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Diskussion um Archivbestände des Schwulen Museums

Peter Rehberg: „Schwule glauben, sich verteidigen zu müssen, sobald es um Pädosexualität geht“

Das Schwule Museum hat Archivbestände mit pädosexuellem Material an die Polizei übergeben. Wir sprachen mit Peter Rehberg über Pädosexualität im Kontext schwuler Geschichte

Schwules Museum © Kim Schneider, CC BY-SA 4.0

15.04.19 – Ende März übergab das Schwule Museum einige bisher unerschlossene Teile seines Archivs an die Polizei. Grund: Wissenschaftler fanden darin Bildmaterial, auf dem Darstellungen von sexuellem Missbrauch an Kindern zu sehen sind. Die insgesamt über 30 Kisten mit mutmaßlich strafrechtlich relevantem Material werden momentan von der Polizei ausgewertet.

SIEGESSÄULE nahm dies zum Anlass, um sich mit Peter Rehberg, dem Archiv- und Sammlungsleiter des Museums, über die Frage zu unterhalten, wie wir mit Pädosexualität im Kontext der Dokumentation schwuler (Kultur-)Geschichte umgehen.

Peter, ihr habt Archivmaterial an die Polizei übergeben. Kannst du uns noch einmal erklären, wie es dazu kam? Seit Herbst 2018 arbeiten wir mit zwei Wissenschaftler*innen einer Aufklärungskommission der Bundesregierung über Pädosexualität zusammen, die Zugang zu unserem Archiv erbeten haben. Diese haben dann das Bildmaterial, auf dem Darstellungen von sexuellem Missbrauch an Kindern zu sehen sind, gefunden. Es stammt aus einer Zeit, als die meisten Mitarbeitenden, die jetzt am Museum sind, noch gar nicht da waren. Die aktuelle Praxis mit Schenkungen sieht so aus, dass wir natürlich selbst immer jede Kiste sichten, die bei uns abgegeben wird. Realistischerweise muss man aber auch sagen: Es ist nicht immer möglich, jedes einzelne Dokument zu begutachten. Der Kontext einer Schenkung macht zwar in der Regel klar, womit man es zu tun hat. In diesem Fall waren Teile des Materials allerdings besonders geschützt, will heißen: Die Bilder waren extra noch einmal in Plastiktüten verpackt und ganz unten in den Kisten versteckt. Der Besitz solchen Materials ist strafbar. Als wir von seiner Existenz erfahren haben, haben wir uns dazu entschlossen, das Material der Polizei zu übergeben.

Die Diskussion um Pädosexualität begleitet die schwule Bewegung ja schon lange. In den 70ern und 80ern wollte die damalige „Pädosexuellenbewegung“ – im Unterschied zu den Bestrebungen heute, die darauf abzielen, Pädosexuellen zu helfen, nicht übergriffig zu werden – tatsächlich auch Sex mit Kindern legalisieren. Diese Bewegung pflegte auch Kontakte zur schwulen Bewegung. Wie ist dies geschichtlich einzuordnen? Meiner Einschätzung nach gab es im Zuge der Liberalisierung der Sexualität in den 60ern und 70ern, als Gegenbewegung zur Sexualmoral nicht nur Nazideutschlands, sondern auch des westdeutschen Nachkriegsdeutschlands, eine Anerkennung der „Pädophilen-Bewegung“ innerhalb der Schwulenbewegung. Das hat sehr vielschichtige Gründe. Unter anderem ging es um die damalige Schutzalter-Debatte und die Kriminalisierung der männlichen Homosexualität. Zwar gab es ab 1969 eine Legalisierung von männlich-gleichgeschlechtlichem Sex und 1973 noch einmal eine weitere Liberalisierung. Das Schutzalter für homosexuellen Sex unterschied sich aber immer noch von dem für heterosexuellen Sex.

Also hatte das auch mit dem Kampf gegen den §175 zu tun? Ja, ich denke schon. Und hier gab es dann eine paradoxe Situation: Einerseits wurden Schwule in einer homophoben, pathologisierenden und kriminalisierenden Geste immer mit Pädosexuellen gleichgesetzt. Ein Vorwurf, der zumindest unbewusst bis heute immer noch manchmal mitschwingt. Dagegen gibt es zu Recht Widerstand. Gleichzeitig haben sich Schwule selbst in einer gewissen Befreiungseuphorie mit den Pädosexuellen solidarisiert. Man muss an dieser Stelle aber auch unterscheiden zwischen Pädosexualität als Begehrensposition und Pädosexualität als Handlung, also als Sex mit unter 14-Jährigen – denn um den letzteren geht es ja in der Kritik. Hier ist die Frage: warum hat es die Schwulenbewegung versäumt, sich dagegen abzugrenzen? Wie konnte es sein, dass Teile der Schwulenbewegung bereit waren, über Sex mit Kindern hinwegzusehen – der entsprechend dem Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern als Gewalt einzustufen ist? Ich glaube, dass der Befreiungsdiskurs solch eine Macht hatte und zu einer Entdifferenzierung führte, so dass das Thema sexualisierter Gewalt gegen Kinder unter den Teppich gekehrt wurde.

Macht der Befreiungsdiskurs also blind für sexualisierte Gewalt? Natürlich nicht in jedem Fall! Aber historisch hat er diesen Nebeneffekt gehabt, was sich ja auch an einigen sexualtheoretischen Schriften der 1970er ablesen lässt. Interessanterweise fällt es uns Schwulen allgemein schwer, glaube ich, über Sex und Gewalt zu sprechen. Nicht nur im Fall von Pädosexualität. Wir sehen Sexualität lieber als Selbstverwirklichung, als politischen Befreiungsakt, was sie ja auch wirklich sein kann. Aber über die Schattenseiten der Sexualität sprechen wir nicht gerne.

Wie können wir denn besser mit dem Thema Pädosexualität umgehen? Das Problem ist so politisiert, dass Schwule sich, bewusst oder unbewusst, oft angesprochen fühlen – und glauben, sich verteidigen zu müssen, sobald es um Pädosexualität geht. Es ist auch wichtig, klarzustellen: Pädosexuelle Handlungen sind kein spezifisch schwules, aber eben auch ein schwules Thema. Historisch befinden wir uns in einer Position, in der es uns schwer fällt, distanziert darüber zu sprechen. Diese Nähe macht es sowohl wichtig, als auch sehr schwierig, hier weiterzukommen. Auch im Schwulen Museum taucht oft die Frage auf: Machen wir es zu einem wissenschaftlichen, oder zu einem öffentlich-politischen Thema? Wenn man damit in die Öffentlichkeit geht, besteht ja nicht zuletzt die Gefahr, dass es zum Beispiel von Rechtspopulist*innen gegen uns instrumentalisiert wird. Mein Plädoyer wäre, behutsamer aufzutreten und zu erkennen, dass wir noch nicht so weit sind, die Verstrickungen zwischen schwuler und pädosexueller Szene zu verstehen. Die Forschung dazu findet ja jetzt gerade erst statt. Das Schwule Museum sehen wir als Forum für Expert*innen, um sich hier mit diesem Thema zu beschäftigen. Diesen geben wir gerne eine Bühne, damit sie ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit vortragen können. Einige Schwule fühlen sich durch das Thema aber auch bedrängt und reagieren impulsiv. Diese Ambivalenz und dieses Risiko müssen wir aushalten können.

Interview: Jeff Mannes



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