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Sopor Aeternus im Interview: „Ich verkörpere gleich zwei gesellschaftliche Tabus“

Das queere Goth Mysterium Anna-Varney alias Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows im Interview über ihre Transition und ihr neues Album

Trans Goddess Anna Varney Cantodea alias Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows

02.05.18 – Seit rund 30 Jahren ist das Neoklassik-Goth-Projekt Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows der öffentlichkeitsscheuen Künstlerin Anna-Varney Cantodea eine der weltweit außergewöhnlichsten Manifestationen queerer Kunst. Anlässlich des neuen Albums „The Spiral Sacrifice“ beantwortete Anna-Varney uns per E-Mail einige Fragen

Anna, wer dein Werk kennt, kann darin den langen und schwierigen Weg deiner Transition nachverfolgen. Von ersten, sehr schmerzerfüllten Erkenntnissen in den 90ern bis hin zur selbstbewussten trans Frau von heute. Wie hast du selbst diesen Weg empfunden und wie häufig warst du dabei Diskriminierung, Homo- oder Trans*phobie ausgesetzt? Ach, die Welt ist voller Arschlöcher. Das ist ja weiter nichts Neues. Und eine Transition ist nie einfach. Wenn du dann zu allem Überfluss zusätzlich auch noch goth bist, du also gleich zwei gesellschaftliche Tabus verkörperst (sprich Tod und kein eindeutig zuweisbares Geschlecht), dann bekommst du sowieso von Hass bis Spott die ganze Palette ab. Aber, hey, wenigstens lebe ich nicht in einem Land, in dem ich täglich fürchten muss, gefoltert und/oder ermordet zu werden. Obwohl mir Letzteres natürlich öfter angedroht wurde. Du kennst den Spruch ja bestimmt: „So was wie dich sollte man ...“, und an der Stelle kannst du dann einsetzen, was du willst. Ich hab schon alles gehört. Es wird irgendwie aber auch nicht besser. Der Abschaum stirbt eben leider nie aus. Dumm geboren und nichts dazugelernt. Ich weiß, ich sollte vermutlich nachsichtiger sein, aber dafür verabscheue ich die Menschheit einfach zu sehr. Was die „selbstbewusste trans Frau“ angeht (danke dafür) – es ist schon interessant. Vor Kurzem verbrachte ich einen Abend diskutierend mit einem (heterosexuellen) Freund und gleich zweimal während unseres Gespräches bezeichnete er mich als schwulen Mann. Seine seltsame Wortwahl hing offenkundig mit dem sehr speziellen Thema unserer Unterhaltung zusammen. Worauf ich hinauswill, ist aber Folgendes: In der Vergangenheit hätte mir dergleichen einen tiefen, schmerzvollen Stich versetzt. Aber heute ... heute ist das alles dermaßen irrelevant für mich, dass seine erste Bemerkung komplett an mir vorbeizog und ich erst beim zweiten Mal die Absurdität überhaupt bemerkte.

Was bedeutet es dir, dass du für viele trans* Personen auf der ganzen Welt – zumindest innerhalb einer bestimmten Szene – zu einer Art Leuchtfeuer und Hoffnungsträgerin geworden bist? Ich war gerade im Begriff zu antworten, dass ich nicht beurteilen kann, inwieweit das tatsächlich so ist, da ich von alledem ja nicht wirklich etwas mitbekomme, als just in dem Augenblick jemand über Bandcamp ein T-Shirt bei mir bestellte und sich in einer angehängten Nachricht herzlich bedankte, dass Sopor so sehr in den dunklen Stunden ihrer Transition geholfen hat. Was bleibt mir da noch zu sagen? Es ist fast schon beschämend, da ich im Grunde ja eigentlich nichts mache. 

