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Essay

Esoterik und Feminismus: Hexenmystik als emanzipatorische Praxis?

Verschwinden Sexismus und Nationalismus, wenn die Mondin im Uranus steckt? Stephanie Kuhnen über Sinn und Unsinn esoterischer Konzepte in queeren und feministischen Kreisen

© Guille Chipironet

08.05.18 – Angeregt durch das esoterisch aufgeladene Konzept der Kunstaktion „Dyke Bar“ im Schwulen Museum (SMU) im Rahmen des „Jahres der Frau_en“ wurde in den letzten Wochen im Internet eifrig über den Zusammenhang von Feminismus und Esoterik diskutiert. Artikel anderer feministischer Medien, die beispielweise das Legen von Tarotkarten als „widerständige Praxis“ marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen beschrieben, gossen Öl ins Feuer des Diskurses, der zwar im Grunde nicht neu ist, aber gerade eine Renaissance zu erleben scheint. Doch warum schleichen sich Hexenfolklore, weiblich konnotierte Naturmystik und andere esoterisch anmutende Ideen immer wieder in feministische Debatten? Und welche Funktion haben sie im Kontext weiblicher Geschichtsschreibung? SIEGESSÄULE-Autorin Stephanie Kuhnen geht der Sache auf den Grund

Wenn Religion Opium für das Volk ist, dann ist Esoterik das Crystal Meth der Unterprivilegierten. Das sind traditionell Frauen, denen über viele Jahrhunderte eine gestaltende Teilnahme an den großen Weltreligionen verwehrt wurde und wird. Und neuerdings auch Menschen, die sich als Queers verstehen – also in Opposition zu Homosexuellen und Trans*, deren große Sehnsucht nach Anerkennung mit einem CSD-Gottesdienst befriedigt werden kann. Neu hingegen ist nur, dass das Lesen von Horoskopen, Legen von Tarotkarten und Behaupten von Zauberkräften als „widerständige Praxis“ oder „künstlerische Intervention“ verkauft wird. Angesichts der Macht der Kirchen fragt man sich, in welcher homöopathischen Potenz dieser Hokuspokus das religiöse Patriarchat zu Fall bringen soll. Welche Bachblüten-Kombination bringt die guten alten Zeiten wieder zurück, als Hexen zur Walpurgisnacht noch straffrei höllisch gute Partys feierten? Verschwinden Sexismus, Rassismus und Nationalismus, wenn die Mondin im Uranus steckt? Und wollen überhaupt alle Menschen mit Delphinen und Einhörnern ungegendert auf Blumenwiesen tanzen? Dürfen die Lesben, die es betrifft, dann eigene Menstruationshütten bauen?

Keine Frage: Esoterik boomt wieder unter LGBTI. Lieber an ein fremdbestimmtes Schicksal glauben, als selbst Verantwortung übernehmen und handeln. Das ist nicht politisch, sondern Selbstaufgabe. Das Projekt „Mit Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ wird damit zur Adoption freigegeben. Mit fatalen Folgen. Fortschritt kann nicht erzeugt, Macht nicht gewonnen werden, indem man im Kaffeesatz liest. Esoterik ist wie Religion das Gegenteil von Wissen – sie ist Behauptung, die nicht belegt werden muss, sondern nur von anderen bestätigt. Eine ganze Branche verdient Millionen damit, dass eine Person angeblich Übernatürliches erfindet und sei es noch so krude und fantastisch – eine große Gruppe von AbnehmerInnen gibt den Märchen eine Realität. Gleichzeitig bildet sich eine eingeweihte Elite, die eine normative Gegenrealität entwickelt. Letztlich kam genau so auch der Papst zu seiner Unfehlbarkeit oder wurde KatholikInnen die Kommunion als ein Akt von Kannibalismus schmackhaft gemacht: Nur unsere Oblate ist das Original!

Die Entwicklung einer modernen Esoterik

Dieses zeitgeistige Phänomen der Suche nach alternativen Glaubensoptionen ist nicht neu. In Phasen großer gesellschaftlicher Umwälzungen steigt die Sehnsucht nach dem Besonderssein, denn komplexe Veränderungen lösen Ängste, Ohnmachtsgefühle und Orientierungslosigkeit aus. Die Unsicherheit vor der Zukunft und die eigenen prekären Verhältnisse darin lassen sich mit Allmachtsfantasien zumindest beruhigen. Ganz besonders, wenn den Gläubigen eine unangreifbare Rolle zugemessen wird – auserwählte, höhere Wesen, hellsichtig, telepathisch, nicht menschlich, übergeschlechtlich oder eine sehr beliebte Variante: Hexen, die Alleskönnerinnen unter den Mythenwesen.

