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Reportage

Zwischen Stigma und Empowerment: Sexarbeit in Berlin

Sexarbeit ist divers und lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Eins steht jedoch fest: es ist kein Job wie jeder andere. Jeff Mannes sprach mit Sexarbeitenden aus Berlin über ihre Situation

Kristina Marlen ist Sexwork-Aktivistin und arbeitet im Bereich BDSM und Tantra © Ivo Hosté ivooo.nl

07.11.18 – „Vor zehn Jahren habe ich als Camgirl angefangen”, berichtet Finn. „Heute arbeite ich u. a. als Escort und Performer und gebe Workshops zu BDSM, erotischen Tänzen, Körper- und Sexpositivität.” Finn identifiziert sich als queerer und transgender Sexarbeiter. „Als Escort zu arbeiten war immer ein feuchter Traum von mir”, lacht er. „Ich liebe es, anderen Menschen Lust und Freude zu geben.“

Zwei Seiten einer Medaille

Ähnlich sieht das auch Jorge: „Menschen dabei zu helfen, ihre Sexualität zu ergründen und ihre Fantasien zu erfüllen, ist einfach toll.” Neben dem Escorting betreibt Jorge, der sich als schwuler cis Mann definiert, auch therapeutische und künstlerische Arbeit im Bereich Sexualität.

Wenn sie an Sexarbeit und Prostitution denken, fallen den meisten Menschen in Berlin wohl ganz andere Lebenssituationen ein als die von Finn und Jorge. Hier ist vor allem der Kiez rund um die Kurfürstenstraße bekannt, wo insbesondere stark marginalisierte Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten. In der angrenzenden Frobenstraße wurden vermehrt trans* Sexarbeitende angegriffen, teils mit Flaschen und Messern. „Hier arbeiten vor allem PoCs und trans Frauen oder trans*feminine Menschen nachts auf der Straße, deren Aufenthaltsrechte auch manchmal nicht geklärt sind”, berichtet Finn. „Das sind einige der angreifbarsten und am wenigsten privilegierten Gruppen innerhalb der Sexarbeitenden.”

Berlin als „Bordell Europas“?

Seit Jahrzehnten hat Deutschland und insbesondere Berlin den Ruf als „Bordell Europas“. Schon in den 1920er-Jahren gingen hier Tausende Menschen – Schätzungen reichen bis zu 150.000 – der Sexarbeit nach. Von den „Münzis“ (Kinder erwartende Frauen in der Münzstraße, die sich von Männern, die den Fetisch hatten, mit einer Schwangeren Sex zu haben, teuer bezahlen ließen) bis zu den „Rennpferden“ (masochistische Sexarbeiterinnen, die in sogenannten Fremdsprachinstituten arbeiteten, deren „Klassenzimmer” mit BDSM-Instrumenten ausgestattet waren) – in Berlin fand man schon damals eine florierende Sex(arbeits)szene vor.

Einigen wenigen Tausend Sexarbeitenden wurden Kontrollkarten ausgestellt, die ihnen die Sexarbeit gestatteten, sie aber gleichzeitig zu monatlichen ärztlichen Untersuchungen zwangen. Alle anderen bewegten sich in der Illegalität. Da sie jedoch nur verhaftet werden konnten, wenn sie auf offener Straße jemanden verbal zu Sex aufforderten, entwickelten sie einen unverkennbaren Code aus Gesten und Kleidern, um auf sich aufmerksam zu machen. Und setzten damit oft unfreiwillig Modetrends für Frauen aus der Bourgeoisie.

„Mit unseren Körpern das tun, was wir für richtig halten”

Seitdem hat sich viel getan, auch juristisch. Im Vergleich zum europäischen Ausland befindet sich Deutschland heute im oberen Mittelfeld, was die Legalisierung anbelangt. Sexarbeit ist unter bestimmten Umständen legal, aber zunehmend verstärkter und teils problematischer Regulierung ausgesetzt. Doch auch positive Entwicklungen gab es: In Berlin kam es zuletzt – zumindest in bestimmten queerfeministischen Kreisen – zu einer starken Aufwertung der Sexarbeit.

