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Von Latex bis Pup Play: Erleben wir eine Fetisch-Inflation?

12. Sept. 2019 Jeff Mannes

Aus der vermeintlichen „Schmuddelecke“ in jedes Dating-Portal: einen Fetisch zu haben, gehört in der Community schon fast zum guten Ton. Jeff Mannes ist der Sache auf den Grund gegangen

Was früher verschämt behandelt und bestenfalls in der schwulen Lederszene selbstbewusst ausgelebt wurde, scheint heute in jedes PlanetRomeo-Profil zu gehören: ein Fetisch. Zuletzt ließ der rasante Aufstieg der Pup-Play-Szene, die Herrchen-Hund-Szenarien nachspielt, den Eindruck entstehen, schwule Sexualität würde sich immer weiter fetischisieren. Doch ist das so? Und wenn ja, woher kommt das?

Hund spielen bis Apfel essen – alles kann ein Fetisch sein

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal definieren, was genau ein Fetisch ist und wie dieser entsteht. Bedienen wir uns hier mal einer sehr breiten Definition: Ein Fetisch muss nicht unbedingt ein Objekt, sondern kann auch eine Handlung oder eine Denkweise sein, die sexuelle Erregung auslöst. Der Ursprung des Fetischs ist im Kopf zu finden und damit geht er über den rein körperlichen Sexualakt hinaus. Wenn ein schwuler Mann zum Beispiel passiven Analsex mag, so ist das an sich noch kein Fetisch. Wenn er jedoch denkt, es sei erniedrigend, sich von einem anderen Mann ficken zu lassen und die Idee dieser Erniedrigung bei ihm sexuelle Erregung auslöst, so kann man in dem Fall von einer Fetischisierung sprechen.

Nun gibt es Fetische, die relativ regelmäßig vorkommen (z. B. Pup Play oder Fußfetisch), und solche, die sehr selten oder vielleicht nur bei einer einzigen Person vorkommen, etwa wenn jemand sexuelle Erregung dabei empfindet, jemand anderem beim Apfelessen zuzusehen. Diesen Fetisch gibt es tatsächlich. Erstere nenne ich soziale oder kulturelle Fetische. Letztere nenne ich persönliche Fetische.

Konzentrieren wir uns hier auf soziale Fetische. Wie entstehen sie, zum Beispiel Pup Play? Es ist auffallend, dass Fetische ganz oft mit Tabus, mit dem Verbotenen oder ganz einfach mit dem Gegenteil unserer Sozialisierung spielen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu prägte den Begriff „Habitus“. Der Begriff beschreibt unsere Sicht auf die Welt sowie die ganz spezifische Art, wie wir denken, handeln, fühlen, sprechen und so weiter. Der Habitus unterscheidet sich von Kultur zu Kultur und ist ansozialisiert, das heißt, er wird uns von klein auf unbewusst durch unsere Umwelt beigebracht. Fetische scheinen oft das genaue Gegenteil des Habitus zu sein, weswegen ich sie auch als „Anti-Habitus“ bezeichne.

Fetisch: Das Gegenteil tun von dem, was man gelernt hat

Jeder Mensch spürt beim Heranwachsen unbewusst den Druck des Habitus, einen Druck, sich entsprechend den Regeln und Normen seiner Gesellschaft zu verhalten. Dieser Druck wird im Laufe der Sozialisierung verinnerlicht. Er kommt dann nicht mehr von außen durch die Mitmenschen, sondern von innen aus einem selbst heraus. Es scheint, dass dieser Druck sich in Form sexueller Fetische entladen kann, indem genau das Gegenteil dessen getan wird, was man während der Sozialisierung gelernt hat.

