Interview

Shadi Amin über die Proteste in Iran: „Unzählige queere Menschen leisten Widerstand“

28. Jan. 2026 Christian Bojidar Müller
Bild: Privat
Shadi Amin, iranische LGBTIQ-Aktivistin und Autorin, floh nach der Revolution 1979 nach Deutschland und setzt sich für queere Rechte in Iran ein (u. a. „6rang“)

Während die Proteste in Iran blutig niedergeschlagen werden, wird Reza Pahlavi im Westen als Hoffnungsträger gefeiert. Doch queere iranische Aktivist*innen wie Shadi Amin sehen das kritisch. Sie floh nach der Revolution von 1979 nach Deutschland und setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte queerer Iraner*innen ein. Im Gespräch erklärt sie, warum Pahlavi in ihren Augen keine Lösung ist

Sie blicken auf eine lange Geschichte als Aktivistin zurück. Wie haben Sie es geschafft, so lange durchzuhalten? Das hat natürlich auch viel mit meinem politischen Bild von der Zukunft Irans zu tun. Das Ende des aktuellen Regimes ist die einzige Option für unsere Community. Aber als LGBTIQ*-Menschen werden wir immer wieder an den Rand des Diskurses gedrängt und gerade das motiviert mich, immer wieder weiterzumachen. Wir haben keine andere Wahl, wenn wir Teil der Zukunft des Irans sein wollen.

Würde ein Eingreifen der USA dabei helfen? Zu glauben, dass ein Eingreifen durch Israel oder die USA zu Selbstermächtigung und Freiheit führt, wie Reza Pahlavi (der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs, Anm. d. Red.) und seine Anhänger uns weismachen wollen, ist ein sehr vereinfachtes, fast dummes Bild von einer Revolution. Gestern schrieb eine LGBTIQ*-Aktivistin aus dem Iran: „Wir haben geglaubt. Wir sind auf die Straße gegangen, weil wir Trump geglaubt haben, dass die USA und Israel kommen werden, sobald sie auf uns schießen.” Aber ist irgendjemand gekommen?

„Bitte sagt der Welt, dass die LGBTIQ*-Community bei der Revolution in Iran dabei war.”

Die Zahl der Todesopfer schwankt in den Medien derzeit zwischen 4.000 und 20.000. Haben Sie aktuell Kontakt zu Menschen vor Ort? Ja. Was sie über das mörderische Vorgehen der Regierung berichten, ist schwer zu ertragen. Ein schwuler junger Mann schrieb: „Danke, dass ihr an uns denkt, aber sie haben einfach beschlossen, uns zu vernichten. Bitte sagt der Welt, dass die LGBTIQ*-Community bei der Revolution in Iran dabei war.” Unzählige queere Menschen leisten Widerstand, dokumentieren und sterben in diesem Krieg, den die Regierung gegen das ganze Volk führt. Doch als Community bleiben wir darin unsichtbar, denn niemand spricht darüber, dass sie queer waren.

Wie hat sich die aktuelle Bewegung im Vergleich zu „Woman Life Freedom” verändert? Die „Woman Life Freedom”-Proteste waren inklusiver und fortschrittlicher. Doch seit Pahlavi mithilfe intransparenter US-Geldquellen und einem Medienmonopol den Diskurs dominiert, wird LGBTIQ* gecancelt. Während wir auf den Protesten von „Women Life Freedom” eine Stimme bekommen haben, werden wir nun von den Monarchisten massiv angegriffen. Alles nur, weil wir uns nicht eindeutig zu Reza Pahlavi als einzige Alternative bekennen. Sogar Journalist*innen, die uns interviewen, werden attackiert.

„Wenn Pahlavi wirklich ein Ally wäre, würde er uns stärker vor seinen queerfeindlichen Anhängern schützen, die uns beleidigen und bedrohen.“

Dabei hat Reza Pahlavi einen LGBTIQ*-Award von einer republikanischen Organisation in den USA erhalten ... Ich beobachte ihn seit Jahren sehr genau und ich frage: Was hat er für die LGBTIQ*-Community getan? Welche Veränderungen hat er gefordert? Es gibt lediglich ein Interview, in dem er zögerlich sagt, dass „solche Personen natürlich auch ein Recht haben, frei in Iran zu leben wie alle.” Dieser Award ist eine klassische Pinkwashing-Aktion. Wenn Pahlavi wirklich ein Ally wäre, würde er uns stärker vor seinen queerfeindlichen Anhängern schützen, die uns beleidigen und bedrohen. Aber leider müssen wir stattdessen beobachten, dass Parolen wie „Eine Flagge, ein Land, ein Führer” durch seine Propaganda „Woman Life Freedom” an den Rand drängen. Für mich klingt die Parole nicht nach einer demokratischen Zukunft, sondern ist beängstigend, wie uns die Geschichte gezeigt hat.