„Es geht darum, dass wir mit unseren Körpern das tun und lassen können, was wir für richtig halten”, meint Josefa vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. „Trotzdem würde ich nicht sagen, dass dadurch der Beruf attraktiver wird. Denn interessanterweise wollen weniger Menschen in die Sexarbeit, je besser sie darüber aufgeklärt sind.” Vermutungen wie z. B., dass man mit wenig Arbeit und ein wenig „Beine breit machen“ schnell reich werden könne, seien falsch. „Es gibt auch Nervtötendes wie Buchhaltung, Marketing und Steuerzahlungen.”

Scham und Stigmatisierung

Trotzdem ist es bemerkenswert, wie viele Menschen in Berlin der Sexarbeit nachgehen. Hier sei das Klima dafür relativ offen, glaubt Candy, die sich als genderqueer identifiziert und als Escort zu Hause oder in Hotels sowie in einem Dominastudio als Sub arbeitet: „In meinen queerfeministischen Kreisen treffe ich eher auf Leute, die das als Empowerment sehen und nicht zwangsläufig als Unterdrückung.” Dennoch sei Deutschlands Ruf als „Bordell Europas“ falsch und die angeblich tiefgehende Legalisierung ein Mythos, kritisiert dazu der schwule Escort Jorge. Hinzu kommt das neue Prostituiertenschutzgesetz, das mit der Stigmatisierung von Sexarbeit viele in den Untergrund und in eine gefährdende Illegalisierung drängt.

Die Stigmatisierung von Sexarbeitenden ist nach wie vor hoch. Einerseits betonen viele, dass es eine bezahlte Arbeit sei wie viele andere auch. „Aber von gesellschaftlicher Seite her sind Sexarbeitende immer noch stark stigmatisiert und in dieser Hinsicht ist Sexarbeit eben kein Beruf wie jeder andere auch”, betont Candy. Ähnlich sieht das der queere transgender Sexarbeiter Finn: „Es ist nicht so, als könnte man den Leuten sagen: ,Hey, ich habe gerade eine Bäckerei aufgemacht, kommt doch und feiert mit mir.’ Das funktioniert bei Sexarbeit nicht so.” Die Angst vor der Reaktion der Leute begleite einen ständig. „Dein ganzes Leben lang wirst du beschämt”, fährt Finn fort. „Das hat bereits angefangen, als ich mich noch als Frau identifizierte. Und als trans* Person gibt es auch so viel Scham über deinen Körper und deine Sexualität. Als Sexarbeitender hole ich mir zwar wieder die Kontrolle über meinen Körper und meine Sexualität zurück, aber das wird dann wiederum gegen mich verwendet.”

Prostituiertenschutzgesetz – Schutz für wen?

Hier setzt auch die harsche Kritik am neuen „Prostituiertenschutzgesetz“ (ProstSchG) an, das u. a. eine Zwangsregistrierung von Sexarbeitenden und das Mitführen eines Prostituiertenausweises vorsieht. Es scheint deshalb irreführend, es „Prostituiertenschutzgesetz“ zu nennen, denn auf viele macht es eher den Eindruck, als solle die Gesellschaft vor den Sexarbeitenden geschützt werden. Schließlich werden nur die kontrolliert und registriert. „Die Registrierung ist auch wegen der hohen Stigmatisierung weder sinnvoll noch zielführend”, kritisiert Josefa vom Berufsverband. „Der Großteil der ungeouteten Sexarbeitenden verliert seinen regulären Job, wenn das rauskommt. Im Privatleben werden wir mit dieser Information nicht behandelt wie andere Menschen. Das neue Gesetz schadet uns also eher.”

Von vielen wird das neue Gesetz deswegen auch als gefährlicher Rückschritt betrachtet, denn: je kriminalisierter Sexarbeit ist, desto höher sind die Infektionsraten von STIs, und desto mehr Gewalterfahrungen mit Kunden gibt es, da Sexarbeitende in die Illegalität gedrängt keinen Zugang zu Hilfe und Unterstützung mehr haben. Auch darf die Polizei nun zu jeder Zeit selbst ohne Verdacht in die Privatwohnungen von Sexarbeitenden. „Die Unverletzbarkeit des eigenen Zuhauses wurde mit dem ProstSchG ausgehebelt”, erklärt Josefa. „Man stelle sich mal vor, man sitzt beim Abendessen mit Befreundeten und plötzlich steht die Polizei vor der Tür und will die Wohnung durchsuchen!”

