Kommentar

Warum sich Queers am Klimastreik beteiligen sollten

19. Sept. 2019
„Queers For Future“ beim letzten CSD Berlin, Foto: Daniela Zysk

LGBTI*-Rechte sind Teil eines größeren Kampfes um gerechte Teilhabe und um unsere Zukunft, findet Journalistin und Autorin Stephanie Kuhnen – und ruft am Freitag zum „Queers For Future“-Block bei der Klimademo auf

There is no Pride on a Dead Planet.“ Es gibt keinen Pride auf einem toten Planeten. Einfacher könnte die Botschaft der Aktivist*innen von „Queers For Future“ kaum sein: Aus die Maus! No planet, no cry!

Wenn Planet A erstmal aufgebraucht ist, dann gibt es auch keine CSDs mehr bei lebensgefährlichen Hitzewellen, und Veranstaltungen müssen nie wieder wegen Orkanböen abgebrochen werden. Das Lagerfeuer fällt nicht mehr aus wegen Waldbrandgefahr und Mücken musste man ohnehin schon seit vielen Jahren nicht mehr von der Windschutzscheibe kratzen. Die hat außer ein paar Vögeln eh niemand vermisst. Und irgendwann waren die Vögel auch alle weg.

Wenn der Planet erstmal tot ist, dann sind auch die „linksveganistischen Müslimümmler*innen“ still mit ihrem gretaesken Alarmismus. Ständig haben die Vorschriften machen und jeglichen Spaß verderben wollen. Man wollte schließlich nicht auf die gleichen Rechte verzichten: Wie alle anderen auch zu sein. Nicht mehr ausgeschlossen werden, weltweit überall jederzeit hinkommen, alles konsumieren dürfen mit Extraeinladung in Regenbogenfarben. Einfach „normal“ sein, das ist doch nicht zu viel verlangt!

Im Prinzip richtig. Aber! Die Wahrheit ist: das ist noch zu wenig gefordert! LGBTI*-Rechte sind kein Lackmustest für gesellschaftlichen Fortschritt, sondern Fortschritt misst sich daran, wie sehr sich eine Gesellschaft für eine gerechte Ressourcenverteilung für alle einsetzt, auch über ihre nationalen Grenzen hinaus. Der Kampf um Klimagerechtigkeit bedeutet eben nicht, wer in der schönsten und reichsten Wetterzone buntes Plastikkonfetti abfeuern darf, das ein Agrar-Konzern oder Chemie-Riese oder eine Billig-Airline mit einem wohlwollenden Auge auf queere Arbeitskräfte und Absatzmärkte bezahlt hat.

Pride ohne Vision?

Wer gut zu LGBTI* ist, ist auch gut zur Umwelt samt aller anderen Menschen und Tieren? Leider nicht zwingend. Die Frage ist: Wann sind wir eigentlich so billig geworden? Wissen wir noch, hinter wessen Fahne wir herlaufen, wenn jede Bank, die an der Zerstörung des Planeten oder Finanzierung von Kriegen verdient, ihr Logo aufdrucken kann?

Dieser Pride ist eine Falle ohne Vision einer gemeinsamen und gerechten Zukunft. Es ging niemals um Verzicht oder Verbote, sondern um tatsächliche Verbundenheit und Solidarität – auch im eigenen Interesse. Die Schriftstellerin Audre Lorde hat es treffend formuliert „There is no thing as a single issue struggle, as we do not lead single issue lives“. Mit anderen Worten: LGBTI*-Rechte sind keine Ich-AG, sondern ein Teil eines wesentlich größeren Kampfes um gerechte Teilhabe.

Hören wir also auf damit, für alles dankbar zu sein, was allen ohnehin zusteht. Übernehmen wir die Verantwortung für das, was allen gehört: nichts Geringeres als dieser Planet, nicht weniger als Gegenwart und Zukunft. Nur so zeigt sich, ob wir „Stonewall“ begriffen haben und bereit sind, das Bewegungsversprechen „Marching for those who can’t“ auch einzulösen.

Und selbstverständlich darf wie zu jeder guten Revolution auch getanzt werden. Noch ist der Planet ja nicht tot. Aber das hängt auch davon ab, wer „wir“ sein wollen und was jede Person bereit ist, umzuverteilen.

Stephanie Kuhnen

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Stephanie Kuhnen © Martin Pelzer

„Queers For Future“– Demoblock beim Klimastreik, 20.09., Treffpunkt: nahe Brandenburger Tor, 11:00

queersforfuture.org

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SIEGESSÄULE-Interview mit der Initiative „Faggots For Future“