Interview mit Kaveh Ghoreishi

Lage im Iran „Das ist eine revolutionäre Bewegung.“

1. Nov. 2022 Nina Süßmilch
Bild: Sarah Eick
Kaveh Ghoreishi

Im September wurde die 22-jährige Kurdin Jîna Mahsa Amini in Teheran verhaftet und starb wenige Tage später an den Folgen schwerer Misshandlungen während der Haft. Der Grund für ihre Festnahme war ein Verstoß gegen den Hijabzwang. Amini habe ihr Kopftuch, den Hijab, nicht korrekt getragen. Ihr Tod löste empörte Demonstrationen aus, die nun im Begriff sind, sich zu einer Revolution auszuwachsen, angeführt von Frauen. Als Akt gegen die staatliche Unterdrückung nehmen die Demonstrantinnen ihr Zwangskopftuch ab und schneiden sich die Haare. SIEGESSÄULE sprach mit dem im Exil lebenden kurdisch-iranischen Journalisten Kaveh Ghoreishi über die Lage im Iran

Viele deutsche Medien sind bis heute zurückhaltend bei der Berichterstattung über die Proteste im Iran. Die meisten Informationen erhält man über die sozialen Medien. Was denkst du, woran liegt die Zurückhaltung? In den letzten Protesten 2017 und 2019 gab es in der Tat deutlich mehr Aufmerksamkeit als zu Beginn der aktuellen Proteste. Vielleicht dachte man zuerst, dass die Aufstände und Demonstrationen wieder unterdrückt würden, und man war einfach vorsichtiger. Vielleicht wird es in der Zukunft etwas mehr Aufmerksamkeit geben, wenn die Proteste weitergehen.

Was ist heute anders als bei den früheren Protesten? Neu ist, dass dieses Mal die Frauen – und in den großen Städten auch die LGBTIQ*-Communitys – den Protest anführen. Was gerade in Iran passiert, ist eine Frauenrevolution. Sie singen den kurdischen Slogan „Jin Jyan Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit). Dieser Spruch stammt von der kurdischen Freiheitsbewegung in der Türkei und wurde das erste Mal im Jahr 1987 von ihrer Frauenarmee „Tevgera Azadiya Jinên Kurdistan“ (TAJK) gesungen. Später wurde er von den Samstagsmüttern in Istanbul genutzt, die Mahnwachen wegen ihrer verschwundenen Kinder abhielten. Dies wurde bald zu einem Bindeglied zwischen kurdischen und türkischen Feminist*innen, später wieder im Kampf gegen Isis und gegen die türkische Besatzung in Rojava.

Der Slogan beschreibt die kurdische Philosophie und ihre Bewegung. Sie basiert auf dem Gedanken Öcalans, der inhaftierte Mitgründer und Anführer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, der PKK, dass die Frauen die ersten Gefangenen der Geschichte überhaupt sind und dass es keine freie Gesellschaft ohne freie Frauen gibt. In der kurdischen Geschichte und Sprache ist das Wort für Frau das gleiche wie für Leben: Jin û jiyan. Manche kurdische Feministinnen und Soziologinnen fassen den Slogan „Jin, Jiyan Azadî“ so zusammen: Die Frau (Jin) kann sich nicht auf das Patriarchat, auf den Staat und den Kapitalismus, als ausbeuterische Systeme, verlassen. „Leben“ (Jiyan) in einem politischen und aktuellen Kontext bedeutet, gegen jeden Krieg und Waffenhandel zu sein. Auch ein Leben ohne Frauen und Freiheit hat keinen Sinn. Leben und freies Leben sind nur in einer freien Gesellschaft möglich. Auch eine freie Gesellschaft ist ohne die Freiheit der Frau nicht denkbar; „Freiheit“ (Azadî) ist an die Befreiung der Frau und an die Vorstellung einer freien „Frau“ gebunden, und natürlich an Freiheit von jeglicher Form von Kolonialismus und Besatzung.

Heute sehen wir diesen Kampf in Teilen von Rojava. Der universelle Aspekt dieses Slogans macht ihn zum zentralen Slogan der iranischen Proteste. Er hat eine große verbindende Kraft und konnte von Anfang an verschiedene Klassen, Gruppierungen und Meinungen zusammenbringen. Diese breite und inklusive Beteiligung ist der zentrale Unterschied zu den Protesten von 2017 und 2019. Heute sind insgesamt 200 Städte beteiligt, das ist die Hälfte aller Städte im Iran.

