Bewegungsmelder

Queert euch endlich!

28. Dez. 2018
Dirk Ludigs © Tanja Schnitzler

Die Konflikte der LGBTI-Welt von 2018 haben gezeigt: Die Zeit der rein schwulen oder lesbischen Institutionen muss zu Ende gehen, findet SIEGESSÄULE-Kolumnist Dirk Ludigs

- Vor ein paar Wochen traf ich meinen alten Freund, den queeren Fotografen Greg Day, in seiner Wahlheimat Palm Springs in Kalifornien. Von Greg zu sagen, er habe viel erlebt, ist eine tüchtige Untertreibung. Er hat fast alle überlebt. Greg war in den Siebzigerjahren im genderqueeren New York mit Künstler*innen wie Robert Mapplethorpe, Peter Hujar oder Stephen Varble unterwegs, die allesamt an Aids verstorben sind, in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Höhepunkt der Aidskrise lebte und arbeitete er in San Francisco, unter anderem mit Rosa von Praunheim, was seine Liebe zu Berlin begründete. Greg ist ein Schatz der Erfahrung aus 50 Jahren queerer Geschichte. In New Yorks Leslie-Lohman-Museum für lesbische und schwule Kunst sind noch bis Ende Januar Dutzende von Stephen Varbles Arbeiten aus seinem Besitz zu sehen.

Weder sein Alter, noch die Berge an Erinnerung haben Gregs Appetit auf Neues je einen Abbruch getan. Und so musste ich ihm bei Muffins und Kaffee in der nachmittäglichen Dezembersonne unter anderem die aktuellen Berliner Debatten rund ums Schwule Museum erklären. Seine stahlblauen Augen blitzten, während er sich interessiert die Konflikte von der anderen Seite des Ozeans erläutern ließ. Irgendwann unterbrach er mich!

„Das klingt alles verdammt nach unseren Debatten aus den Achtzigern und Neunzigern!“ rief er, „nimm zum Beispiel das Leslie-Lohman!“ 1969 gründeten Charles Leslie und Fritz Lohman ihr kleines New Yorker Kunstmuseum als rein schwules Projekt, heute stehen ganz selbstverständlich zwei Frauen an der Spitze und das Haus arbeitet seit vielen Jahren konsequent aus einer und für eine queere Perspektive. „Ganz ehrlich“, sagt Greg nach einem großen Bissen aus seinem Blueberry Muffin, „wenn es immer noch nur diese Sammlung schwuler Erotica wäre, mit denen sie mal angefangen haben, ich hätte ihnen meine Varble-Fotografien nicht überlassen.“

Zurück in die Nischen-Identität?

In Berlin laufen die Diskussionen 30 Jahre später in die entgegengesetzte Richtung. Schwule Künstler drohen, ihre Werke aus einem Schwulen Museum zurückzuziehen, das den zugegebenermaßen schwierigen und konfliktträchtigen Prozess geht, sich neuen, queeren Perspektiven zu öffnen. „Sag denen um Himmels willen, dass sie das nicht tun sollen, das ist der falsche Weg!“, sagt Greg, was hiermit geschehen ist.

Zugegeben, das Queeren der Institutionen ist in den USA über einen längeren Zeitraum und organischer vonstatten gegangen, als hier in Deutschland. Die mit maximaler Wucht und unter skandalösem staatlichen Nichtstun hereinbrechende Aids-Katastrophe hatte schon in den Achtzigern in den USA dazu geführt, dass Schwule und Lesben zusammenrückten. Zudem sind Amerikaner, zumindest an den Küsten, lange daran gewöhnt, in einer kunterbunten Gesellschaft voller Unterschiede pragmatisch miteinander umzugehen. Das half auch beim anschließenden Weiterqueeren der Institutionen, der Akzeptanz von trans* Personen, non-Binaries oder queeren People of Color in einer bis dahin von weißen Schwulen und Lesben dominierten LGBTIQ-Welt. Trotzdem ist das Miteinander auch in den USA bis heute nicht konfliktfrei. Aber man muss schon eine ziemlich rechte Socke sein, um die queere Zukunft grundsätzlich in Frage zu stellen, und darum führen die Konflikte in der Regel nach vorne. Sie werden als notwendige Lernprozesse wahrgenommen und auch so geführt. Zurück in die Nischen-Identität will niemand mehr.

Verpasste Chancen

Und wäre alles andere nicht auch ein Armutszeugnis für Institutionen, die einen Regenbogen zu ihrer Fahne und gelebte Vielfalt zu ihrem gesellschaftlichen Ziel erklärt haben? Die Konflikte um die Schwulenberatung oder den Völklinger Kreis sind doch in erster Linie Geschichten verpasster Chancen. Wie sähen Modelle für queeres Leben im Alter aus, wenn eine Queerberatung aus ihrer langjährigen Praxis die Konzepte für Berlin dazu erarbeitet hätte? Würde sich ein Verein queerer Führungskräfte mit einer Debatte über sein Verhältnis zu AfD-nahen Mitgliedern auch jahrelang Zeit lassen? Oder hätte die trans* CEO eines erfolgreichen Startups vielleicht mal früher einen Ton gesagt? Wahrscheinlich wäre das so. 

Seit Jahrzehnten versuchen wir der Gesellschaft beizubringen, dass eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung sie nicht bedroht, sondern bereichert. Aber in unseren eigenen Institutionen leben wir bis heute mehrheitlich eine abstruse Apartheid mit der Begründung, wir seien zu unterschiedlich, um miteinander klar zu kommen. Von so einer Bewegung würde ich ehrlich gesagt nicht einmal mehr einen Gebrauchtwagen kaufen.

Völlig absurd wird es, wenn de facto schwule Institutionen sich damit brüsten, sowieso längst ausschließlich queere Politik und Projekte zu fördern. Frei nach dem Motto: Lasst mal, wir machen das schon für euch! Natürlich geht es dabei immer um etwas anderes: Um die Fleischtöpfe staatlicher Alimentierung, um Bequemlichkeit, um Macht, um das Nicht-Hinterfragen-müssen der eigenen Positionen. Queer mag für viele noch immer eine künstliche Kategorie sein, aber schwul, lesbisch oder trans* schienen einmal nicht weniger willkürlich und sind erst durch die gemeinsame Bewusstwerdung in einem gemeinsamen Kampf zu dem geworden, was sie für viele heute sind: eine Selbstverständlichkeit.

Mit Greg und vielen anderen bin ich mir sicher: Wir werden die Kämpfe der Zukunft nicht bestehen, wenn wir unsere Institutionen – und vor allem unser Denken – nicht endlich selbstverständlich queeren. Das Teilen und Beherrschen betreiben die Gegner auf der rechten Seite schon zur Genüge, und das ausgesprochen gut.

Dirk Ludigs