Fetische wären demnach also quasi ein „Nebenprodukt der Sozialisierung“. Da unsere Sozialisierung zu einem Großteil im Bereich Geschlecht, Ethnie, Sexualität und auch Spezies (wie wir uns als Menschen gegenüber anderen Tierarten definieren) stattfindet, lassen sich auch viele Fetische in diesem Bereich finden. So spielen z. B. Dominas oder Crossdressing mit unserer Geschlechtersozialisierung. Die Fetischisierung Schwarzer Männer oder asiatischer Frauen ist ein Ausdruck unserer Sozialisierung in den Narrativen des (Post-)Kolonialismus. Pup Play wiederum spielt sehr stark mit unserer Sozialisierung im Bereich der Spezies.

Seit Jahrtausenden macht der Großteil der westlichen Kultur eine strikte Trennung zwischen Menschen auf der einen und nicht menschlichen Tieren auf der anderen Seite. Naturwissenschaftlich betrachtet sind Menschen eine Tierart unter vielen. Aber wenn wir von Tieren sprechen, so meinen wir meist nicht diese „reale“ Definition, sondern alle Tierarten, vom Regenwurm bis zum Gorilla, aber den Menschen schließen wir aus. Obwohl der Gorilla mehr mit dem Menschen als mit dem Regenwurm gemein hat. Über die Sozialisierung wird uns unbewusst beigebracht, diesen nicht natürlich existierenden und hierarchisierenden Dualismus Mensch vs. Tier im alltäglichen Leben aufrechtzuerhalten: Wir müssen all das, was uns daran erinnern könnte, dass wir auch nur eine Tierart sind, unterdrücken, einschließlich unserer „wilden“ Sexualität.

Selbst-Domestizierung

Es ist nicht der zivilisierte Mensch, der Sex haben will. Es ist das wilde Tier in ihm, das er kontrollieren, domestizieren, unterdrücken muss. Welche Befreiung muss es da sein, diesen konstanten Druck einfach einmal sein zu lassen und sich in das genaue Gegenteil, in die Rolle eines Tieres zu begeben: Und schon sind wir beim Pup-Play-Fetisch.

Doch warum ist gerade der Hund die Spezies, die am meisten beim Pet Play benutzt wird? Weil der Hund am meisten domestiziert wurde – zumindest sichtbar für die meisten Menschen, wie uns der Pup Finn erzählt: „Man kann natürlich jedes andere Tier auch an die Leine nehmen. Aber beim Hund ist es halt am natürlichsten. Und vor allem auch das Dressieren verbinde ich viel mehr mit dem Hund.“ Die Popularität des Hundes für den Pet-Play-Fetisch liegt also an der gesellschaftlichen Sichtbarkeit seiner offenen Domestizierung. Der Pup-Play-Fetisch (Antihabitus) ist das Gegenteil unserer Mensch-Tier-Sozialisierung mit ihrer strikten Trennung zwischen Mensch und Tier (Habitus).

Ähnlich verhält es sich mit Sneakers, Socks und Feet; alles Objekte, die mit dem Boden in Berührung kommen, von dem wir lernen, dass er schmutzig ist und deswegen auf gar keinen Fall mit dem Rest der Körpers, schon gar nicht mit dem Mund oder den Genitalien in Kontakt kommen darf.

Gleichgesinnte finden auf Tumblr und Co.

Doch ist es wirklich so, dass immer mehr Menschen Fetische entwickeln? Und wenn ja, warum? Fetische sind, wie oben erklärt, ein „Nebenprodukt“ der Sozialisierung. Da niemand ohne Sozialisierung lebt, kann potenziell jeder Mensch einen oder mehrere Fetische entwickeln. Es ist also nicht so, dass es plötzlich mehr Fetische gibt. Diese waren vielmehr schon immer Teil der Gesellschaft, quasi dessen gespiegeltes Negativbild. Im Grunde kann das eine ohne das andere nicht existieren: Die Norm braucht die Abnorm, um sich als Norm definieren zu können. Die Erschaffung der Norm produziert somit stets die Abnorm, also den Fetisch, mit. Gäbe es keinen Mensch-Tier-Dualismus, gäbe es auch kein Pup Play.