In „The Spiral Sacrifice“ sind viele Melodien aus deinem dritten Album, „The Inexperienced Spiral Traveller“ von 1997, eingeflossen – eine Platte, von der du nie müde geworden bist zu betonen, dass du sie hasst. Warum hast du sie gerade jetzt neu bearbeitet und konntest du nun deinen Frieden mit ihr machen? Oh, ja. Absolut. „The Spiral Sacrifice" klingt (und wirkt) genau so, wie ich es beabsichtigt und gehofft hatte. Bei magisch-psychologischer Arbeit (oder der Einfachheit halber "in der Kunst") ist es oftmals so, dass die Anfänge bisweilen unscheinbar und komplett zufällig erscheinen. Nach dem Album "Mitternacht" war es (wie nach jedem Album) so, dass ich völlig ausgelaugt war und mir nicht vorstellen konnte, ob und was ich als Nächstes machen sollte. Ich wusste nur, dass ich irgendwie "aufräumen" musste, und da besagtes 1997er Album mir schon seit Jahren ein Dorn im Auge war, dachte ich: OK, machst Du das halt als Nächstes. In dem Moment hatte ich natürlich noch keine Ahnung, wie unglaublich bedeutungsvoll die Arbeit daran werden würde. Doch nach und nach wurde klar, das "The Spiral Sacrifice" nicht bloß ein Lückenfüller, sondern wieder ein tatsächliches, magisches Sopor-Album werden würde. Witzigerweise hätte ich mir das eigentlich von Anfang an denken können ... denn in dem Augenblick, in dem ich beschlossen hatte, mich des Inhalts des 1997er Albums erneut anzunehmen, hatte ich die innere Gewissheit, dass es gut werden würde. Dieses Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben, und jemand, der es noch nie erlebt hat, wird nicht verstehen können, was ich damit meine. Ist es dieser magische Anfangspunkt, im dem eine erste Verbindung hergestellt wird, die wie ein silbernes, ätherisches Band ist... eine Verbindung zu einem zukünftigen Ereignis... von dem Du zwar nicht weißt, wie genau es aussehen wird oder wie Du überhaupt dorthin gelangen sollst... aber dieses besondere, wenn auch fragile Gefühl ist quasi die Bestätigung, die Rückmeldung, dass die magische Verbindung tatsächlich zustande gekommen ist.

Ein Grund, warum ich das 1997er-Album „The Inexperienced Spiral Traveller" über die Jahre hinweg so sehr verabscheut habe, ist, dass wirklich alles darauf scheiße ist (ich darf das so sagen, ich habe es ja schließlich gemacht). Aber was es zusätzlich noch frustrierender für mich gemacht hat, war die Tatsache, dass ich wusste (oder vielmehr spürte), dass sich trotz des erbärmlichen Äußeren wirkliches Potenzial in dem Album verbarg. 1997 war das Jahr, in dem ich bewusst anfing, durch meine Transition zu stolpern. Und, um es in einem Wort zusammenzufassen, es war scheiße. Ironischerweise dokumentiert besagtes Album aus diesem Jahr diesen Umstand (dieses Gefühl) in seiner Unzulänglichkeit dann doch sehr genau – von wegen nicht Fisch, nicht Fleisch... nicht Mann noch Frau. Was wiederum vermutlich ein weiterer Grund ist, warum mir dessen „Unfertigkeit“ über die Jahre hinweg so peinlich war. Jetzt, 20 Jahre später, ist die neue Platte „The Spiral Sacrifice“ – nüchtern betrachtet – sowohl eine Zeitreise als auch eine Bestandsaufnahme. Und das Ergebnis ist sehr... versöhnend. Ich mag das Album wirklich sehr gerne.

