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Kommentar

Google-Campus in Kreuzberg: Kein Berlin-Valley!

Google möchte in Berlin-Kreuzberg seinen weltweit siebten Campus errichten. Dagegen regt sich Protest in der Nachbarschaft. Zu Recht, findet Anja Kümmel

Anja Kümmel © Louis Fernandez

11.07.18 – „Mach mal, Google“ ... als ich die Werbeplakate mit diesem Slogan zum ersten Mal in Kreuzberg hängen sah, dachte ich: Ah, ein ironischer Appell der Fuck-off-Google-Fraktion an all diejenigen BewohnerInnen von Kreuzberg, die vom geplanten „Google-Campus“, dem Zentrum des Internetriesen in ihrem Kiez, noch nichts mitbekommen haben. Doch weit gefehlt. Tatsächlich wirbt Google selbst mit diesen Plakaten für seinen neuen Sprachassistenten – ganz offensichtlich im festen Glauben, dass die meisten Menschen begeistert darüber sein werden, noch mehr eigene Denkleistung an intransparente Algorithmen abgeben zu können.

Vor rund zwei Jahren hat Google die Gegend rund um den Görlitzer Park als idealen Standort für seinen siebten Campus auserkoren – nach London, Madrid, Warschau, Seoul, São Paulo und Tel Aviv. Als Herzstück ist das ehemalige Umspannwerk in der Ohlauer Straße gedacht. Hier sollen aufstrebende IT-Talente versammelt, gefördert und bei Aussicht auf Erfolg von Google übernommen werden. Der Senat zeigte sich begeistert, schließlich beflügeln diese Pläne seine Vision von Berlin als „führender Start-up-Metropole Europas“.

Viele AnwohnerInnen sehen das allerdings anders. Im letzten Jahr gründeten sie verschiedene Nachbarschaftsinitiativen, um gegen die Eröffnung des Campus zu protestieren. Nicht nur werden Vornutzer aus dem Gebäude vertrieben (wie es z. B. schon in der „Factory“ am Görlitzer Park geschah), der Campus und die Ansiedelung weiterer Start-ups rundherum werden den gesamten Kiez und die angrenzenden Bezirke radikal verändern.

Anstatt Tausende neuer Arbeitsplätze zu schaffen, wie es sich der Senat erhofft, ziehen große IT-Unternehmen erfahrungsgemäß viele (US-amerikanische) „Tech Bros“ an, die für eine Weile das „authentische Flair“ Kreuzbergs genießen und dann wieder verschwinden. Für ImmobilienspekulantInnen und InvestorInnen ist dies ein gefundenes Fressen. Denn die Mieten steigen, und zugleich entstehen neue, auf ein kaufkräftiges Publikum zugeschnittene Dienstleistungen, die das lokale Kleingewerbe verdrängen.

Welche Auswirkungen die Ansiedlung von Tech-Giganten auf die Stadtentwicklung hat, lässt sich etwa in San Francisco beobachten: Dort sind durch die massive Mietsteigerung vor allem afroamerikanische und lateinamerikanische Bevölkerungsteile sowie LGBTI von Vertreibung und Obdachlosigkeit betroffen.

„Ab nach Adlershof mit dem Campus!“ fordern nun einige Berliner AktivistInnen. Allerdings verlagert sich damit nur das Problem. Denn Google ist generell nicht das integre und menschenfreundliche Unternehmen, als das es sich mit seinen Slogans „Don’t be evil“ und „Do the right thing“ gerne ausgibt – sondern ein milliardenschwerer Konzern, für den Profitinteressen über allem stehen.

Zentraler Bestandteil seiner Imagepflege ist die Betonung seiner „Diversity“ und LGBTI-Freundlichkeit. Erst neulich, bei der Karrieremesse „Sticks & Stones“ für LGBTI, die am 2. Juni im SchwuZ stattfand, präsentierte sich Google neben einigen anderen Konzernen und Organisationen mit einem eigenen Stand und warb für sich selbst als queer-freundlicher Arbeitgeber. Dass (Tech-)Firmen gezielt Queers anwerben, um nach außen hin ein positives Bild zu vermitteln, hat man zum Beispiel im Fall von Cambridge Analytica gesehen.

Eine Strategie, die auch Google perfekt beherrscht: 2012 startete das Unternehmen seine „Legalize Love“-Kampagne, die darauf abzielen sollte, „Homophobie weltweit abzuschaffen“ – ein Anliegen, das bei Queers und allen, die sich als „liberal“ und „progressiv“ verstehen, auf breite Zustimmung stieß. Einen unguten Beigeschmack bekommen solche Vorstöße allerdings, wenn ein Privatunternehmen sich anmaßt, auf eine Staatsregierung Druck auszuüben, wie Google es etwa im Fall von Singapur versuchte. Mit guten Absichten demokratische Prinzipien aushebeln? Nun ja – wer täglich die Daten von 3,5 Billionen gestellten Suchanfragen speichert und analysiert und mit der NSA und dem US-Militär kooperiert, kann sich ein wenig Selbstüberschätzung wahrscheinlich leisten.

Zumal Googles Mutterkonzern Alphabet Inc. auch in fast allen anderen High-Tech-Forschungsgebieten die Nase vorn hat: im Bereich Stadtplanung (Sidewalk Labs), künstliche Intelligenz (DeepMind), selbst fahrende Autos (Waymo), Transhumanismus (Calico), Smart Homes (Nest) etc. Man muss keine Verschwörungstheoretikerin sein, um hier ein gewisses Bestreben auszumachen, sich frühzeitig in allen Bereichen des menschlichen Lebens die (technologische) Vormachtstellung zu sichern. Einen Teil seines aus 111 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz generierten Gewinns steckt Google wiederum in die Imagepflege und in soziale Vorzeigeprojekte. Oder in die Amtsantrittsfeier von Donald Trump. Denn auch wenn Google gerne bei seinen queeren und linksliberalen NutzerInnen mit Anti-Trump-Statements punktet, verscherzen will man es sich mit den aktuellen MachthaberInnen natürlich trotzdem nicht.

Noch haben wir die Wahl: Google „machen“ lassen – oder uns gegen Überwachungskapitalismus und die Verwandlung der Stadt in „Berlin Valley“ stellen.

Anja Kümmel

Initiativen gegen den Google-Campus:
google-ist-kein-guter-nachbar.de
fuckoffgoogle.de


Nächste Termine:
Vortrag und Diskussion mit dem counter campus von TOP B3rlin und Google Campus Verhindern, Broschürenrelease „Do the Right Thing", 12.07., 20:00, Laidak

Vortrag und Diskussion mit dem counter campus von TOP B3rlin, NoGoogle und Google Campus Verhindern, Broschürenrelease „Do the Right Thing", 17.07., 19:30, Regenbogenfabrik



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