Reportage

Die Stonewall-Aufstände 1969: „Stonewall ist eine Aufforderung zur Tat“

28. Juni 2019 Tobias Sauer
Ikone der Stonewall-Aufstände: Marsha P. Johnson © New York Public Library, Manuscripts and Archives Division, Diana Davies, das Bild ist Teil der Ausstellung „Love & Resistance: Stonewall 50“

Am 28. Juni 1969 begann die queere Menge vor dem Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street, sich gegen die Schikanen durch die Polizei zu wehren. Die Aufstände gelten als Geburtsstunde der modernen queeren Bürgerrechtsbewegung. Was aber passiert damals? Wer war beteiligt? Und werden die beteiligten Gruppen heute ausreichend gewürdigt? Tobias Sauer sprach mit Historiker*innen und Zeitzeug*innen

Manchmal sind es die kleinen Momente, die in der Erinnerung ein Ereignis erst ausmachen. Wenn Robert Bryan an jene Nächte im Juni 1969 zurückdenkt, in denen er gemeinsam mit anderen vor der Bar The Stonewall Inn nach einer Razzia gegen die New Yorker Polizei kämpfte, merkt man schon an seiner Stimme, die jetzt leiser wird, dass es dabei auch für ihn einen solchen Moment gab.

„Näher und näher kam die Polizei, doch sie rannten nicht weg, sangen immer weiter, bis die Polizei nur noch eine Armlänge entfernt war.“

Ausgerüstet mit Helmen und Schilden marschierte die herbeigerufene Bereitschaftspolizei in Formation durch die Christopher Street im Greenwich Village, in der das Stonewall Inn liegt. Ein martialischer Anblick. Ihr Ziel: Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. „Eine Gruppe ziemlich ,femininer’ Queens hakte sich unter, stellte sich ihnen entgegen und begann einfach zu singen: ‚We are the Stonewall Girls, we wear our hair in curls‘“, erinnert sich Robert. „Näher und näher kam die Polizei, doch sie rannten nicht weg, sangen immer weiter, bis die Polizei nur noch eine Armlänge entfernt war. Erst dann drehten sie sich um und flüchteten. Es war unglaublich und inspirierend zu sehen, wie mutig sie waren.“

Von der Mafia betrieben, war das Stonewall Inn damals der größte queere Club New Yorks. „Nirgendwo gab es etwas dem Stonewall Inn Vergleichbares, weder in anderen Städten noch in New York“, erzählt Robert Bryan. Hier konnten vor allem Männer miteinander tanzen, eng und langsam, und dabei Körperkontakt suchen. So gut wie überall sonst war das verboten.

Momente der Angst

Immer wieder führte die Polizei jedoch Razzien durch, im Stonewall Inn und in anderen Lokalen des Village. Für die Gäste waren dies stets Momente der Angst. An eine Razzia in einer anderen Bar ungefähr zu selben Zeit erinnert sich Martin Boyce, der ebenfalls an den Stonewall-Aufständen teilgenommen hat. „Der Detective kam in das Lokal. Langsam ging er durch die Reihen, schaute jedem von uns mit durchdringendem Blick in die Augen. Wir sprachen uns Mut zu: Er kann sich nicht an jeden von uns erinnern. Oder vielleicht doch? Oder wollte er einfach, dass wir uns an ihn erinnern?“

Solange keine Gesetzesverstöße festgestellt wurden, war der Spuk zwar schnell wieder vorbei. Doch gegen die Gesetze verstieß man leicht. In vielen Bars wurde illegal Alkohol ausgeschenkt. Ein altes New Yorker Gesetz verlangte außerdem, dass Menschen mindestens drei Kleidungsstücke tragen, die zu dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht passen. Diese eigentlich längst vergessene Regelung wurde nun – den Begriff Transgender gab es noch nicht – gegen damals so bezeichnete „Cross-Dresser“ sowie „Transvestiten“ angewandt. Und Sex war ohnehin verboten. Auf Klappen und an Treffpunkten arbeitete die Polizei mit verdeckten Ermittlern. Wurde man erwischt, konnten die Konsequenzen drastisch sein. Minderjährige wurden bei den Eltern gemeldet, Freund*innen und die Familie wandten sich nach einem erzwungenen Outing oft ab, auch der Verlust des Arbeitsplatzes drohte. Viele Betroffene nahmen sich das Leben.

