Arabisches Dragfestival 3.0

Adira im Gespräch: „Deine Großmutter kann eine Diva sein“

14. Okt. 2026 Elira Halili
Bild: Andrea Rojas
Zuher Jazmati (li.) und Hassandra starteten vor drei Jahren Adira

Adira – zu Deutsch „die Starke“ oder „die Mächtige“ – wurde 2023 von der libanesischen Künstlerin und unserem Covermodel Hassandra und dem syrisch-deutschen Podcaster Zuher Jazmati aka xanax_attax als Partykollektiv gegründet. Inzwischen ist Adira längst mehr als eine Partyreihe: Das erste arabische Dragfestival geht in die dritte Runde. Im Interview sprechen Hassandra und Zuher über die Bedeutung queerer arabischer Räume und das diesjährige Festivalmotto „Who’s Your Diva?!“

Was war eure ursprüngliche Motivation, Adira zu gründen?
Zuher Jazmati: Berlin hat eine der größten queeren arabischen Communitys außerhalb der SWANA-Region, und viele verbinden ihre queeren, arabischen und diasporischen Erfahrungen mit Erinnerungen, Nostalgie und Musik. Gemeinsam mit Hassandra wollten wir diese Elemente in einer Veranstaltungsreihe und einem Kollektiv zusammenbringen.
Hassandra: Unsere ursprüngliche Motivation war, einen Raum zu schaffen, in dem wir nostalgische Musik hören und zu ihr tanzen können. Mit der Zeit wurde aber klar, dass das Projekt weiterbestehen und wachsen muss. Als Dragkünstlerin wollte ich außerdem bessere Bedingungen für Dragperformer*innen schaffen. Arabische Dragkünstler*innen sollen in ihrer Originalsprache auftreten können, ohne sich zensieren oder zurücknehmen zu müssen, und selbst bestimmen, wie sie auf der Bühne präsentiert werden. Aber besonders auf die politische Entwicklung bezogen, sind die Umstände immer komplexer und angespannter. Wir können nicht schweigen, wenn weltweit Schreckliches passiert. Wir wollen deshalb weiterhin einen Raum schaffen, in dem Menschen zum Lachen und Tanzen zusammenkommen, aber auch zusammen trauern, sich austauschen und gegenseitig unterstützen können.

„Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Menschen zum Lachen und Tanzen zusammenkommen, aber auch zusammen trauern, sich austauschen und gegenseitig unterstützen können.“

Zuher: In unserer Community gibt es gerade viel Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Trauer nicht gerechtfertigt werden muss und wir angesichts dessen, was in unseren Ländern passiert, einfach zusammen sein können. Gleichzeitig geht es aber auch um Widerstand gegen unsere Marginalisierung in der weiß dominierten Berliner Kultur- und Partyszene. Außerdem haben viele Communityveranstaltungen in Berlin und Deutschland derzeit mit Rassismus, Finanzierungskürzungen und Spaltungen zu kämpfen, besonders nicht weiße queere Kollektive stehen vor großen Herausforderungen. Unsere Partys und das Festival sollen verbinden und eine gemeinsame Plattform schaffen.

Konntet ihr euch in der queeren Partyszene Berlins schnell etablieren?
Hassandra:
In aller Bescheidenheit: ja, besonders wegen unserer visuellen Identität und der Klarheit darüber, welche Musik wir anbieten. Als queeres und arabisches Kollektiv haben wir uns offen gezeigt und dadurch Vertrauen gewonnen. Trotzdem erhalten Partykollektive oft mehr Möglichkeiten, wenn sie von weißen Personen repräsentiert werden oder zu etablierten Genres wie elektronischer Musik gehören.
Zuher: Unsere Musik ist auch relativ speziell. Nicht alle kennen arabischen Pop aus den 1990er- und 2000er-Jahren. Wir bekamen aber schnell Anerkennung von der queeren arabischen Community, ihren Verbündeten und Freund*innen sowie von Menschen, die sich mit der Musik und Atmosphäre verbinden können.

Divas statt Talahons

Warum ist die Diva das Thema des Festivals?
Hassandra: Der Begriff „Diva“ wird sehr frei verwendet – deine Mutter oder Großmutter kann eine Diva sein, und ich bin mir sicher, dass sie eine ist! Doch Popdiven werden in der queeren Community oft verehrt, obwohl viele von ihnen selbst nicht queer sind und sich nie für queere Menschen eingesetzt haben. Wir wollen untersuchen, was wir in diesen Diven sehen. Es geht nicht nur um Glamour und Ikonografie, sondern auch um Chaos und „Delusion”. Die Performer*innen ehren oder imitieren ihre Diven nicht einfach, sondern erforschen, was diese für ihre eigene Entwicklung und Identität bedeuten.

Gibt es noch etwas, das ihr sagen möchtet?
Zuher: Wir müssen das Wort talahon (deutsch: „komm her“, Anm. d. Red.) reclaimen. Also, talahon, hol dein Ticket.

Adira Drag Festival 3.0, 18.–31.10.

Programm:

18.10., 14:00 Wikipedia-Workshop zu arabischen Popdiven, WikiBär

23.10., 15:00, Adira Radio Takeover, Sendung über mediterrane Musik-Connections, Refuge Worldwide

30.10., 18:00 „Who‘s Your Diva?“, Festivalshow mit Drag-Theater-Ensemble, HAU1

30.10., 23:00 Afterparty mit xanax_attax, Sherryaeri, SU u. a., Æden

31.10., 18:00 Abschlussevent und Screening, Sinema Transtopia

Instagram: @adira.party

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