Interview mit dem Orga-Team des „Libertarian CSD“

Alternativer Berliner CSD: „Wir beobachten eine starke Zunahme von faschistischen und neoliberalen LGBTI-Fraktionen“

26. Juni 2019
Kreuzberger CSD 2016 © jackielynn

Am 28.06. wird es mit dem „Libertarian CSD" wieder einen alternativen Pride in Berlin geben. Wir fragten das Orga-Team, warum sie den CSD ins Leben gerufen haben

Seit 2016 gab es keinen linken, alternativen CSD mehr in Berlin. Zum 50. Jubiläum der queeren Stonewall-Aufstände soll sich das ändern. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Versuche von Orga-Gruppen wieder einen Gegenentwurf zum großen CSD zu schaffen. (SIEGESSÄULE berichtete) Zumindest für eine der beiden Demos wird es jetzt konkret: Das „Working Class Queeroes Kollektiv Berlin“ veranstaltet am 28. Juni unter dem Namen „Libertarian CSD“ eine Demonstration durch Schöneberg. Laut Flyer will man sich gegen die kommerzielle Vereinnahmung von Stonewall wehren und „für mehr Freiräume zur queeren Selbstbestimmung“ auf die Straße gehen. Treffpunkt ist um 18 Uhr am Platz an der Apostelkirche 1. SIEGESSÄUlE sprach im Vorfeld mit dem Orga-Team

Was bedeutet der Name eures CSDs? „Libertarian“ steht für libertären Sozialismus, also eine politische Strömung, die Herrschaft von Menschen über Menschen und Hierarchien als Form der Unterdrückung ablehnt. „Libertarian CSD“ ist unser Gedenken an das erste massive Aufstehen von queeren Menschen beim Stonewall-Aufstand gegen Polizeigewalt und institutionalisierte heteronormative Unterdrückung.

Seit 2016 gibt es keinen alternativen CSD in Berlin mehr. Warum gerade jetzt wieder? Wir sind eine, nicht „die“ Alternative zum CSD! Dass wir als „Libertarian CSD“ zusammenkommen, ist eine mehr oder weniger spontane Aktion, da wir eine starke Zunahme von faschistischen und neoliberalen LGBTI-Fraktionen beobachten, etwa durch die AfD oder in puncto Neoliberalismus die Karrieremesse „Sticks & Stones“. Das hat nichts mit „Gay Liberation“ zu tun. Der 28. Juni vor 50 Jahren war der Beginn einer Emanzipationsbewegung und daran wollen wir anschließen.

Der große CSD ist für euch also keine Option … Nein! Er repräsentiert uns nicht und stellt eine Kommerzialisierung von alltäglichen Befreiungskämpfen dar. Als buntes Schaulaufen suggeriert er, dass Vereinnahmungen sozialer Kämpfe durch Parteien, Bundeswehr, Banken und Immobilienkonzerne eine Antwort auf die Probleme queerer Unterdrückung sind. Als Working Class Queeroes kämpfen wir für soziale Emanzipation; nicht für Assimilierung und Pinkwashing.

Warum habt ihr euch für eine Route durch Schöneberg entschieden?
Wir wollen Solidarität mit den trans Sexarbeiter*innen in der Frobenstraße zeigen, die täglich Attacken ausgesetzt sind. Außerdem stellen wir uns gegen die generelle Zu- nahme von homophoben Angriffen gegen queere Menschen. In Schöneberg ist auch die höchste Konzentration an queeren Geschäften. Wir wollen eine viel größere Vielfalt an Begegnungsorten und Freiräumen, die unter den jetzigen Bedingungen des Profitdrucks nicht möglich sind. Außerdem kritisieren wir das Vorgehen des Bezirks gegen Cruising-Gebiete und gegen deren Übernahme durch aggressiven Sexwork-Wettbewerb.

Der letzte alternative CSD hat sich nach Rassismus- und Antisemitismusvorwürfen zerstritten. Wie geht ihr damit um? Wir sind eine neue Gruppe, die nicht viel mit dem alten CSD zu tun hat, und wir wollen Menschen aller Lebenswege einladen dabei zu sein! Was wir nicht wollen, sind chauvinistische Positionen wie nationale, nationalistische, trans*feindliche, rassistische oder parteipolitische Flaggen oder Transparente.

Interview: hage


Libertarian CSD,
28.06., 18:00 Startpunkt: Platz an der Apostelkirche 1 in Schöneberg,
die Demo soll in der Motzstraße enden