Es gibt also heute nicht mehr Fetische als früher. Allerdings braucht es zur Aktivierung eines Fetischs ein Schlüsselmoment, bei dem man überhaupt erst einmal merkt, dass man diesen Fetisch hat. Wer niemals Pup Play beobachtet hat, ja nicht einmal weiß, dass es so was gibt, wird viel schwieriger herausfinden, ob sie oder er diesen Fetisch hat. Womöglich sind diese Schlüsselmomente, auch durch die Entwicklung des Internets, heute häufiger. „Früher gab es Leder, Gummi, Damenwäsche u. s. w., also einfach die großen Fetisch-Gruppen, in denen sich die Leute gefunden haben“, meint Karl, der in einem Fetischladen arbeitet. „Heute findest du für jede noch so spezielle Vorliebe tausend Gleichgesinnte auf Tumblr.“

„Früher musste man per Brief eine Kontaktanzeige erstellen“, betont auch Peter, der Geschäftsführer einer bekannten Fetisch-Marke. „Heute passiert alles online, es gibt Chatportale, in denen man direkt Kontakt aufnehmen kann.“ Die Schnelllebigkeit unserer Zeit und das Internet vergrößern die Wahrscheinlichkeit für Schlüsselmomente sowie die Verfügbarkeit von Gelegenheiten, den eigenen Fetisch auszuleben. Je mehr Menschen einen Fetisch sichtbar ausleben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass dies wiederum Schlüsselmomente bei anderen Menschen auslöst.

Fäkalienparties und Nackte in der U-Bahn: Die Berliner Toleranz

Dies kann erklären, wieso der Pup-Play-Fetisch in den letzten Jahren so inflationär geworden ist. Besonders in Berlin, einer Stadt, in der es fast schon Tradition scheint, jedem Fetisch eine Plattform zu bieten. Der Sextourismus ist groß in der Hauptstadt, im Ausland wird nicht selten über die Deutschen als „the kinkiest nation in Europe“ gesprochen. Zugleich herrscht das Klischee, Deutsche befolgten Regeln strenger und peinlicher als die europäischen Nachbar*innen.

Erlauben uns Fetische also, uns aus diesem engen Korsett an Regeln und Gesetzen zeitweise zu befreien? „Es macht einfach Spaß, jemand anderes zu sein“, bekräftigt Karl. „Weil das, was man ist, die Rolle, der man entsprechen muss, einem oft zu nüchtern und langweilig ist. Für viele bedeutet der Fetisch Befreiung.”

Berlin hat außerdem innerhalb Deutschlands Alleinstellungsmerkmale: die hiesige Mentalität und eine gewisse Toleranz-Politik. „Wir sind in Berlin sehr privilegiert“, lacht Peter. „Und da sind wir auch stolz drauf.“ In ihrem „Guide To Become A Real Berliner“ schreiben iheartberlin.de und die Künstlerin Sophia Halamoda an erster Stelle: „Don’t act surprised by any outfit or nudity.“ Ob das Gegenüber in der U-Bahn nun nackt ist oder eine Hundemaske trägt: „Echten Berliner*innen“ ist das absolut egal. Und in wohl keiner anderen Stadt der Welt wirbt ein Sexclub auf seiner Website für eine Fäkalienparty mit dem Titel „SCAT – Smear it, smell it, break a rule.“

Die Leute kommen nach Berlin, um hier das auszuleben, was sie zu Hause nicht können. Dies trägt zur Sichtbarkeit bei und führt vielleicht auch dazu, dass sich Berliner*innen eher trauen, ihren Fetisch öffentlich zu machen. Und auf diese Weise entsteht der Eindruck, unsere Gesellschaft hier würde sich immer weiter fetischisieren. Berlin ist überspitzt formuliert der sexuelle Vergnügungspark der Welt, die Stadt bietet die Freiheit, die anderswo nicht ausgelebt werden kann.

folsomeurope.info

Hinweis: Alle Namen wurden von der Redaktion geändert!

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