Angesichts dessen folgten die Gäste bei Razzien normalerweise den Anweisungen der Polizei. Die verlangte nach den Ausweisen und ließ jene, denen sie nichts vorzuwerfen hatten, nach und nach aus der Bar. Normalerweise gingen die Gäste anschließend nach Hause, den Schock noch in den Gliedern. Nicht jedoch in jener warmen Sommernacht am frühen Morgen des 28. Juni 1969. Bereits im des Stonewall Inn gaben die Gäste der Polizei Widerworte, erinnerte sich die im Jahr 2002 verstorbene Transaktivistin Sylvia Rivera, die damals vor Ort war. „An diesem Abend hat es klick gemacht“, sagte sie in einem langen Interview, das sie im Dezember 1989 dem Journalisten Eric Marcus gab. „Alle fragten sich: Warum müssen wir der Mafia so viel Geld für ein paar schlechte Drinks zahlen? Warum werden wir trotzdem von der Polizei schikaniert?“

Außenaufnahme des Stonewall Inn 1969 aus der Ausstellung „Love & Resistance: Stonewall 50" in der New York Library © Diana Davies, New York Public Library

„Plötzlich drehte sich die Stimmung“

Vor der Bar versammelten sich neben jenen, die sie gerade verlassen hatten, auch Schaulustige, insgesamt zwischen 200 und 300 Personen. Die immer größer werdende Menschenmenge kommentierte bissig, wer von der Polizei freigelassen oder abgeführt wurde, erinnert sich Martin Boyce gegenüber SIEGESSÄULE. Er war mit seinem Freund Birdie im Village unterwegs, als er auf der Straße von der Razzia erfuhr. Er ging dann zum Stonewall Inn, um zu schauen, was los war.

„Anfangs war die Stimmung in der Menge aufgekratzt, man lachte“, sagt auch Robert Bryan, der das Geschehen ebenfalls aus der Menge heraus beobachtete. Das änderte sich schlagartig, als die Polizei eine Lesbe grob aus der Bar führte, sie einigen Angaben nach sogar mit dem Knüppel schlug. Die Frau wehrte sich, floh aus dem Polizeiwagen, in den sie verfrachtet wurde, und rief an die Zuschauenden gerichtet: „Warum tut ihr nichts? Wehrt euch!“

„Plötzlich drehte sich die Stimmung“, sagt Robert Bryan. Statt Gelächter gab es nun Beschimpfungen. Kurz darauf flogen die ersten Gegenstände in Richtung Polizei. Zunächst ein paar Münzen, verbunden mit Bemerkungen über die Bestechlichkeit der Beamten, bald auch Müll und die ersten Steine – und dann alles, was in die Finger zu bekommen war. Die Polizei zog sich in die mittlerweile geräumte Bar zurück. Doch das heizte die Menge nur noch weiter an. Mit einem ausgegrabenen Parkautomaten wurde versucht, die Tür aufzubrechen. Einzelne bespritzten die Sperrholzplatten, mit denen die Fenster verrammelt waren, mit Feuerzeugbenzin und setzten sie in Brand. Hätte die Polizei in dieser Situation geschossen, es hätte wahrscheinlich Tote gegeben.

Erst die eilig herbeigerufene Bereitschaftspolizei konnte die eingeschlossenen Polizisten befreien. Die ganze Nacht hindurch kam es zu Verfolgungsjagden zwischen der Polizei und der unterdrückten queeren Minderheit, die ihre überlegene Ortskenntnis in den Straßen des Village nutzte, um der Polizei meistens zu entkommen. Erst am frühen Morgen liefen die Unruhen langsam aus, nur um in den nächsten Nächten wieder aufzuflackern.

Das Cover der Juniausgabe der SIEGESSÄULE 2019 zeigte ein Foto vor dem New Yorker Stonewall Inn in der zweiten Nacht der Riots (Juni 1969)

Die umstrittene Frage, wer „dabei war“

Nie zuvor und nie danach wurde einem Aufstand der queeren Community eine solche Bedeutung zugeschrieben wie Stonewall. Er gilt, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, als Geburtsstunde der queeren Bürgerrechtsbewegung, wie dies unter anderem eine Plakette direkt an der Stonewall Bar heutzutage stolz all ihren Besucher*innen verkündet.