Im eigenen Schlafzimmer kontrolliert

Ein weiterer Punkt des neuen Gesetzes ist die Vorgabe, dass nun bei jedem bezahlten Vaginal-, Anal- und Oralsex Kondome benutzt werden müssen. „Eigentlich ,stört’ mich dieser Punkt am Gesetz bisher am wenigsten, Sexarbeitende praktizieren meist ohnehin Safer Sex”, meint Sexwork-Aktivistin Kristina Marlen, die im hochklassigen BDSM sowie mit tantrischen Berührungsritualen arbeitet. Zur Kundschaft der Femme gehören verschiedene Geschlechter. „Es ist mir aber ein Rätsel, wie sie das Kondomgebot kontrollieren wollen”, meint sie. Josefa sieht diesen Punkt des Gesetzes als Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung: „Es ist grenzwertig, wenn der Gesetzgeber jemandem vorschreibt, wie der- oder diejenige Sex zu haben hat.” Ihrer Meinung nach wäre es besser, mehr Beratungsstellen aufzubauen und Leute loszuschicken, die vor allem in den prekären Bereichen Beratung anbieten und Kondome verteilen.

Interessant ist, dass die Kondompflicht schon seit Jahren in Bayern existiert. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Sex ohne Kondom ausgehend von der Kundschaft nirgendwo so hoch wie dort. Es scheint, dass die Tabuisierung von Sex ohne Kondom einen unerwünschten Nebeneffekt hat. Nämlich den, dass es ihn durch die Verführung des Verbotenen zusätzlich erotisiert oder fetischisiert. Nicht unerwähnt bleiben soll bei der Kondomfrage außerdem der Phallogozentrismus, denn was macht man, wenn beim gekauften Sex überhaupt kein Penis vorkommt oder wenn zum Beispiel Oralsex an einer cis Frau ausgeführt wird? Eine Pflicht zum Lecktuch gibt es nicht. „Die Leute, die die Gesetze machen, haben halt ein ganz bestimmtes Bild von Sexarbeit”, meint die genderqueere Sub Candy. „Nämlich die Hure, die mehr oder weniger passiv zur Verfügung steht.” In Wirklichkeit sei Sexarbeit aber unglaublich vielfältig. Die Safer-Sex-Regulierungen berücksichtigen dies aber nicht.

„Sexarbeit ist politisch“

So privat Sexualität sein kann, so politisch sehen viele Sexarbeitende ihr Metier. „Sexarbeit verändert die Fundamente dessen, was in der Mehrheitsgesellschaft als normal betrachtet wird”, betont Finn. „Intimität ist bei uns nicht etwas, das sich auf ein Ehepaar oder auf Befreundete beschränkt, sondern etwas, das gegen Geld getauscht werden kann. Vor allem, wenn es jemandem Freude bereitet, Intimität zu geben, warum sollte diese Person dann nicht Geld damit verdienen können, solange es bei allen Beteiligten im Konsens bleibt? Und diese Sichtweise ist hochpolitisch.” Candy fügt hinzu: „Für mich ist Sexarbeit auch deswegen schon politisch, weil sie mir erlaubt in relativ kurzer Zeit relativ gutes Geld zu verdienen, auch wenn es jetzt nicht die Mengen sind, die viele glauben. Dadurch muss ich mich nicht so sehr dieser Leistungsmaschinerie aussetzen und fünfmal die Woche acht Stunden am Tag arbeiten. Ich habe mehr Zeit für meine eigenen Projekte.”

Sexarbeitende als „neue LGBTIQ” ?

Darüber hinaus hänge Sexarbeit natürlich auch mit Sexualität und dadurch mit Geschlecht und Geschlechtsidentität zusammen. Und das sei an sich ja schon sehr politisch. „Wie die Gesellschaft mit uns umgeht, ist ein Spiegel dessen, wie ihre sexuelle Kultur aussieht”, betont Kristina Marlen. „Welche Sexualitäten als legitim erachtet und welche kontrolliert, reglementiert und ausgegrenzt werden. Ich hatte manchmal schon das Gefühl, dass Sexarbeitende die neuen LGBTIQ sind. Weil es um die Frage geht: Was duldet diese Gesellschaft jenseits der heterosexuellen, monogamen Kleinfamilie?”

