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Rassismus im Schwulen Museum? Infowand sorgt für Kritik

Der Verein GLADT e.V. wirft dem Schwulen Museum vor, sich mit einer Infowand „im Fahrwasser rassistischer Diskurse“ zu bewegen. Gegenüber SIEGESSÄULE zeigt das Museum für die Kritik Verständnis

© Schwules Museum, CC BY-SA 4.0

25.02.19 – „Pakistan: Lebenslänglich, nur Männer“, „Nigeria: 14 Jahre Haft, nur Männer oder Steinigung“, „Malawi: 14 Jahre Haft für Männer, 5 Jahre Haft für Frauen“: Wer aktuell das Schwule Museum (SMU) besucht, stößt gleich im ersten Raum auf eine Wand, auf der sämtliche Staaten abgedruckt sind, in denen Homosexualität gesetzlich verboten ist. Sie macht deutlich, dass die Strafen für queere Liebe bis heute noch drastisch sind – sie variieren von Bußgeld über Gefängnis bis zur Todesstrafe.

Eindrücklich und vor allem schnell bietet das Schwule Museum mit dieser Infowand einen länderspezifischen Überblick. Doch genau daran stört sich der Berliner Verein GLADT, der sich seit 20 Jahren für migrantische LSBTI einsetzt.

Kritik an kolonialem Blick


In einer SIEGESSÄULE vorliegenden Erklärung beklagt GLADT, dass die Strafrechtswand „koloniale Wahrnehmungsmuster“ reproduziere und die Betroffenen in den jeweiligen Ländern nicht zu Wort kommen lasse. Auch bezeichnet GLADT das mangelnde Interesse an einer Differenzierung zwischen der offiziellen Gesetzgebung und der tatsächlichen Durchsetzung des Rechts in den jeweiligen Ländern als „blinden Fleck“.

Laut Erklärung würden „Gesellschaften stigmatisiert, ohne danach zu fragen, wie Schwule und Lesben in diesen Staaten tatsächlich leben“. Betroffene kämen „weder mit ihren Erfahrungen und Perspektiven vor, noch werden sie als Besucher*innen des Museums angesprochen“. „Im Iran beispielsweise gibt es große, aktive queere Communities. Nur zu sagen, dass Homosexualität im Iran illegal ist, greift daher viel zu kurz“, erklärt auch Rafia Shahnaz Harzer von GLADT im Gespräch mit SIEGESSÄULE.

Voneinander lernen statt sich anzufeinden

GLADT folgert in der Erklärung, dass das Schwule Museum sich damit „im Fahrwasser rassistischer Diskurse“ bewege und „Vorurteile und Stereotype“ reproduziere. Eine Kritik, die GLADT allerdings nicht als „Bashing“ verstanden wissen möchte. Vielmehr gehe es darum, Alternativen aufzuzeigen, wie etwa die Perspektiven einzelner Menschen und Communities besser abgebildet werden können. Letztlich sei dies auch der Weg, wie das Schwule Museum seinem „eigenen Anspruch für eine kritische, emanzipatorische Museumspraxis“ gerecht werden könne.

SMU zeigt Verständnis für die Kritik


Auf Nachfrage von SIEGESSÄULE äußerten sich Birgit Bosold Vorstandsmitglied des Museums und Archiv- und Sammlungsleiter Peter Rehberg mit großem Verständnis auf die Kritik. So sei die simple Intention der Infowand zu zeigen, dass „weltweit immer noch strafrechtliche Verfolgung von queeren Menschen existiert“. Dennoch sei es durchaus legitim zu fragen, „ob der Rechtsgeschichte das Monopol über die Darstellung eines Landes oder einer Region auf einer globalen LGBTQI-Karte zugesprochen werden sollte.“ Eine Form der Darstellung, die zusätzlich dazu beitrage, „die westliche Lage im Kontrast zum ,zurückgebliebenen' globalen Süden triumphierend in Szene zu setzen“ und Europa als „glücklichen Endpunkt einer LGBTQI-Befreiungsgeschichte zu inszenieren.“

Ein Ende ohne Schrecken

Angesichts der Debatte um die LSBTI-Wand beteuern Bosold und Rehberg, als Museum – gerade auch beim Thema (Anti-)Rassismus – „weiterhin lernen“ zu wollen: „Wir müssen uns einer kritischen Selbstreflexion unterziehen und unsere Strukturen so verändern, dass PoC-Menschen Lust haben, mit uns zu arbeiten und Teil unseres Teams zu werden“. Man sei deshalb auf die Zusammenarbeit mit Gruppen wie GLADT angewiesen.

Der Konflikt zwischen Schwulem Museum und GLADT könnte sich jedenfalls bald entspannen. Denn in seiner Erklärung betont der Verein „selbstverständlich als Kooperationspartner“ zur Verfügung zu stehen.

Daniel Segal



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