Würden Sie sagen, seine Anhänger sind mittlerweile eine Mehrheit? Nein. 85 bis 90 Millionen Menschen sehen seit einigen Jahren nur Reza Pahlavi, sie kennen keine alternative Führungsfigur. Und die westlichen Medien unterstützen das Narrativ. Er wird kaum kritisch hinterfragt. Eine laute Minderheit saugt das alles unkritisch auf und der Rest kennt einfach nichts anderes. Es gibt iranweit gut organisierte Vereinigungen von Arbeiter*innen oder Lehrer*innen, von deren Repräsentant*innen wir nichts hören, weil Pahlavi mit Unterstützung von den USA und Israel den Diskurs dominiert. 

Wie könnten diese kritischen Stimmen hörbarer werden? Ich habe zum Beispiel vorgeschlagen, dass man 8.000 Iraner*innen aus der Diaspora mobilisiert, an der Grenze des Irans zu protestieren. Das sind 0,01 Prozent der Iraner*innen im Exil. Menschen, die ein Zeichen setzen wollen und sagen: „Das ist unser Land, in dem wir frei und jenseits von Khamenei und Pahlavi leben wollen. Und wir sind bereit, unsere Bequemlichkeit dafür zu verlassen.” Mit solchen Initiativen könnte man sichtbarer werden. Wir haben nun mal keine zentralisierte Führerfigur wie die Monarchisten, weil wir so ein System nicht anstreben. Mit ihrer „Eine Flagge, ein Land, ein Führer”-Ideologie erscheinen die Rechten natürlich organisierter und stärker. Doch wir müssen uns mit eigenen Initiativen abgrenzen, denn die Anliegen der LGBTIQ*-Community drohen in den Massenprotesten nur instrumentalisiert zu werden.

Pahlavi selbst betont, er will die Demokratie in Iran einführen. Wieso sehen Sie das kritisch? Er behauptet zwar immer noch, er wolle nur eine Übergangsrolle spielen und Wahlen ermöglichen. Doch wenn man sich den Plan, den er letzten Sommer vorlegte, genau anschaut, kommen massive Zweifel auf. Der Plan sieht zum Beispiel eine militärische Kontrolle sensibler Städte, sowie Ausgangssperren vor. Er ist Oberkommandeur und wählt gleichzeitig die Mitglieder des Staatsrats sowie die Mitglieder des Wahlkomitees. Alle sind ausschließlich ihm gegenüber verantwortlich. Könnte man so etwas in Deutschland erlauben? Wie soll ein Kandidat aus der Bevölkerung unter diesen Voraussetzungen einen Wahlkampf vorbereiten? Das ist nur eins von vielen Beispielen. Und wenn Leute zu mir sagen, das sei besser als das islamische Regime, muss ich sagen: Nein, das haben wir 1979 auch gedacht. Auch Khomeini gab sich vor seiner Machtergreifung moderat und erzählte in Interviews, dass es keine Kopftuchpflicht für Frauen und Repressionen gegen Linke geben würde. Die Monarchisten sprechen auf Demos darüber, die Linken zu „vernichten” und er bezieht keine Stellung dagegen, denn bei der Zielgruppe der wütenden jungen Männer kommt das aktuell gut an. So führt man keine menschenrechtsbasierte Demokratie ein.

„Die deutsche Regierung muss diversere Perspektiven mit in die Debatten aufnehmen. Sie muss außerdem ihre Unterstützung für das islamistische Regime aufarbeiten und stoppen.“

Was kann die deutsche Regierung über symbolische Solidarität hinaus tun? Die deutsche Regierung muss diversere Perspektiven mit in die Debatten aufnehmen. Sie muss außerdem ihre Unterstützung für das islamistische Regime aufarbeiten und stoppen. Die Bundesregierung ist nicht bereit, knappe Budgets in einen Satellitensender zu investieren, damit wir die Internetblockade in Iran durchbrechen können. Derweil investiert das Regime großzügig in seine Unterstützer*innen und sorgt für Unruhe und Gewalt auf deutschen Straßen. Unter diesen Voraussetzungen habe ich es satt, mich zu nutzlosen Gesprächen mit Politiker*innen zu treffen. Geht es jedoch um Iran, fehlt offensichtlich der politische Wille, effizient zu handeln.

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