Nach knapp 30 Jahren Karriere und beinahe 30 Veröffentlichungen musstest du für dein neues Album „The Spiral Sacrifice“ zu ersten Mal auf ein Crowdfunding zurückgreifen, um es überhaupt realisieren zu können. Nach allem, was du erreicht und geleistet hast. Wie fühlte sich das für dich an? Das ist schwer zu beantworten, da ich mir darüber erstmal keine großen Gedanken (sprich Sorgen) gemacht habe... was eigentlich überraschend untypisch für mich war/ist, da ich mir sonst über und wegen wirklich allem Sorgen mache. Aber es war für mich die ganze Zeit über klar, dass das Album auf jeden Fall aufgenommen werden würde. Egal wie. Das stand für mich außer Frage, da es einfach viel zu wichtig war. Hinzu kam... in der Vergangenheit wäre allein der Gedanke an Crowdfunding für mich komplett undenkbar gewesen, wohingegen bei „The Spiral Sacrifice“ alles irgendwie... "lockerer" war (aus Mangel eines passenderen Wortes). Zumindest bis zu einem bestimmten Grad. Mehr noch, das Crowdfunding – bzw. die Idee als solche – wurde zum Teil des Albums. In der Tat war es so, dass sich der Albumtitel mir erst dann vollständig offenbarte, nachdem ich innerlich der Idee des Crownfunding zugestimmt hatte und dabei war, die ganze Aktion vorzubereiten.

Was macht das emotional bei der künstlerischen Arbeit mit einem, wenn man die Erwartungshaltung etlicher Crowdfunder im Rücken hat? Ich bin nicht auf diesem Planeten, um irgendjemandes Erwartungen zu erfüllen. Und die Meinungen von Leuten, die ich noch nicht mal kenne, sind wie ein Furz im Wind. Folglich stellt sich diese Frage für mich glücklicherweise nicht. Zumal... das Album ist ja nicht für jemand anderes gedacht, sondern einzig und allein für mich. Aber ich sag' Dir was Anderes... an einem Punkt (das Album war schon fertig, allerdings noch nicht veröffentlicht) habe ich mich tatsächlich gefragt – nicht aus Besorgnis, sondern aus reiner, quasi wissenschaftlicher Neugier – ob und wie es jemand anderem außer mir überhaupt möglich sein wird, Zugang zu dem Album zu finden. Schließlich reden wir hier von magisch-psychologischer Arbeit, zu der nur ich den/die zum Verständnis notwendigen Schüssel habe... und, abgesehen von meiner handvoll Freunden, die mich tatsächlich kennen und mit denen ich mich gelegentlich über das Album unterhalten habe, hat niemand auch nur eine Ahnung, was alles zur Entstehung des Albums beigetragen hat, und welche Bedeutung allem innewohnt.

Eine zweite Parallele zu „The Inexperienced ...“ sind die etlichen Instrumentaltracks auf „The Spiral Sacrifice“. Warum gab es diesmal so wenig mit Worten zu sagen? Die Hälfte der Stücke des 1997er Albums waren ja damals schon instrumental. Das sollte dann also nicht weiter verwundern. Und was die Texte von damals angeht... bis auf das Titelstück (und selbst davon nur die erste Hälfte!) konnte ich die alten Texte einfach nicht mehr singen. Wie gesagt, 20 Jahre sind seitdem vergangen und alles hat sich verändert. Was ja auch gut so ist. Darum geht es ja schließlich, Weiterentwicklung. Ich hatte zwar überlegt, ob ich die alten Melodien mit neuen Texten versehen sollt... aber der Gedanke hat sich dann einfach falsch angefühlt (bis auf das letzte Stück). Stattdessen gab es kurzerhand neue Titel für die alten Stücke und der Rest der "Handlung" wurde durch die Musik selbst illustriert.

Du hast wieder mit etlichen MusikerInnen gearbeitet, beinahe ein kleines Orchester inklusive Chor. Wie bindest du Gäste in deine Vision eines Albums ein? Wie koordinierst du das alles? Stehst du vorne und wedelst mit einem Dirigentinnenstab? Ach, ich selbst koordiniere eigentlich nichts. Mittlerweile habe ich meine festen Studiomusiker und letztendlich sage ich Patrick im Studio nur, wen ich für was und wie viel benötige, und er organisiert dann die Termine. Da es bei Sopor keine Proben gibt (weder für die Musiker noch für mich), wird jedes Instrument einzeln aufgenommen. Genau heisst das dann: der Musiker erscheint, bekommt die Noten vorgelegt und hat es dann bitte genauso zu spielen, wie ich es in meinem Kopf höre. Ha!