Und war diese Bewegung in den letzten 50 Jahren nicht auch ausgesprochen erfolgreich? In Deutschland wie in den USA wurde seither die Ehe geöffnet, Homosexuelle und trans* Personen dienen in der Armee, auch wenn US-Präsident Trump diese Erlaubnis für Letztere wieder zurückziehen möchte. Antidiskriminierungsgesetze sind in Kraft, selbst viele Religionsgemeinschaften segnen homosexuelle Paare. Für die (heterosexuelle) Publizistin Linda Hirshman waren diese Erfolge Grund genug, ihr Buch zur Geschichte der amerikanischen queeren Bewegung schlicht „Victory“ zu nennen: „Triumph“.

Während diese Erfolge häufig letztendlich auf die Kämpfe vor dem Stonewall Inn zurückgeführt werden, ist „Stonewall“ gleichzeitig auf mehreren Feldern hoch umstritten. In wechselnder Intensität wird diskutiert, wer genau eigentlich damals die Bar besuchte und wer welche Rolle am Aufstand hatte. Daneben rückt in jüngster Zeit die Frage in den Mittelpunkt, ob Stonewall überhaupt als solch ein durchschlagender Erfolg bezeichnet werden kann.

Der erste Punkt – die Frage, wer „dabei war“ – erhitzt bereits seit Jahrzehnten die Gemüter. Schon 1989 scherzte der Aktivist Randy Wicker über seine damalige Mitbewohnerin Marsha P. Johnson – ebenfalls eine bekannte Aktivistin – nur ihre Teilnahme an den Aufständen werde wohl von niemandem infrage gestellt.

Kritik an Emmerichs Film

Zuletzt kochte die Diskussion vor vier Jahren wieder hoch, als Roland Emmerichs Film „Stonewall“ in die Kinos kam. Emmerich hatte einen jungen blonden und blauäugigen Schwulen zum Hauptprotagonisten seines Films gemacht, der sogar den Aufstand anführt und den ersten Stein schmeißt. Das löste wütende Proteste aus: Emmerich wurde vorgeworfen, die Geschichte umzuschreiben und die Rolle von Schwarzen, PoC, Latinx sowie all jenen, die der binären Gendernorm von Mann und Frau nicht entsprechen, herunterzuspielen. Denn diese Personen kämen im Film zwar vor, seien aber, so die Kritiker*innen, nichts als Stichwortgeber für den normativen Protagonisten.

Dabei betonen sowohl Historiker*innen als auch die Zeitzeug*innen, mit denen SIEGESSÄULE über die Ereignisse von einst sprach, eindeutig die Teilnahme von Leuten aus diesen Communitys. Für Robert Bryan ist der Song, den die nicht den damals gängigen Rollenklischees entsprechenden „femininen jungen Männer“ sangen, während sie sich mutig der Polizei entgegenstellten, bis heute der Gänsehaut-Moment des Aufstands.

Die Lesbe, die den Stimmungsumschwung in der Menge auslöste, trug wahrscheinlich weniger als drei „korrekte“ Kleidungsstücke und widersetzte sich auf diese Weise den starren Geschlechterrollen ihrer Zeit. Martin Boyce verbrachte fast den gesamten Abend mit seinem 1994 verstorbenen Freund Birdie, einem Puerto Ricaner, der ihn während des Aufstands anfeuerte. Die Rolle der Latina Sylvia Rivera, die sich Genderkategorien zeit ihres Lebens widersetzte, wird vom Historiker Martin Duberman in seinem Stonewall-Buch auf vielen Seiten beschrieben. Und dass die Schwarze selbst identifizierte Dragqueen Marsha P. Johnson „wütend in der Mitte der Straße“ die Polizei anschrie, wie sie selbst zu Protokoll gab, wird heute von kaum jemandem bestritten.

Hier sieht man die „Stonewall-Veteraninnen“ Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson (1. u. 2. v. l.) mit anderen queeren Aktivist*innen 1973 vor dem New Yorker Rathaus © New York Public Library, Manuscripts and Archives Division, Diana Davies, das Bild i

Wer warf den ersten Stein?