Das Angebot ist groß. Nicht zufällig entstand die moderne Esoterik im 19. Jahrhundert: Spiritismus und Séancen waren salonfähig, ein exotisierender Blick auf die religiösen Riten als „primitiv“ empfundener Völker versprach Abwechslung vom Christentum, Fabelwesen trieben ihr Unwesen in der Trivialliteratur, und gleichzeitig veränderte sich die Welt durch Kolonialismus, Industrialisierung und das Entstehen der ersten Frauenbewegung rasant. Ebenfalls entstanden krude Vorstellungen von unschuldigen Urzuständen der Menschheit. Die Fiktion der Hexe bot sich als maximale Projektionsfläche an. Immerhin entwickelten einige Betrachtungsweisen Empathie mit den durch das Christentum brutal ermordeten zirka 60.000 Frauen und Männern. Die Kirchen schämen sich für ihren Terror bis heute nicht.

Hexenverfolgung und Antisemitismus

Wenig Bewusstsein gibt es immer noch dafür, wie nah sich Hexenverfolgung und Antisemitismus in Europa bis heute sind. Grundlage für den Glauben an Hexen bildet die Annahme, dass es keinen Zufall gibt, meist in der Kombination mit Unwissen. Das geht so: Wenn eine Schafherde durch einen Blitzeinschlag auf der Weide getötet wird, so kann dies nicht einfach ein Unglück sein. Da Gott das aber bestimmt nicht wollte, wird der Teufel beziehungsweise eine unliebsame Person oder Gruppe verantwortlich gemacht. So wurden auch jüdische Menschen durch die Jahrhunderte des „Schadenszaubers“ bezichtigt und verfolgt. Heute finden sich die Parallelen vor allem in den gängigen Darstellungen folkloristischer Hexen. Beispielsweise geht der berühmte, schwarze Hexenhut aus dem spitzen Judenhut hervor, den zu tragen im Mittelalter jüdische Männer verpflichtet wurden. Auch die markante Hexennase und der angebliche Hang zum Kinderessen gehen auf antisemitische Stereotype zurück.

Eine andere ideologische Instrumentalisierung erfuhren die Hexen durch die Nationalsozialisten, die eine völkische Verschwörungstheorie kreierten, die dem feministischen Hexenbild der „weisen Frau“ schon näherkommt. Heinrich Himmler richtete 1935 eine groß angelegte Sonderkommission ein, die belegen sollte, dass die Hexenverfolgung eine jüdisch-katholische Verschwörung zur Vernichtung der „altgermanischen Kultur“ war. Diese zweifelhaften Forschungen sollten der Vernichtung jüdischer Menschen und des Katholizismus Argumente liefern. Im NS-Regime stand die Figur der Hexe, ausgestattet mit einem „alten Wissen“, das unterdrückt werden sollte, für einen heroisch-nordischen Gegenentwurf zum Christen- und Judentum und nicht für ein mystisches Wesen.


Die Hexe als Symbolfigur gegen das Patriarchat

Weniger als völkische Märtyrerin, sondern mehr als Rebellin und Hüterin eines heimlichen medizinischen Wissens und Symbolfigur gegen das Patriarchat schrieb sich ein Teil der zweiten Frauenbewegung in die Geschichte der Hexenverfolgung ein und versuchte, sich so als junge, soziale Bewegung eine Genealogie zu geben. Mit solider Geschichtswissenschaft hatte das wenig zu tun, noch viel weniger mit einem queeren Verständnis von Geschlecht. Eher mit dem berechtigten Wunsch, sichtbar zu werden in einer von Männern propagierten Welt, in der Frauen zwar jederzeit anwesend und wirkend sind, ihnen jedoch nie genügend Bedeutung zugemessen wird, um erwähnenswert zu sein. Viel geändert hat sich daran bis heute nicht. Die Erzählung vom „alternativen“ oder „alten“ Wissen drückt diese Forderung nach einem relevanten Platz in der Geschichte aus. Besonders die Geschichte der Unterdrückung der Hebammen, die in Konkurrenz zur Medizin aus männlicher Allmachtsperspektive standen und unbestreitbar heute noch als Berufsgruppe marginalisiert sind, beflügelte die Frauengesundheitsbewegung.