Dein Look für die Fotos im begleitenden Buch ist diesmal ziemlich „Glam“: Sterne, Glitzer, pinkes Kleid. Wie korrespondiert dein jeweiliger Look mit den Inhalten der Alben? Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Ja, sicher. Allerdings ist dieser nicht banal offensichtlich. Wie soll ich das am besten erklären? Hm, o. k.: Stell dir vor, du vertonst das Märchen von Rotkäppchen, doch anstatt dich für die Fotosession dann in einen roten Fummel zu werfen, rasierst du dir stattdessen nicht die Beine. Verstehst du, worauf ich hinauswill? Subtilität und Symbolsprache über... nun ja, Holzhammer und Massenkompatibilität. Was den Look auf „The Spiral Sacrifice“ angeht, das war eigentlich ganz interessant. Ich hatte keine Ahnung, was ich anziehen sollte. Ich hatte einfach nichts. Wie jedes Mal. Ein Bekannter von mir arbeitet in einer Art Hospiz in der Nähe von Los Angeles, das von der katholischen Kirche betrieben wird. Und da die bekanntermaßen ja wirklich alles horten, gibt es dort folglich ganze Kellergewölbe randvoll mit den Habseligkeiten der Verstorbenen. Eines Abends stieg also mein Bekannter hinab in besagten Keller und schickte mir ein verwackeltes Video von dem, was er dort vorfand. Um 3:00 Uhr morgens war das alles irgendwie höchst spannend und geradezu ägyptisch... und als er sich filmend einmal um die eigene Achse drehte, meinte ich, im Dunkel, unscharf im Hintergrund, etwas Rosafarbenes zu erkennen. Instinktiv rief ich: „Halt, stopp, was war das für ein rosa Ding, das muss ich sehen, geh noch mal zurück, jetzt sofort!“ Und wie sich herausstellte, war es jenes zauberhafte, irgendwie 30er-Jahre-eske Cocktailkleid in Flamingorosa. Wunderbarster Pseudo-Hollywood-Royalty-Trash. Eine wahre Perle. Das eigentliche Wunder aber war, dass mir das Teil dann tatsächlich auch passte. So, yes... auf „The Spiral Sacrifice“ trage ich das Kleid einer Toten.

Offensichtlich ist, dass du mit der Platte eine gescheiterte Liebe oder Beziehung verarbeitest. Und das tust du so direkt und wenig abstrakt wie möglich. Ist sie eine Art öffentlicher Abschiedsbrief? Ein Abschiedsbrief vielleicht insofern als dass „The Spiral Sacrifice“ möglicherweise mein letztes Album ist. Aber wer weiß. „Eine gescheiterte Liebe oder Beziehung.“ Ha! Das klingt so furchtbar gewöhnlich. Aber ich vermute, das ist es auch... oder wäre es zumindest, wenn es tatsächlich alles wäre, worum es auf dem Album geht. Es widerstrebt mir allerdings, näher auf den Inhalt einzugehen. Zum einen geht es niemanden etwas an, und zum anderen ist es für den „Fan“ immer enttäuschend, wenn ein/e KünstlerIn die eigene Arbeit erklärt. Schließlich liegt der Wert, die Bedeutung für den Betrachter/Zuhörer ja bekanntermaßen immer in der eigenen Interpretation, dem eigenen Zugang zu dem Werk... und eine „Erklärung" seitens der SchöpferIn kann da ja nur ernüchternd sein. Hauptsächlich aber geht es wirklich niemanden etwas an. Nur so viel: bei dem Wort „gescheitert“ muss ich dir dann doch widersprechen, denn gescheitert ist hier letztendlich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Aber damit habe ich eigentlich schon wieder zu viel gesagt.

Und wann gehen wir endlich mal ein Bier trinken? Bier? Bitch, pleeez ...

Interview: Jan Noll


Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows:
The Spiral Sacrifice (Apocalyptic Vision Rec.),
jetzt erhältlich



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