Wer exakt den ersten Stein warf, ist dagegen nicht mehr zu rekonstruieren, da es weder Beschreibungen von außerhalb der dynamischen Situation stehenden Personen noch Videoaufnahmen gibt und es durchaus möglich ist, dass mehrere Personen unabhängig voneinander begannen, Gegenstände in Richtung Polizei zu werfen. Die scheinbar eindeutige Rekonstruktion, die Emmerich in seinem Film vornimmt, ist daher historisch nicht haltbar.

Zwar sagen die Zeitzeug*innen, mit denen SIEGESSÄULE sprach, dass das Stonewall Inn nicht hauptsächlich oder überwiegend von Schwarzen, People of Color oder trans* Personen besucht worden wäre – ohne aber, wie sie betonen, diesen damit eine Beteiligung am Aufstand absprechen zu wollen. So erinnert sich die heute in Portland lebende New Yorker Lesbenaktivistin Martha Shelley in einem Telefongespräch mit SIEGESSÄULE, dass das Stonewall Inn von Ausnahmen abgesehen als weiße und schwule Bar galt.

Und bereits im Interview von 1989 antwortete Trans*aktivistin, Dragqueen und Latina Sylvia Rivera auf die Frage, wer das Stonewall Inn besucht habe: „Das Stonewall Inn war keine Bar für Dragqueens. Der Moment, an dem ich mit den Leuten in Streit gerate (ist, wenn) sie behaupten: ‚Es war eine Dragqueen-Bar, eine Schwarze Bar.‘“ Tatsächlich, sagte sie, sei bei diesen eher die Washington Square Bar beliebt gewesen.

Ein Grund dafür liegt im Rassismus jener Zeit. Denn im Stonewall Inn konnte man nicht einfach unkompliziert einen Drink nehmen. Vorher musste man am Türsteher vorbei. Und oft genug ließ der eine*n nicht herein. So trafen beispielsweise Martin Boyce und Birdie am Abend des Aufstands auf dem Weg zum Stonewall Inn einen Freund, der ihnen berichtete, dass er an der Tür abgewiesen worden sei. Weil die beiden wussten, dass dann auch sie vermutlich keine Chance hatten, brachen sie ihr eigenes Vorhaben, die Bar zu besuchen, ab.

Das entspricht den Erinnerungen Sylvia Riveras: „Als Dragqueen kam man ins Stonewall, wenn sie dich kannten. Und nur eine bestimmte Zahl von Dragqueens wurde gleichzeitig hereingelassen. Wenn ich hinging, versuchte ich (außerdem) immer, als weiße Frau durchzukommen.“

Noch komplizierter wird die Situation im Rückblick dadurch, dass diejenigen, die am Aufstand teilgenommen haben, nicht notwendigerweise vorher auch die Bar besucht hatten. Sowohl Martin Boyce und sein Freund Birdie als auch Robert Bryan und Marsha P. Johnson kämpften auf der Straße, ohne an diesem Tag im Stonewall Inn gewesen zu sein. Und nachdem sich in New York am folgenden Tag herumgesprochen hatte, was passiert war, beteiligten sich in den folgenden Nächten auch viele Menschen an den Aufständen, die sich sonst nicht regelmäßig in der Christopher Street aufhielten. Anders als der Mainstream, wie er von Emmerichs Film repräsentiert wird, beantworten Historiker*innen und Zeitzeug*innen die Frage nach der Teilnahme an den Aufständen also wesentlich differenzierter.

Marsch der Gay Liberation Front in New York 1970 © New York Public Library, Manuscripts and Archives Division, Diana Davies, das Bild ist Teil der Ausstellung „Love & Resistance: Stonewall 50“

Radikal vs. Mainstream?

Auch die Bedeutung der Aufstände für die queere Bewegung insgesamt ist in der letzten Zeit zunehmend umstritten. So stellt beispielsweise der Historiker Martin Duberman aus linker Perspektive grundsätzlich infrage, dass die Bewegung als Erfolg zu werten ist, wie es die „Victory“- Autorin Hirshman und viele andere tun. Denn Gruppierungen wie die von Martha Shelley mitgegründete Gay Liberation Front (GLF), die als Reaktion auf Stonewall entstanden und es erstmals schafften, eine queere Massenbewegung zu formen, hatten sich eigentlich eine radikal andere Gesellschaft zum Ziel gesetzt.