Darum, dass Kindergebären als alleinige Entscheidung bei den Frauen liegen soll, muss heute immer noch gekämpft werden. Auch das Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie ist angebracht. Dennoch haben Vorstellungen von „altem Wissen“ auch zu massenhaft verbreiteten dubiosen Rezepturen geführt, die im günstigsten Fall schlicht unwirksam sind und bei schweren Erkrankungen nicht alternativ zur modernen Medizin verwendet werden sollten. Jahrzehntelang lagen esoterisch veranlagte Feministinnen mit schweren Menstruationskrämpfen in abgedunkelten Räumen und wussten nicht, ob ihnen von „Evas Sünde“ oder dem „alten“ Kräutertee speiübel war. Das Herbeisehnen der Menopause, um eine „weise Alte“ zu werden, ist damit plausibel erklärt. Hexen hätten vermutlich zu Ibuprofen gegriffen.

Die eigenwillige Adaption der Hexenlegenden und Matriarchatsmythen hatte auch einen Vorteil: Eine Geschichte und ein utopischer Sehnsuchtsort wurden für Frauen vorstellbar und boten Möglichkeiten, sich als Teil eines Kontinuums zu verstehen. Das ist identitätsstiftend für diejenigen, die, nur auf sich selbst zurückgeworfen, sich selbst vielleicht noch zur eigenen Urgroßmutter zurückdenken konnten. Danach begann eine gähnende Leere abwesender Identifikationsfiguren.

Für deutsche, christliche Feministinnen galt zudem, dass mindestens eine Generation größter Wahrscheinlichkeit nach an einer Heldinnenerzählung nicht beteiligt werden konnte, da sie in Täterinnenschaften der NS-Diktatur verstrickt war. Vielleicht liegt auch hier ein Grund, warum die unterschiedlichen Generationen von FeministInnen sich nie wirklich kritisch mit dem Antisemitismus in ihrer Hexengefolgschaft auseinandergesetzt haben. Sie sehen sich lieber in einer jahrtausendealten Opfertradition eingebettet, in einem einfachen, universalen Weltbild, in dem Frauen eine friedvolle Naturmystik betrieben, die Männer mit Gewalt und Religion unterdrückt haben. Das ist sehr niedrigschwellig und umschifft jede kritische Auseinandersetzung mit Komplizinnenschaften in einem Patriarchat. Es muss gefragt werden, warum es keinen kollektiven Aufschrei gab, als Alice Schwarzer noch in den 1990ern versuchen konnte, die NS-Künstlerin Leni Riefenstahl zu rehabilitieren, und ob es einen Zusammenhang mit diesem Selbstverständnis als ewiges „Opfer der Männer“ gibt.

Hinwendung zur Esoterik in der queeren Szene

Wenn sich heute eine junge Generation von Queers und besonders Queers of Colour der Esoterik zuwendet, dann muss angesichts eines erstarkenden, rechten Christentums, eines rassistischen Alltags und einer binär durchgegenderten Normalität auch verstanden werden, dass viele zu dieser Mitte der Gesellschaft keinen Zugang haben oder diesen auch nicht wollen. Zudem haben Zwangsmissionierungen und Kolonialismus widersprechende Identitäten gewaltsam überschrieben. Und so sind diese Generationen eben auch auf der Suche nach Wurzeln wie einst ganze Teile der feministischen Lesben- und Frauenbewegung. Nur leider hat dies auch eine ehemals schlagkräftige Bewegung sediert. Endlos mit sich selbst und ständiger „Heilung“ beschäftigt wurde nicht bemerkt, dass dies auch nur eine fluffigere Variante von neoliberaler Selbstoptimierung ist: Befreiung fällt heute aus wegen Mikroaggressionenhagel aus dem All.

Es ist nichts Verwerfliches daran, die eigene Jahrestarotkarte zu kennen oder sich auf queeren Walpurgispartys über astrologische Konstellationen zu unterhalten. Die Lust am Übernatürlichen kann auch sehr verbinden. Es darf nur kein Dauer-Selfie werden. Man führt dann eben kein Gespräch darüber, wie man sich strategisch mit seiner Umwelt solidarisiert, um bestehendes Unrecht zu korrigieren. Potenzial verstreicht harmlos. Ob man nun Horoskope liest oder netflixt, bleibt sich in seiner Wirkung gleich. Macht bleibt ungleich verteilt. Eine einzelne Person oder eine in seeliger Regression isolierte Gruppe sind so relevant wie ein Globulus im Atlantik, denn an Zauberkräfte oder Schicksal zu glauben ändert das System nicht, sondern bestärkt es. Schade, wenn Atheismus nicht in Betracht gezogen wird, denn das war schon immer eine widerständige Option.

Stephanie Kuhnen

Veranstaltung zum Thema:
Ludwig l’Amour – Patsys Salon: Hexen, Monde, Feminismus – Emanzipation durch Esoterik?, 10.05., 20:00, Ludwig,
mit: Stephanie Kuhnen, Ilona Bubeck und Ansgar Martins

 



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