„Zum ersten Mal haben alle Frauen gemeinsam ihr Kopftuch abgenommen."

Warum identifizieren sich gerade jetzt so viele Menschen mit dieser Forderung? Die iranischen Frauen und die Kurd*innen waren die Gruppen, die die Islamische Republik von Anfang an nicht unterstützt haben. Sie waren die letzten, die nach der islamischen Revolution 1979–1981 – in Kurdistan noch länger – die Straße verlassen haben. Die Kurd*innen konzentrierten sich auf die Selbstorganisation, die stark links orientiert ist und sich auf die Idee der Kommune stützt. Als Minderheit waren sie nie Teil des Regimes. Sie und die iranischen Frauen haben am meisten für ihre Proteste bezahlt. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Bewegungen gegen den Hijab. Man konnte Videos in den sozialen Netzwerken sehen, wie Frauen den Hijab auf offener Straße abnahmen. Aber dieser Kampf war individueller. Bei der Beerdigung von Jîna Mahsa Amini am 17. September haben wir hingegen eine kollektive Aktion gesehen. Zum ersten Mal haben alle Frauen gemeinsam ihr Kopftuch abgenommen. Und diese Aktion war der Beginn.

In den kurdischen Gebieten, die sich über die Türkei, Syrien, Irak und Iran erstrecken, gibt es eine starke Verbindung zwischen der Zivilgesellschaft und der Politik. Man organisiert sich selbst. Die kurdische Selbstorganisation im Iran hat die Proteste maßgeblich durch Streikaufrufe mit angeschoben. Braucht man die kurdische Selbstorganisation weiterhin für die Proteste? Ich denke, dass der Aufruf zum Generalstreik ein sehr wichtiger Teil bei diesen Protesten ist. Er ist eines der wichtigsten politischen Druckmittel in der kurdischen Gesellschaft. In den letzten 40 Jahren durften die Kurd*innen nicht politisch teilhaben im Iran. Nach Aminis Beerdigung hat man dann dieses politische Mittel genutzt, um die Proteste auszuweiten. Generell versucht das Regime die Proteste und Streiks durch Gewalt in ein schlechtes Licht zu rücken: Der iranische Staat hat vor Kurzem z. B. kurdische Stellungen im Irak bombardiert. Dabei sind 17 Zivilist*innen gestorben. Aber die Kurd*innen haben nicht militärisch reagiert, sondern am 1. Oktober zum zweiten Generalstreik aufgerufen.

„Die Menschen sind auf der Suche nach einer grundsätzlichen politischen Veränderung."

Also war der Grund für den kollektiven Aufstand, dass Amini eine iranische Kurdin war? Nach der Beerdigung hat die kurdische Gemeinschaft das erste Mal in diesem Zusammenhang zu einem Generalstreik am 19. September aufgerufen. Damit begann die Bewegung. Es gibt aber natürlich wie überall auch in Kurdistan ein traditionelles Patriarchat. Im Iran haben die Gesetze die Frauen immer massiv unterdrückt und so den Wunsch aufzubegehren immens verstärkt. Deshalb gab es diesen Schulterschluss und die Proteste sind heute eine Revolution der Frauen.

Es geht nicht mehr um Reformen. Es geht um eine Revolution, oder? Das stimmt, es ist kein Wunsch mehr nach Reformen. Jetzt geht es gegen Khamenei selbst. Das hier ist eine revolutionäre Bewegung. Die Menschen sind auf der Suche nach einer grundsätzlichen politischen Veränderung. Dazu gibt es die neue solidarische Einheit zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Der Staat will die Gruppen natürlich immer gegeneinander aufreiben, aber das funktioniert gerade nicht mehr.

Was sollte als Nächstes passieren? Was erwartest du von den westlichen demokratischen Staaten? Eine Revolution kann lange dauern, und wir sollten nicht erwarten, dass nächste Woche alles vorbei ist. Von den Menschen außerhalb Irans wünsche ich mir solidarische Stimmen, dass man an den Kundgebungen teilnimmt. Journalist*innen sollten versuchen, mehr Platz in den Medien mit dem Thema einzunehmen. Von den demokratischen Staaten erwarte ich, dass es keine Zusammenarbeit mit dem iranischen Regime gibt und dass die Menschenrechte beachtet werden.

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