Sie lehnten bürgerliche Institutionen komplett ab. Die monogame Ehe etwa, die sie als dem Menschen unangemessen kritisierten und die daher in vielen Partnerschaften nur zu Betrug, Lüge und Eifersucht führe. Wäre es nicht besser, fragten sie, die Ehe gleich komplett abzuschaffen – und zwar für alle? „Ich war gegen die Ehe“, erinnerte sich auch Martha Shelley in einem Interview. „Ich sah nicht ein, warum wir die heterosexuelle Gesellschaft und ihre Beziehungsformen, gegen die wir gerade rebellierten, kopieren sollten.“

Auch Fragen nach psychischer Gesundheit und Krankheit stellten sie radikal neu. Sie lehnten die Vorstellung von psychischer Krankheit insgesamt ab. Nicht nur Schwule, Lesben und trans* Personen sollten fortan nicht mehr entsprechend fremddiagnostiziert werden, sondern schlicht niemand mehr. Organisationen wie die GLF wagten sich damit an die großen gesellschaftlichen Themen, wollten Strukturen verändern, Ungleichheit und Rassismus von der Wurzel her bekämpfen – und scheiterten damit.

Schnell kam es intern zu Spaltungen. Lesben kritisierten den Sexismus der Schwulen. Und obwohl die Gruppe Kontakt zu radikalen Organisationen der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung suchte, etwa den Black Panthers, beteiligten sich kaum Afroamerikaner*innen in der GLF. Einige Aktivist*innen mit eher pragmatischen Ansichten kritisierten zudem die endlosen Diskussionen, die oft ohne klare Ergebnisse endeten. Mit der Gay Activists Alliance (GAA) riefen sie dann eine wesentlich professioneller organisierte, aber in ihren Zielen eben auch viel beschränktere Organisation ins Leben. Diese konzentrierte sich darauf, die Situation für Schwule und Lesben im Hier und Jetzt zu verbessern, ohne als kleine Minderheit eine für die meisten utopisch wirkende neue Gesellschaft aufbauen zu müssen.

Selbst dieses in seinen Ansprüchen begrenztere Ziel stellte alles andere als eine kleine Aufgabe dar. Langfristig zugute kamen die Erfolge der GAA und ihrer Nachfolgeorganisationen damit aber vor allem jenen, die bereit waren oder aufgrund ihres besseren sozialen Status bereit sein konnten, die Bedingungen der Mainstream-Gesellschaft zu erfüllen, meint Martin Duberman.

„Wir sind damals nicht auf die Straße gegangen, um bei einer Pride Parade mitzulaufen, die von den großen Konzernen gesponsert wird“

Darüber hinaus gehende Fragen, etwa nach Rassismus und Trans*phobie, blieben oft auf der Strecke – und mit ihnen Aktivistinnen wie Sylvia Rivera, die sich gemeinsam mit Marsha P. Johnson in ihrer Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR) vor allem um obdachlose junge Sexarbeiter*innen kümmerte und im Sommer 1973 aus der GAA herausgedrängt wurde. „Die Community hat uns nicht unterstützt“, erinnerte sie sich zwanzig Jahre nach Stonewall bitter. „Die Bewegung will nichts mit mir zu tun haben.“

Auch die Zeitzeug*innen von einst ziehen keine uneingeschränkt positive Bilanz. „Wir sind damals nicht auf die Straße gegangen, um bei einer Pride Parade mitzulaufen, die von den großen Konzernen gesponsert wird“, resümiert Martha Shelley. Zum Jubiläum in diesem Juni wird sie allerdings nach New York reisen, um dort an der alternativen und weniger kommerziellen „Reclaim Pride“-Demo teilzunehmen. Für Martin Boyce ist der Kampf um eine gerechtere Gesellschaft allen Fortschritten zum Trotz nicht beendet. Ihn macht seine Stonewall-Erfahrung aber optimistisch. „Für mich“, sagt er, „ist Stonewall ein Verb. Eine Aufforderung zur Tat.“

Das Stonewall Inn heute © NYC & Compnay, Brittany Petronella

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