Auffallend ist dabei auch der Umstand, dass es relativ wenige Angebote für Frauen* gibt. Den Grund dafür sieht Kristina Marlen im patriarchalen Erbe. Es habe schon immer Menschen gegeben, die viel Sex haben durften und auch über Ressourcen verfügten ihn zu bekommen. Diese Menschen wären meist männlich gewesen. Zwar findet Kristina Marlen die Unterteilung von Menschen in zwei Geschlechter problematisch, doch „historisch, sozial und politisch haben wir es mit diesen Kategorien zu tun und hier herrscht ein Machtgefälle“. Das spiegele sich auch im sexuellen Selbstverständnis wieder. „Im Bürgerlichen Gesetzbuch war festgesetzt, dass der Mann in der Ehe ein Recht auf den Beischlaf hat. Und diese Mentalität findet sich auch im Kommerziellen wieder.” Für Frauen* gibt es überhaupt keine Kultur, die ihnen erlaubt ihre Sexualität zu verfolgen. Das gibt es im Denken von Frauen* nicht, das ist gesellschaftlich nicht vorgesehen und ist selbst in die Körper und das Begehren eingeschrieben.

Trotz der unterschiedlichen Sozialisierung, die männliche Sexualität befördere und selbstbestimmte weibliche Sexualität unterdrücke, reagierten Frauen* dennoch sehr stark auf Kristina Marlens Angebot. „Wenn Sexarbeit geschlechtergerecht ist, fördert sie deswegen auch überhaupt nicht das Patriarchat. Eher das Gegenteil ist der Fall.“

Trotz aller Probleme kann man dennoch bei vielen eine unglaubliche Lust und Freude an der Sexarbeit erkennen. „Sexarbeit ist ein sehr positiver Bereich meines Lebens”, bestätigt Finn. „Es ist ganz anders als alle Vorurteile, die selbst ich noch vor einigen Jahren hatte. Ich kann mit so vielen interessanten Menschen zusammenarbeiten. Und Sexarbeit gibt mir die Möglichkeit, Menschen aufzuklären, zum Beispiel über trans* Körper oder sexuellen Konsens. Sie ist Aktivismus gepaart mit Arbeit.” Candy betont: „Mir wäre die Einordnung von Sexarbeit als Care-Arbeit wichtig. Unser kapitalistisches System ist darauf ausgerichtet, dass Familienstrukturen immer mehr aufgelöst werden. Sexarbeit kann eine zwischenmenschliche Dienstleistung sein, in der Emotionen verarbeitet werden.“ Das könne innerhalb der Familie aus Liebe stattfinden, müsse es aber eben nicht.

„Wenn sie nicht stigmatisiert wird, ist Sexarbeit ein Ort sexuellen Lernens, sexueller Entfaltung und sexueller Kultur”, fügt Kristina Marlen hinzu, „solange es selbstbestimmte und inspirierte Sexarbeitende sowie respektvolle und neugierige Kundschaft gibt.” Der schwule Sexarbeiter Jorge sieht Tabus – und damit auch die Tabuisierung von Sexarbeit – als „gesellschaftliche Krankheit”: „Manche meiner schönsten Erfahrungen hatte ich mit älteren Männern oder Menschen mit Behinderung, die geweint haben, nachdem ich sie geküsst habe, nachdem ich ihnen ein Gefühl von Schönheit und Liebe gegeben habe.” Wir hätten Ärzt*innen, die sich um unsere Körper kümmern, Psychiater*innen und Psycholog*innen, die uns mit unserer Psyche helfen, Therapeut*innen, die unsere Emotionen ergründen, spirituelle Lehrende, die unsere Seelen leiten. Doch was sei mit unserer Sexualität?

„Wir sollten unsere Tabus akzeptieren und ,normalisieren’. Nur wenn wir über sie reden, können wir Wege der Heilung finden. Der Sexarbeit sollte mit mehr als nur Akzeptanz begegnet werden. Sexarbeit verdient Respekt. Denn sie ist notwendig.”

Jeff Mannes

 

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