Seit 1. März: Görlitzer Park nachts verschlossen

Absperrung um den Görlitzer Park: Ein Zaun, der keine Probleme löst

9. Apr. 2026 Christian Bojidar Müller
Bild: Picture Alliance / dpa Sebastian Gollnow
Demo gegen den Zaun am Görlitzer Park im Sommer 2025

Seit dem 1. März wird der Görlitzer Park nachts abgeschlossen. Das teure Senatsprojekt, stark vorangetrieben von der CDU, soll eine Antwort auf Drogenhandel und Gewalt im Park geben. Doch es löse keine Probleme, sondern schüre bloß Ängste und Rassismus, kritisieren Aktivist*innen. Wir sprachen darüber mit dem queerfeministischen Kollektiv Görli FLINTA*s

„Wir schließen einen Raum, weil der zu gefährlich für euch ist”, das ist eine krude, paternalistische Logik, finden Luca und Susanne (Namen geändert) vom queeren Kollektiv Görli FLINTA*s. Seit dem 1. März 2026 ist der Görlitzer Park nachts abgeschlossen, umzäunt mit einem zwei Millionen Euro teuren Metallgitter. Die offizielle Begründung des Senats: Sicherheit. Doch für das Kollektiv, das sich im September 2024 gründete, um aus queerfeministischer Perspektive soziale Lösungen für den Görli zu entwickeln, ist der Zaun ein Symbol für Verdrängung und Rassismus. „Bei der ganzen Sache geht es darum, wer Zugang zu Räumen hat und wer über sie bestimmen darf“, so Susanne aus dem Kollektiv.

Gegen die umstrittene nächtliche Schließung des Görlitzer Parks hatte erst kürzlich die Aktionsgruppe „Gewerkschaft der Osterhasen* (GdO)“ am Ostersonntag als Protestaktion Generalschlüssel für die Tore an Parkbesucher*innen verteilt. In einer auf der linken Plattform indymedia.org veröffentlichten Pressemitteilung äußerte sich die Gruppe folgendermaßen: „Die Schlüssel passen an allen Torschlössern, die nicht verklebt sind. Mittlerweile wird etwa die Hälfte aller Tore normal verschlossen, also ohne zusätzliches Kettenschloss. Wir fordern: Bewegungsfreiheit und offene Parks für alle!“

Bild: Gewerkschaft der Osterhasen* (GdO)
Bei der Protestaktion wurden Schoko-Osterhasen mit den Generalschlüsseln verteilt.

Der Görlitzer Park als Projektionsfläche

Wie Ängste instrumentalisiert werden, zeigt eine angebliche Gruppenvergewaltigung im Juni 2023. Der Fall – und vor allem die Herkunft der Beschuldigten – blieb auch, als diese freigesprochen wurden, in der öffentlichen Debatte präsent. Das Kollektiv Görli FLINTA*s kritisiert, dass der Senat den Fall ausnutze, um die Notwendigkeit des Zauns zu begründen. Prävention von sexualisierter Gewalt müsse an anderer Stelle ansetzen als beim Bauen eines Zauns. „Durch solche Narrative verzerrt man das Bild des Parks mittlerweile auf Bundesebene, um rassistische Vorurteile zu befeuern“, sagt Susanne und Luca ergänzt: „Wenn du dich als Schwarzer Mensch im Park aufhältst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du kontrolliert wirst, schon immer hoch gewesen.“ Jetzt, so befürchtet das Kollektiv, könnte es vermehrt zu Racial Profiling an den Eingängen kommen.

„Durch solche Narrative verzerrt man das Bild des Parks mittlerweile auf Bundesebene, um rassistische Vorurteile zu befeuern.“

Um dem Bild vom gefährlichen Görli etwas entgegenzusetzen, hat das Kollektiv Aktionen wie das „Stargazing im Görli“ gestartet. Beim Picknick im Park bewunderten FLINTA* in Neumondnächten den Sternenhimmel. Sich den Raum dafür zu nehmen beschreibt Luca als empowernd und eine Möglichkeit, den Görli neu zu erleben. Seit dem Zaun sei das nun vorbei. Das Kollektiv ermutigt FLINTA* aber weiterhin, den Park zu nutzen.

Der Fokus des Bündnisses „Görli zaunfrei“, zu dem auch die Görli FLINTA*s zählen, liegt aktuell auf juristischen Schritten gegen die Schließung. „In diesen Zaun ist so viel Geld geflossen, dass es jetzt unmöglich ist, ihn wieder abzubauen“, sagt Susanne. Eine realistische Forderung sei deshalb, die neu gebauten Tore zumindest offen zu lassen. Das dürfte nicht so schwer sein: „Mindestens die Hälfte der 16 gebauten Tore kann aufgrund von Baumängeln ihre eigentliche Funktion nicht erfüllen“, so die Initiative Görli 24/7 in einer Pressemitteilung.

Verlagerung der Probleme

Doch nicht nur die Tore versagen, sondern auch das Projekt an sich: Millionen wurden in einen Zaun investiert, der keine Probleme löst. Die Befürchtungen vieler Anwohnenden haben sich bereits in den ersten Wochen bewahrheitet: „Die Probleme verlagern sich lediglich auf die Nebenstraßen“, sagt Luca. „Die Polizeipräsenz und Racial Profiling nehmen zu, der Drogenkonsum ist im öffentlichen Raum sichtbarer als zuvor.“

„Die Probleme verlagern sich lediglich auf die Nebenstraßen. Die Polizeipräsenz und Racial Profiling nehmen zu, der Drogenkonsum ist im öffentlichen Raum sichtbarer als zuvor.“

Die Schließung blockiere zudem eine Abkürzung zwischen den Kiezen. „Bewohner*innen müssen jetzt teilweise zehn Minuten länger einplanen, um nachts ihre gewohnten Heimwege zu gehen“, sagt Susanne. In Spandau hört man unterdessen von kreativeren Lösungen: Dort wurden unter anderem Alpakas für einen Park mit ähnlichen Problemen vorgeschlagen. „Warum nicht auch im Görli?“, fragt das Bündnis und tritt seitdem auch auf Demos mit Pappmaché-Alpakas auf.

Statt Abschottung fordern die Görli FLINTA*s soziale Lösungen: „Man könnte den Park ja auch nutzer*innenfreundlich gestalten“, findet das Kollektiv. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass hier ein politisches Exempel statuiert werden soll – eines, das Ängste schürt und an den Bedürfnissen der Anwohnenden vorbeigeht.

Görli FLINTA*s Instagram:
@goerli_flinta_s

Bündnis Görli zaunfrei:
goerlizaunfrei.noblogs.org

Initiative Görli 24/7:
goerli247.noblogs.org

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