fehler meines Lebens begangen zu haben und deswegen in der Hölle zu landen.

Bist du heute Atheist? Ich kann kein Atheist sein. Das Leben ist hart genug, und jetzt soll ich noch glauben, dass ich alleine bin? Nein danke. Nachdem ich mit meinem christlichen Glauben abgeschlossen hatte, ging ich zu meiner Tante. Sie ist eine Sangoma (das südafrikanische Äquivalent zu einer Schamanin) und ich wollte von ihr wissen, woran wir SüdafrikanerInnen glaubten, bevor wir kolonialisiert worden sind. Nun praktiziere ich den Xhosa-Glauben.

Denkst du, dass die Homophobie in Südafrika etwas mit dem kolonialen Erbe zu tun hat? Ja. Ich denke, dass unsere homophobe Gesellschaft sehr stark vom Christentum geprägt wurde, das aus Europa kam und uns aufgezwungen wurde. Du hast zu glauben oder du stirbst – das war das Motto und das ist uns von Generation zu Generation weiter gegeben worden. All diese binären Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität waren davor noch nicht in einer so aggressiven Weise ausgeprägt wie heute. Sogar unsere Sprache war nicht gegendert. Es gab kein „sie“ oder „er“. Die Ironie des Ganzen ist, dass die meisten Europäer heute nicht mehr an das glauben, was sie überall auf der Welt gepredigt haben. Wir sind jetzt diejenigen, die an diesen Glaubensvorstellungen festhalten.

Denkst du, dass Homosexualität in deiner Generation mittlerweile mehr toleriert wird, als noch in einer Generation davor? Ich weiß nicht, ob das wirklich zutrifft. Aber wenn ja, dann liegt es daran, dass es mittlerweile mehr Sichtbarkeit in den Medien gibt. Aber es gibt noch viel zu tun. Es muss differenzierter werden. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit von People of Colour, von Frauen und trans* Menschen. Aber zumindest ist Sichtbarkeit überhaupt da. In der vorhergehenden Generation wollten die Leute überhaupt nicht darüber reden.

Interview: Julia Vorkefeld


Nakhane: You will not die, ab dem 16.03. erhältlich



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